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Deutschland

Die Stones und die RIAS-"Ente"

1969 macht ein Gerücht in Ost-Berlin die Runde: Die Rolling Stones sollten auf dem Westberliner Springer-Hochhaus spielen. DW-Redakteur Manfred Böhm, der im Ostteil der Stadt aufwuchs, erinnert sich.

Mick Jagger & Co waren für mich damals eigentlich nur zweite Wahl, denn ich stand mehr auf John, Paul, George und Ringo. Beide Bands, die Rolling Stones und die Beatles, standen auch bei uns Jugendlichen in der DDR ganz oben auf der persönlichen Hitliste. Und wie überall auf der Welt tobte auch unter uns der "Glaubenskrieg", welche Band die bessere sei.

Manfred Böhm, Redakteur der Deutschen Welle. Foto: DW

Manfred Böhm war dabei...

Wer wie ich in Ostberlin aufwuchs, konnte Radiosender aus dem Westteil der Stadt auf UKW in bester Qualität und ohne lästige Störsender hören. Sendungen wie "Schlager der Woche" und "Treffpunkt" vom RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) oder "SFBeat" vom Sender Freies Berlin haben wir am Kofferradio auf der Straße oder zuhause mit stets aufnahmebereitem Tonbandgerät fast nie verpasst. Sie brachten die Hits, die wir hören wollten.

Der Reiz des Verbotenen

Dabei war westliche "Beatmusik" von Staats wegen unerwünscht und als dekadent verpönt. Schallplatten mit Westmusik gab es nicht. Auch "DT64", das Jugendprogramm des (Ost-)Berliner Rundfunks, konnte den Westsendern nicht viel entgegensetzen, selbst wenn im Programm hin und wieder ein Titel aus dem kapitalistischen Ausland gespielt wurde. Uns reichte das aber bei weitem nicht. Immer wieder kursierten unter uns West-Zeitschriften wie die "Bravo", die illegal - weil verboten - über die Grenze gelangt waren. Sämtliche Bilder unserer Idole wurden fleißig auf Schwarz-Weiß-Film abgelichtet und während der Foto-AG in der Schule heimlich entwickelt. Die Fotos standen hoch im Kurs und waren heiß begehrte Tauschobjekte.

Mick Jagger. Foto: dpa

... Mick Jagger leider nicht - damals, 1969 in Berlin.

Doch das alles war nichts im Vergleich zu dem, was am 7. Oktober 1969 geschah. Es war der 20. Jahrestag der DDR, und der sollte nach dem Willen der Partei- und Staatsführung groß gefeiert werden. In Berlin gab es neben der üblichen Militärparade auch ein großes Volksfest. Am Alexanderplatz im Zentrum der Stadt sollte die Jugend feiern. Ich (damals 16) wollte mit meinem Freund auch dorthin. So sagten wir es jedenfalls unseren Eltern. In Wahrheit fuhren wir mit der U-Bahn von Pankow nicht bis zum "Alex", sondern vier Stationen weiter.

Die Sensation: Stones-Konzert an der Berliner Mauer

Der RIAS hatte ein Gerücht gestreut, das uns und viele andere regelrecht elektrisiert hatte: Die Rolling Stones würden am Nachmittag auf dem Dach des Springer-Hauses direkt an der Mauer ein Konzert geben. Das wollten wir nicht verpassen!

RIAS-Logo aus den Sechzigern. Foto: dpa

Der Sender "RIAS" hatte das Konzert-Gerücht gestreut.

Doch als wir aus dem U-Bahnhof kamen, waren die Straßen zur nahen Grenze bereits weiträumig von der DDR-Volkspolizei abgesperrt. Obwohl man uns aufforderte, die Gegend zu verlassen und doch lieber am Alex Republikgeburtstag zu feiern, versuchten wir wie viele andere weiter in die Nähe der Grenze zu kommen. Allerdings merkten wir recht schnell, dass die Obrigkeit keinen Spaß verstand. So mussten wir mit ansehen, wie Mitglieder der so genannten "Ordungsgruppen", die aus Angehörigen der Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend" bestanden, unter den Augen der Polizei eine regelrechte Hetzjagd auf junge Leute veranstalteten, die nicht dem Bild eines "jungen Sozialisten" entsprachen. Manch einem wurden sogar auf offener Straße die langen Haare abgeschnitten. Besonders Unwillige wurden auf Polizei-LKW verladen und weggefahren. Wir hatten Glück und kamen gerade noch rechtzeitig davon. Doch Lust zum Feiern am "Alex" hatten wir nun auch nicht mehr.

Enttäuschung, aber kein Frust

Wir fuhren lieber nach Hause und hörten dort Westradio, um zu erfahren, was da wirklich los war am Springer-Hochhaus: Vom Stones-Konzert war allerdings keine Rede mehr; dafür umso mehr vom Einsatz der Volkspolizei gegen Jugendliche an der Mauer. Wir waren enttäuscht und ziemlich verwirrt. Wie sich herausstellte, hatte der Westen die DDR offensichtlich mit einer Falschmeldung provoziert und sein Ziel erreicht. Das fanden wir allerdings genau so wenig gut, wie das unrühmliche Verhalten der DDR-Staatsmacht.

Die DDR-Rockband Silly

Silly - die Band von Tamara Danz stand für Rock "Made in GDR"

Unserer Begeisterung für gute Rock- und Popmusik konnte das alles aber nicht schaden. Das erkannten offensichtlich auch Partei und Regierung. So durfte sich In der DDR nicht nur eine eigene Rockmusikszene mit so bekannten Gruppen wie den Puhdys, Karat oder Silly entwickeln, auch die staatlichen Einschränkungen gegenüber westlicher Musik wurden in kleinen Schritten gelockert. Wir waren über jeden Titel froh, den wir nun auch im DDR-Rundfunk, in Jugendklubs, bei Konzerten und auf dem Tanzboden hören konnten. Mal ganz abgesehen davon, dass auch so mancher Star aus dem Westen, wie zum Beispiel Udo Lindenberg, der Sprung auf eine DDR-Bühne gelang.