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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Strottern

Sie haben ein altes österreichisches Liedgut wiederbelebt: Die Strottern. Die Musiker aus Wien bringen das volkstümliche Wienerlied in zeitgemäßer Form auf die Bühne. Und dabei sind sie eher zufällig darauf gestoßen.

Musik:
Die Strottern: „Grüß Gott, ich bin das Wiener Lied“

Sprecher:
Deutschlands Nachbarland Österreich gilt als sehr traditionsbewusst. Zu dieser Tradition gehört auch das Wienerlied. Dieser Musikstil war dort besonders vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre beliebt. Begleitet von der sogenannten Schrammelgitarre, einer besonderen Gitarrenart, und einer Geige wird im Wienerlied unter anderem über das Leben, das Sterben und – wie es im Österreichischen heißt –„a Glaserl Wein“ gesungen. Viele junge Menschen lehnen das Wienerlied jedoch als altmodisch ab. Inzwischen bekennen sich manche allerdings wieder dazu, weil es zum kulturellen Erbe ihres Landes gehört. Zu den Vorreitern dieser neuen Wienerlied-Bewegung gehören „Die Strottern“. Eher zufällig kamen sie mit diesem Musikgenre in Berührung, es lief ihnen über den Weg, wie Sänger und Geiger Klemens Lendl gesteht.

Klemens Lendl:
„Das ist halt uns über den Weg gelaufen beim 70. Geburtstag von meinem Großvater, und dem haben wir dann einfach ’n paar Wienerlieder gesungen, ja. Und plötzlich spielst du deine Musik, wo du das Gefühl hast, das ist dein Ureigenstes, da bist du jetzt wirklich authentisch, ja. Wir hab’n [auf] 1000 Hochzeiten gespielt und halt ’n bisschen im Jazz dilettiert, und da bist du immer so deinen Vorbildern hinterher und hast immer das Gefühl, na ja, richtig swingen werde ich nie können, ja, weil das einfach steckt halt nicht in mir so drinnen, ja.“

Sprecher:
Um dem Großvater eine Freude zu machen, hatten sich Klemens Lendl und sein Partner, der Gitarrist David Müller, vorgenommen, Musik aus dessen Zeit zu spielen. Sie sammelten historische Notenblätter von Wienerliedern und begannen damit, sie der neuen Zeit anzupassen. Dabei fühlten sie, dass diese Musik auch sie selbst berührte, sie war – wie es Klemens Lendl ausdrückt – ihr Ureigenstes. Während sie spielten, waren sie sie selbst, sie waren authentisch. Vorher haben sie verschiedene Musikstile, unter anderem Jazz, gespielt. Sie haben – wie es Klemens Lendl redensartlich sagt – auf 1000 Hochzeiten getanzt. Es war aber nicht so gut, es war dilettantisch, wie bei einem Anfänger – oder wie Klemens Lendl im österreichischen Deutsch formuliert –, sie hatten dilettiert. Der Rhythmus des Jazz, das Swingen, steckte nicht in ihnen drinnen. Was zu ihnen passte war der Walzer-Rhythmus. Und wie kam das Duo zu seinem Namen „Die Strotter“? Klemens Lendl klärt auf:

Klemens Lendl:
Strotter ist ja der, der im Kanal den Sud sammelt, ja, und zum Seifensieder trägt, ja. Also aus dem Sud dann a Seife machen, ja: Das ist für uns a schönes Bild, machen wir auch irgendwie. Wir sammeln das, was die Menschen eher verdrängen wollen, ja, die dunklen Seiten, die jeder hat, interessiert uns mehr, daraus Lieder zu machen. Und trotzdem irgendwie versuchen wir halt, Lieder zu machen, die einen nicht runterziehen, sondern auch aus diesen sozusagen eine Idee von einer besseren Welt irgendwie herausblitzen zu lassen, ja.“

