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Musik

Die Sterne - Nordlichter im Diskonebel

Die Sterne aus Hamburg, bekannt als kritische und schäppernde Indie-Rockband, haben ihren Sound erneuert. Mit wummernden Bässen und Synthesizern zeigen sie die subversiven Elemente der Diskomusik.

Die Sterne: Die neue CD heißt 24/7 (Foto: Pamela Russmann)

Was haben 'Blumfeld' mit 'Den Sternen' gemeinsam? Sie werden meist in einem Atemzug genannt, denn sie stammen aus dem Dunstkreis der so genannten 'Hamburger Schule' – das ist Diskursrock aus Deutschland; also keine Naturlyrik über Blumen und Sternenhimmel. Die Sterne singen seit knapp zwanzig Jahren über Themen, die sie und ihre Altersgenossen politisch und gesellschaftlich in unserem Land bewegen. Der Diskurs entsteht genau dann, wenn innerhalb des musikalischen Netzwerks die Themen aufgegriffen und künstlerisch weiter gesponnen werden. Die Stimme von Sänger Frank Spilker könnte genauso gut einem Knabenchor entsprungen sein: So zart und klar ist sie – klar sind auch die Texte, aber nicht zart. Eher ironisch, etwas zynisch, die Kritik schwingt zwischen den Zeilen immer mit, sie wird den Hörern aber niemals aufgezwungen, dafür sorgt auch nicht der Sound. Für eine Gitarrenrockband waren sie schon immer eher funkig, tanzbar, fast lustig und selten aggressiv, wie man es ihren Kollegen der Band 'Tocotronic' nachsagen könnte. Mit "Was hat dich bloß so ruiniert" gelang ihnen 1996 eine Hymne der Jugendkultur

Die Band Die Sterne (Foto: Marlen Gawrisch)

Disko – frisch und unverbraucht

Doch was geschah nun auf ihrem neunten Studioalbum 24/7? Hört man sich das erste Stück "Depressionen aus der Hölle" an, so ertappt man sich selbst dabei, wie die Füße im Takt wippen und sich vor dem geistigen Auge die Diskokugel dreht. Darunter steht John Travolta und lädt zum Tanzen ein. Wie passt die vermeintlich oberflächliche und glitzernde Diskoszene mit Diskursrock zusammen?
"Wenn du die Geschichte von Diskomusik anguckst, das kommt aus einer schwulen Subkultur der mittleren 70er Jahre in New York und erstmal hat es eine große politische Dimension – es ist alles andere als oberflächlich – und dann gibt es so viele verschiedene Spielarten auch im Sound. Natürlich, als Künstler ist man nie auf diese billigen Seller aus, sondern auf die Wurzeln des ganzen und bemüht sich, immer einen neuen Sound zu erschließen, der in einem neuen Zusammenhang frisch und unverbraucht klingt", antwortet Frank Spilker.

Die Band Die Sterne (Foto: Pamela Russmann)

Burnout und Depression einfach wegtanzen

Kommen wir von der Form zum Inhalt von 24/7. Spätestens bei den Texten schwindet der Vorwurf des Oberflächlichen. 24/7 sollte es eigentlich auf Rezept geben, denn es hat therapeutische Wirkung. "Wohin zur Hölle mit den Depressionen“? Einfach in die Disko gehen und das Leid vergessen. Historisch betrachtet wurde der Diskothek schon immer diese Rolle zugesprochen: "Nimm als Beispiel die Texte von Madonna. Da geht es eigentlich immer um den Dancefloor als Utopieort, aber auch als den Ort, wo sich die Underdogs der Gesellschaft treffen und gemeinsam Kraft schöpfen: Draußen ist das Übel, Drinnen sind wir - wir sind die Guten. Und so eine ähnliche Utopie zählt auch für mich. Ich verstehe den Dancefloor als geistigen Wellnessort, um das Draußen auszuhalten."

Die Band Die Sterne (Foto: Die Sterne)

Rund um die Uhr verfügbar

24/7 heißt übersetzt 'rund um die Uhr verfügbar'. Auf den ersten Blick klingt das verlockend, die Möglichkeit auch nachts um drei Uhr noch shoppen zu können. Doch Zivilisationskrankheiten wie Burnout gelten als Folge einer immer schneller werdenden Welt ohne Entspannungsmöglichkeit. Und: Das Angebot bestimmt nicht nur die Nachfrage, es erzwingt sie auch. "Für mich ist die Krise ein Druckmittel, um die Menschen noch mehr in diese Opferbereitschaft oder Leistungsbereitschaft reinzudrücken", meint Frank Spilker. "Wer immer konsumieren will, dem muss klar sein, dass er auf der anderen Seite immer mehr liefern muss." Auf dem Titelstück zelebriert Spilker den "Convenience Shop" und bietet sich selbst als Sklave an. Doch Vorsicht! Bei den Sternen lauert wirklich an jeder Ecke die Ironie. 24/7 ist am Ende alles andere als eine Hymne auf den Hedonismus. Die Sterne relativieren das alte Diskoklischee, indem sie die Leute beim Tanzen zum Nachdenken bringen. Das ist das Neue und das ist das Schöne an 24/7.

Autorin: Eva Gutensohn
Redakteur: Matthias Klaus

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