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Kultur

Die stille Revolution des Alters

Fit und gesund bis ins hohe Alter - das wird in Zukunft kein frommer Wunsch, sondern eine Notwendigkeit sein. Der zweite "World Ageing and Generation Congress" diskutierte Chancen und Risiken des Generationenwandels.

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Veraltete Gesellschaft?

Wer heute ein Altersheim eröffnet, kann sich einer konstanten Einnahmequelle ziemlich sicher sein: In Europa und Nordamerika steigt das Durchschnittsalter rapide an. Die "World Demographic Association" (WDA) will sich den Herausforderungen und Chancen des demographischen Wandels stellen und nachhaltige Lösungen entwickeln: international, interdisziplinär und intergenerationell. Zu diesem Zweck traf sich beim zweiten "World Ageing and Generations Congress " vom 27. bis zum 29. September 2006 ein hochkarätiges Publikum aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an der Universität St. Gallen.

"Recht auf Partizipation"

Gerda Lott Senioren Universität in Leipzig

Senioren Universität Leipzig: Bildung hält fit

Sicher ist, dass der Generationswandel die Lebensqualität im Alter entscheidend beeinflussen wird. Alan Walker betont, dass Lebensqualität für ältere Menschen ein vielschichtiges und komplexes Phänomen sei. "Die Lebensqualität hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, von der Gesundheit, sozialen Beziehungen, einem adäquaten Einkommen", sagt der Direktor der "European Research Area on Ageing" (ERA-AGE) in Großbritannien. Man benötige substantielle und vor allem interdisziplinäre Forschung, um die Bedürfnisse älterer Menschen wirklich zu verstehen. Immerhin habe sich "die Situation von alten Menschen in den letzten Jahren deutlich verbessert, zum Beispiel hat der sich der Grad an Einsamkeit deutlich verringert", so Walker. Die hauptsächlichen Probleme bestünden im Mangel an Gesundheitsvorsorge, sozialem Ausschluss und dem geringem Einkommen Älterer in vielen Ländern.

Auf dem Kongress wurde deshalb immer wieder die Forderung nach einem Paradigmenwechsel laut: "Ältere Menschen haben ein Recht auf Partizipation", sagte Alexandre Kalache von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Er ermutigte zur Kompetenzförderung der Älteren und damit zur Erhöhung ihrer Lebensqualität.

Die "stille Revolution"

Zunehmende Alterung bedroht Sozialsysteme

Zunehmende Alterung bedroht die Sozialsysteme

Die Warnung der Experten ist eindeutig: Aus der wachsenden Zahl alter Menschen resultieren finanzielle, wirtschaftliche und soziale Veränderungen. Diese wurden bei der Konferenz klar formuliert. Das deutsche Rentenloch ist nur eine der zahlreichen Auswirkungen der "stillen Revolution", wie der scheidenden UNO-Generalsekretär Kofi Annan den demographischen Trend zu mehr Alten und weniger Jungen bezeichnete: Die Sicherung der Gesundheitssysteme von Ländern mit hohem Durchschnittsalter der Bevölkerung sind ebenso gefährdet wie die gesamte Wirtschaftskraft.

"Es werden schon bald enorme ökonomische Kosten entstehen, wenn die Jüngeren weiterhin viel und die Älteren im Vergleich dazu so wenig arbeiten", prognostiziert Kristín von Kistowski vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des demographischen Wandels. Wie in den meisten Industrienationen steigt die Lebenserwartung in Deutschland seit Mitte der 1950er Jahre um zwei bis drei Lebensjahre pro Jahrzehnt, derzeit beträgt sie 81 Jahre für Frauen und 76 für Männer. "2050 werden vermutlich die meisten Menschen über 90 Jahre alt werden", sagt Kristowski. Bei weiteren Verbesserungen von Medizin und Versorgung würde jedes zweite heute geborene Kind wohl seinen hundertsten Geburtstag erleben.

Dritte Welt: Alt, aber nicht reich

Armut in Bulgarien Rentnerin in Sofia

Bettelnde Rentnerin in Sofia: Nicht überall altert es sich so schön wie in Deutschland

"Generell sind Senioren in Nordeuropa finanziell besser gestellt als im Süden", berichtet Walker. David Bloom, Professor für Wirtschaft und Demographie von der Harvard University, nannte als wichtigste Tendenzen der demographischen Entwicklung den abnehmenden Bevölkerungszuwachs und die ebenfalls abnehmende Fertilitätsrate weltweit. Während die Bevölkerung kontinuierlich älter werde, nehme auch die Migration von ärmeren zu reicheren Ländern weiterhin zu. Rogelio Fernàndez Castilla vom United Nations Population Fund erinnerte die Kongressbesucher daran, dass nur die industrialisierten Länder zuerst reich und dann alt geworden ist. Die Entwicklungsländer werden alt, bevor sie Gelegenheit hatten, reich zu werden.

Solidarität der Generationen

Was die Konferenz vor allem will: Die breite Öffentlichkeit erreichen, den Menschen die Folgen der "stillen Revolution" ins Bewusstsein rufen. Und tatsächlich haben sich 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 48 Ländern dieses Jahr eingeschrieben, um 130 Rednerinnen und Redner aus den verschiedensten Disziplinen zuzuhören - deutlich mehr als 2005. An dem unbequemen Thema besteht offensichtlich ebenso viel Interesse wie es Bedarf an Informationen darüber gibt.

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