Sprecher:
Laut dem Wiener Mundartwörterbuch ist ein Strotter ein Gauner und ein Landstreicher – einer, der im kilometerlangen Kanalnetz unter der Stadt nach Verwertbarem sucht. Manche Strotter hatten sich auf bestimmte Dinge spezialisiert, wie die sogenannten Fettfischer. Sie fischten aus den Kanälen mit Netzen Knochen, Fleischreste und Fettstücke, kochten diese aus und verkauften diesen Sud dann an die Seifensieder, die daraus Seife herstellten. Das Musik-Duo macht laut Klemens Lendl im übertragenen Sinn etwas Ähnliches: Es „fischt“ Themen heraus, die die meisten Menschen am liebsten „wegwerfen“, verdrängen wollen, wie Untreue und Lügen. Sie gehören zu den negativen, dunklen Seiten des Lebens. Allerdings sollen die Wienerlieder der „Strotter“ die Menschen nicht traurig stimmen, sie runterziehen. So erzählen sie vom Leben in der Donaumetropole Wien und davon, wie die Bewohner dieser Stadt ihren Alltag bewältigen. Damit lassen sie, wie es Klemens Lendl formuliert, die Idee einer besseren Welt herausblitzen. Das Wienerlied wirkt etwas langsam, bedächtig und melancholisch. Klemens Lendl wundert das nicht.

Klemens Lendl:
„Ich denk mir da oft, das hat mit diesem gebrochenen Selbstbewusstsein zu tun, ja. In Wien speist sich ganz viel aus dieser einstmaligen Weltstadt, ja. Also: Wien war mal das New York der Welt, war ja wirklich so, einfach ein Schmelztiegel und einfach von dieser österreichisch-ungarischen Monarchie, von halb Europa die Hauptstadt, ja. Und dann mit mehr oder weniger, mit einem Schlag ist es einfach das letzte Kaff vor dem Eisernen Vorhang geworden. Und es kann sich kein Mensch von uns daran erinnern, ja, weil es ist ’ne andere Generation, aber auch das sitzt einfach tief in einem Volk oder in einer Kultur, ja. Wir sind in Wien sozialisiert und aufgewachsen, und da hat man, diese gewisse Schwere kriegt man da mit, ja.“

Sprecher:
Klemens Lendl erklärt die melancholische, schwermütige Stimmung, die gewisse Schwere der Bewohner Wiens geschichtlich: Die heutige Hauptstadt Österreichs war bis zum Ersten Weltkrieg eine Weltstadt von großer Bedeutung, in der viele Menschen aus anderen Ländern zusammenlebten. Sie war ein Schmelztiegel. Spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor Wien diese Bedeutung. Die Stadt wurde in den Augen der Wiener – wie es Klemens Lendl umgangssprachlich formuliert – zu einem kleinen Dorf, einem Kaff vor dem Eisernen Vorhang, der Grenze zu den früheren sozialistischen Staaten im Osten Europas. Melodisch hat das Wienerlied der bedeutenden Vergangenheit seiner Stadt viel zu verdanken. Es speist sich aus ihr. Denn zahlreiche Nationen haben hier über die Jahrhunderte ihre musikalischen Spuren hinterlassen. Noch heute begeistert Klemens Lendl dieser Reichtum der Klänge sehr. Er packt ihn total.

Klemens Lendl:
„Das hat uns total gepackt. Du kannst in so viele verschiedene Töpfe reingreifen,ja. Du kannst ganz Tiefes, Ordinäres herausziehen aus dieser Wiener Liediste, und du kannst ganz bürgerliches Theaterlied, oder auch du kannst ganz einfach Volkslieder, wo du das Gefühl hast, das könnt’ jetzt genauso gut irgendwo in der Steiermark auf einer Alm gespielt werden. Du kannst [mit] so vielen unterschiedlichen Dingen spielen und dich an denen reiben. Und das ist wirklich ein unendlicher Sandkasten, ja.“

