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Afrika

Die Straßenkinder von Sierra Leone

Seit über einem Jahrzehnt herrscht nun Frieden in Sierra Leone. Doch die Menschen leiden noch unter den Folgen des Krieges. Viele ehemalige Kindersoldaten werden von ihren Familien verstoßen und leben auf der Straße.

Straßenkind Sierra Leone(Foto:DW)

Leben ohne Perspektive? Ein Straßenkind in Sierra Leone

Der Weg nach Susan´s Bay führt durch einen Markt, wo neben Plastikeimern und billigen Jogginghosen Obst und Gemüse liegen. In den engen Gassen, die zum Meer führen, ist keine Spur mehr vom Bürgerkrieg zu sehen. Hier herrscht afrikanische Normalität. Unten am Ufer, in den Holzhütten und Blechbaracken von Susan´s Bay, ist man dem Konflikt aber schon wieder näher. Denn die Gegend und die Menschen, die hier in bitterer Armut leben, sind vom Krieg gezeichnet. Vor allem der tiefe Ernst, den schon kleine Kinder und Jugendliche ausstrahlen, ist auffallend. So wie bei dem 8-jährigen Wasserträger, der mit Hilfe seiner orangenen Trillerpfeife Wasser verkauft, oder dem Mädchen, das sich - schwer mit Feuerholz beladen - mühsam einen Weg über Stufen und Abhänge durch die Menge bahnt.

Keine Zukunft?

Müll Sierra Leone(Foto:DW)

Müll wohin das Auge reicht - das Elendsviertel von Freetown

Zu lachen gibt es hier, im Elendsviertel des ärmsten Landes der Welt, nur wenig. Abfall schiebt sich durch die Wasserläufe, die den Stadtteil durchziehen. Am Hang unterhalb einiger Holzhütten ist ein kleiner Platz, dessen Lehmboden schon ganz niedergetrampelt ist. Hier treffen wir den Sozialarbeiter Raymond, der sich um die Kinder und Jugendlichen dieses Stadtteils von Freetown sorgt. "Hier halten sich die Kinder auf, die ständig auf der Straße leben. Sie leben vom Drogenhandel oder von Diebstählen. Sie schlafen auch hier, denn es gibt für sie überhaupt keine Vorsorge von Seiten der Regierung. Keiner kümmert sich um sie."

Vom Traum ein Popstar zu werden

Ein großgewachsener 17-Jähriger, der sich um eine coole Cowboyhaltung bemüht, kommt auf uns zu. Hip-Hop, so der Name des Jugendlichen, gehört zu den geschätzten 3000 Straßenkids von Freetown. Der Tod von Michael Jackson, der beschäftigt ihn. Doch wenn man ihn nach seinen eigenen Problemen fragt, dann wird er wortkarg und weicht aus. "Ich habe meinen Vater getroffen, aber er hat abgelehnt, mich nach Hause zu holen." Hip-Hop ist gegen Ende des Krieges von zu Hause abgehauen. Seine Familie wohnt etwa 80 Kilometer von Freetown entfernt. Lesen und Schreiben kann Hip-Hop nicht, denn eine Schule hat er nicht besucht. Die zehn Jahre auf den Straßen von Freetown haben dem 17-Jährigen viel genommen, aber nicht seinen eigentlichen Traum: ein Popstar wie Michael Jackson zu werden. Wenn er davon erzählt, dann muss er selber lachen. Nein, es gebe auch realistische Dinge, die er gerne tun würde, um Geld zu verdienen. Motorradtaxi fahren oder Autos reparieren sind zum Beispiel einige davon. Sozialarbeiter Raymond kennt Hip-Hop schon lange.

Vergebliche Hilfe?

Armut Sierra Leone(Foto:DW)

Oft sind die Familien zu arm, um für ihre Kinder aufzukommen

Mit seiner Hilfsorganisation, den "Christian Brothers", versucht Raymond, die Verbindung zu den Familien der Straßenkinder wieder aufzunehmen. Doch viele nehmen ihre Kinder auch deshalb nicht zurück, weil sie zu arm sind, um für ihre Kinder aufzukommen. Das sei auch der Grund, warum es manchmal so schwierig sei, sie wieder in ihre Familien zu bringen, bedauert Raymond. Doch manchmal gebe es auch kleine Erfolge, so wie in der letzten Woche. "Wir haben einen Jungen zu seiner Familie nach Maschaka gebracht, nicht so weit von Freetown entfernt. Und wir haben mit den Eltern verabredet, dass wir für ein Jahr seine Schulkosten tragen, so dass er zur Schule gehen kann." Raymond selbst würde trotz aller Missstände niemals sein Land verlassen, seine Zukunft sieht er in Sierra Leone. "Ich habe nur dieses Land und es ist meine Heimat", sagt der 23-Jährige. Eine Heimat, in der Gewalt auch noch zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges die Menschen prägt.

Das Trauma des Krieges

Straßenkinder Sierra Leone(Foto:DW)

Ihre Familien sind tot, oder wollen sie nicht mehr haben - Straßenkinder in Susan´s Bay

Etwa ein Drittel der Bevölkerung war während des Bürgerkriegs auf der Flucht. Eine unbekannte Zahl von Frauen und Mädchen wurde vergewaltigt, ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und tausende unschuldiger Zivilisten verstümmelt. Der Krieg hat ganze Familien auseinandergerissen und zerstört. Mühsam versuchen Entwicklungshelfer wie Manfred Rink, der als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes in der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) die Christian Brothers unterstützt, die Familien ausfindig zu machen. Besonders schwer, seien diese Integrationsversuche gewesen, wenn es um ehemalige Kämpfer gegangen sei. "In der Rebellenarmee gehörte es dazu, dass die Kinder vor der Aufnahme als Kämpfer, aufgefordert wurden, an ihrer eigenen Familie oder Gemeinschaft grausame Verbrechen zu verüben", sagt Rink. Teilweise hätten diese Kinder entsetzliche Gräueltaten verüben und zum Beispiel ihre eigenen Eltern, oder den Chef ihres Dorfes ermorden müssen. Die RUF habe das deshalb gemacht, um den Jugendlichen jeden soziale Nährboden zu entziehen. Später seien diese Kämpfer natürlich von ihren Gemeinschaften abgelehnt worden. "Über Jahre haben sich die Familien dagegen gewehrt, dass diese Jugendlichen zurückkommen", bedauert Rink.

Auch wenn es inzwischen Straßenkinder gibt, die nicht selbst im Krieg gekämpft haben, so ist das Trauma der Gewalt in jeder Familie Sierra Leones präsent. Erst vor kurzem habe er einen 16-Jährigen zurück nach Maschaka gebracht, einem Dorf etwa 80 Kilometer von Freetown entfernt. Der Vater des Jungen sei während des Krieges ermordet worden, die Mutter habe inzwischen neu geheiratet. Doch das Trauma dieses Jungens sei nach wie vor sehr präsent gewesen, sagt Rink. "Als er vier Jahre alt war, musste er dabei zusehen, wie sein Vater bei lebendigem Leib von den Rebellen der RUF verbrannt wurde. Darüber ist dieser Junge bis heute nicht hinweggekommen."

Autorin: Ute Schaeffer

Redaktion: Michaela Paul

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