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Deutschland

Die Stasi und Mutter Teresa

Im September 2016 will Papst Franziskus Mutter Teresa heiligsprechen. Die prominenteste katholische Ordensfrau reiste in den 1980er-Jahren mehrmals in die damalige DDR - und die Stasi beobachtete sie mit Interesse.

Die staatliche Aufmerksamkeit galt kaum dem Lebenswerk oder im Westen diskutierten inhaltlichen Aussagen von Mutter Teresa. 1910 im heutigen Skopje geboren, kämpfte sie seit 1950 gegen das Leid der Ärmsten der Armen im indischen Kalkutta und sorgte damit für Aufsehen. Das Wirken der von ihr gegründeten Missionarinnen der Nächstenliebe machte Mutter Teresa seit den 1970er-Jahren weltbekannt. 1979 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Gerade nach dieser Ehrung besuchte die viel reisende Ordensgründerin fast jedes Jahr mindestens einmal die Bundesrepublik. Und von 1980 bis Anfang 1989 kam sie öfter als ein halbes Dutzend Mal auch in die DDR.

Das Regime in Ost-Berlin war kirchenfern und oft -feindlich, aber es schaute doch mit Neugier auf den prominenten Gast und schielte auf medialen Eigennutz. Die Ordensfrau galt als "hochrangiger Besuch". Mal steht in den Stasi-Akten "Mutter Teresa", mal "Mutter Teresia", "Mutter Theresa", "MUTTER TERESA" oder die "als Mutter TERESA bekannte indische Ordensschwester Mary Teresa BOJAXHIU".

"Grenzpassage bevorzugt"

Es fällt durchaus auf, dass die tatsächlichen Wege Teresas gerne von der angekündigten Planung abwichen. Mal kam sie einen Tag später an, mal flog sie einen Tag früher fort. Jedenfalls waren die Behörden und die Stasi gern vorher informiert. Als Mitte 1986 in der "Berliner Morgenpost" aus dem Hause Springer eine kurze Notiz über einen anstehenden Besuch Mutter Teresas in West-und Ost-Berlin erschien, landete dies mit dem Vermerk in den Akten "Bisher nichts bekannt. HA XX und VI informiert". Bis zur Einreise (in einem Mercedes des indischen Generalkonsulats) und Ausreise (per Interflug ab Schönefeld nach Athen) waren dann die diversen Abteilungen sensibilisiert. Und wie meist findet sich in den Akten die Anweisung: "Grenzpassage bevorzugt und zollkontrollbefreit."

Der erste Besuch 1980 war sicher am spektakulärsten: Mutter Teresa hielt sich zum Deutschen Katholikentag in West-Berlin auf und ließ dem Staatssekretariat für Kirchenfragen der DDR ihr Ersuchen zukommen, am 5. Juni an der Fronleichnamsfeier vor der St. Hedwigs-Kathedrale teilzunehmen. Über den damaligen Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Oskar Fischer, erreichte der Vorgang den Minister für Staatssicherheit (MfS), Erich Mielke. Er schlage vor, so Fischer, "ihr ausnahmsweise als Ausländerin die Einreise über die Grenzübergangsstelle Heinrich-Heine-Straße zu gestatten".

Mutter Teresa Fronleichnamsprozession der katholischen Kirche in Ostberlin Copyright: BStU

Juni 1980: Mutter Teresa bei einer Fronleichnamsprozession in Ost-Berlin

"Schwarz-Weiß-Fotos in den Akten"

Zum Fronleichnamsfest kamen tausende Besucher aus West-Berlin in den Ost-Teil der Stadt, 2544 Personen wurden an den Übergangsstellen "herausfiltriert". Allein die Stasi hatte 115 zusätzliche Kräfte im Einsatz, auch zur Beobachtung der gebürtigen Albanerin mit dem indischen Diplomatenpass. Bei ihrer Einreise vermerkte die Stasi nur, dass ihre "Einreisegrenzpassage" von Westberliner Seite aus durch zwei unbekannte Personen gefilmt und fotografiert worden sei. Als Mutter Teresa vor der Kathedrale eingetroffen war, wurde sie wiederum von Spitzeln vielfach mit Gläubigen und Gesprächspartnern fotografiert. Zahlreiche Fotos finden sich in den Akten.

Im Jahr darauf, 1981, nahmen vier Schwestern von Mutter Teresa im Ost-Berliner katholischen Sankt-Hedwig-Krankenhaus in der Betreuung Schwerkranker und Sterbender die Arbeit auf. Zwei Jahre später schaute erstmals Mutter Teresa in dem Krankenhaus vorbei.

Mit Blumenstrauß und Aktueller Kamera

Ein Detail von 1984 zeigt, wie es dem Staat um öffentliche Wirkung ging. Damals wollte Mutter Teresa eine mittlerweile entstandene zweite Niederlassung in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, besuchen.

Erich Mielke Urhebervermerk ullstein bild-Succo

Minister für Staatssicherheit der DDR: Erich Mielke

Die Entscheider vor Ort erfuhren von der Visite erst, als sie bereits begonnen hatte - und der Oberbürgermeister, Genosse Kurt Müller, suchte Rat. Den gab aus Berlin der Stellvertreter des Staatssekretärs für Kirchenfragen: Es sei "von aller höchstem Interesse, dass es hier in der Stadt zu einer Begegnung mit dem Oberbürgermeister" komme. Darüber solle "heute Abend in der Aktuellen Kamera" (das war die Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens; Anmerkung des Autors) berichtet werden. Es müsse unbedingt veranlasst werden, dass zumindest ein Standfoto von der staatlichen Nachrichtenagentur ADN angefertigt werde, im Auftrag von UPI und anderen westlichen Medien. Denn die "Westpresse warte, wie die Mutter Theresa in der DDR behandelt werde".

Allein - das Drängen des Staatsekretärs zu einem Empfang und zwanglosem Gespräch im Rathaus ging nicht auf. Sie wolle dem Oberbürgermeister einen Brief schreiben, ließ sie ihren gastgebenden Priester ausrichten, aber für einen Besuch sei diesmal wirklich keine Zeit. Schließlich wurde der Oberbürgermeister beauftragt, zu Mutter Teresa in den ärmlichen Konvent der Schwestern zu fahren. Mit Blumenstrauß und Bildband von Karl-Marx-Stadt. Auch mit dem Team der Aktuellen Kamera, "von Anfang bis Ende". Und die staatliche Nachrichtenagentur ADN sprach von einer "herzlichen Begegnung".