Sprecher:
Die Anzahl der Lieder, die vielen Liedtöpfe, in die man hereingreifen kann, ist groß: zum Beispiel Theaterlieder, unanständige, ordinäre Lieder oder auch Volkslieder. Als Bild für diese Volkslieder verwendet Klemens Lendl die Steiermark mit ihren Bergwiesen, den Almen. Für die „Strottern“ ist diese Vielfalt wie ein Sandkasten mit Spielformen. Immer entsteht etwas Neues. Dabei setzt man sich auch mit etwas auseinander, man reibt sich an ihm. Das neueste Spielzeug der „Strottern“ ist aus Blech. Schon lange hatte das Duo mit dem Gedanken gespielt, neben Gitarre und Geige auch Blechbläser in die Komposition der Wienerlieder einzubauen. Jetzt haben sie sich endlich mit einem Trompeter und einem Posaunisten zusammengetan. Diese müssen sich allerdings etwas anpassen, wie Klemens Lendl sagt.

Klemens Lendl:
„Dies san zwei, mit denen man das machen kann, ja, die müssen sich ja wahnsinnig reduzieren, wenn sie mit uns spielen, ja, die müssen ganz leise spielen und ganz wenig, und jeder Ton ist schon zu viel, ja. Und das kann man nur mit wenigen Musikern machen, ja, denen das auferlegen, so eine Reduktion, ja, und überhaupt Bläsern, die wollen ja oft gern laut sein und Vollgas [geben], ja.“

Sprecher:
Die beiden Blechbläser können nicht sehr laut spielen, können nicht Vollgas geben, wie es Klemens Lendl unter Verwendung eines Bildes aus der Autowelt formuliert. Sie müssen sich dem eher leisen Stil des Wienerlieds unterwerfen und sich reduzieren. Nicht jeder Blechbläser würde das, was man ihm auferlegt, wozu man ihn in gewisser Weise zwingt, gerne machen. Aber, wie Klemens Lendl umgangssprachlich sagt, mit den beiden kann man das machen. Dass man auch ohne laute Töne Erfolg haben kann, beweisen die zahlreichen Preise, die sich auf dem Regalbrett der „Strottern“ sammeln. Vom Jazz Award bis zum Weltmusikpreis scheint das Wienerlied beim Publikum anzukommen.





Fragen zum Text

Laufen sich redensartlich zwei Menschen über den Weg, …
1. begegnen sie sich zufällig.
2. sind sie verabredet.
3. treffen sie sich an einem festgelegten Platz.

Besitzt man eine bestimmte Fähigkeit nicht, …
1. steckt sie nicht in einem drin.
2. versteckt sie sich.
3. hat man sie nicht gesteckt bekommen.

Lässt sich jemand umgangssprachlich herunterziehen, dann …
1. bekommt jemand schlechte Laune.
2. versprüht jemand Lebensfreude.
3. wird jemand vom Stuhl heruntergezogen.


Arbeitsauftrag
Höre dir die beiden Strophen des Liedes „Grüß Gott, ich bin das Wienerlied“ am Ende des Beitrages einmal an. Danach höre sie dir ein zweites Mal an und fülle die kursiv gesetzten Wörter in die richtigen Liedzeilen ein. Anschließend schreibe den Text auf Hochdeutsch nieder.

Reblaus – Wucht – Melodiensinganvergunnt – bedanknumgehnwanknverbucht – grund

Bei ihna ­woit ich mich mal­­­­ ______
So, so zoat wie sie mit mir ______,
Das bringt ja, das bringt ja an Fösn zum ______.
Leida sind sie da sehr alleine,
Niemand singt so schön mich wie sie.
Bitt schön, ich, ich geh a ganz ______,
Es sei mir ______,
Aber Sie hoitn’s as hoch die ______,
Sie ______ so schön,
Vielleicht wiads ja doch weidagehn,
Sie san hoid die bestn in Wien.

Ich hab so a Freud,
I weiß niemand bereits, der kommt,
Um, um Sie zwei zu sehn.
Weil sie sand a ______,
Das is beim Herrgott ______,
A gold’n ______ kriegs verliehn.

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