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Europa

Die Stadt, die von den Flüchtlingen lebt

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird das Flüchtlingslager im griechischen Idomeni geräumt. Darüber freut sich nicht jeder in der Region. Jannis Papadimitriou berichtet aus Polykastro.

Thomas Pournaras, gut situierter Rentner in der nordgriechischen Grenzstadt Polykastro, macht sich Sorgen wegen der Flüchtlinge im benachbarten Idomeni. Nicht nur, weil sie in den vergangenen Monaten in Scharen gekommen waren - sondern vor allem, weil sie nun wieder gehen sollen. Seit Dienstagmorgen werden Tausende Flüchtlinge und Migranten aus der Region wegtransportiert und in staatliche Auffanglager im Großraum Thessaloniki umgesiedelt. Das überfüllte Notlager in Idomeni, das nach jedem Regen im Wasser und Schlamm versinkt, soll endlich aufgelöst werden.

Thomas Pournaras (Foto: DW)

Thomas Pournaras

Das ist nicht nur eine gute Nachricht, findet der Mann aus Polykastro: "Ich verstehe, dass diese Menschen bessere Lebensbedingungen brauchen", sagt Pournaras im Gespräch mit der DW. Flüchtlingsfamilien mit Kindern habe die Sommerhitze bestimmt zu schaffen gemacht und gefährliche Infektionen begünstigt, gibt er zu bedenken. Andererseits: "Ich habe Angst, dass die Wirtschaft in der Region praktisch zusammenbricht, wenn die Flüchtlinge, und mit ihnen auch die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), aus der Region wegziehen", sagt der Ruheständler.

Polykastro ist eine typische Garnisonsstadt im Norden Griechenlands: unschön, aber irgendwie sympathisch, lebendig, angenehm übersichtlich. Betonfassaden prägen das Stadtbild. Zu Wohlstandszeiten waren über 3000 Soldaten in naher Umgebung stationiert, nach zahlreichen Sparrunden blieben bis heute nur 800 von ihnen übrig. Ansonsten waren Lkw-Fahrer auf der Durchreise die einzigen Gäste in Polykastro - bis 2015, als Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt im Zuge der Flüchtlingskrise die Stadt für sich entdeckten. "Seitdem bleibt kein Appartement und kein Keller in der Stadt unvermietet; für unsere Lokalwirtschaft waren die NGOs eine genauso große Stütze wie früher das Militär", sagt der drahtige Senior, der seit 46 Jahren in der Garnisonsstadt lebt.

Soldatendenkmal in Polykastro (Foto: DW)

Soldatendenkmal in Polykastro

Geben und Nehmen

Pournaras legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass die Einheimischen, trotz eigener Not, den Flüchtlingen immer uneigennützig geholfen haben. Oft hätten Freiwillige aus der Region Lebensmittel an die Neuankömmlinge verteilt oder für sie gekocht, sagt er. Postzusteller Panagiotis Depoudis gibt seinerseits eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Flüchtlinge in Polykastro auf Hilfsbereitschaft stoßen: Die Bewohner "helfen - und ihnen werde geholfen". Vor allem die NGOs trügen nämlich zum Abbau der Arbeitslosigkeit in der Region bei, stellt Depoudis mit Genugtuung fest. Dass alle Flüchtlinge aus Idomeni in den nächsten Wochen wegziehen, glaubt er nicht.

Panagiotis Depoudis (Foto: DW)

Panagiotis Depoudis

"Die mangelnden Unterbringungskapazitäten sind ein ernsthaftes Problem und man kann es vielleicht mildern, aber nicht einfach wegtransportieren", mahnt der 50-Jährige. Deshalb seien Lokalpolitiker und NGOs gut beraten, rechtzeitig ein Konzept für Schulbildung und Integration der Flüchtlingskinder zu erarbeiten. Spätestens im September, also nach den Sommerferien, müssten sie sich dieser Herausforderung stellen, mahnt Depoudis.

Unterdessen hält Athen an der Evakuierung des Zeltlagers in Idomeni fest: Rund 2000 Flüchtlinge hätten das Lager am ersten Tag der Räumung friedlich verlassen, hieß es aus Regierungskreisen. Pressevertreter sind bei der Räumungsaktion unerwünscht und dürfen nur von einer überwachten Straßenkreuzung berichten - etwa fünf Kilometer von Idomeni entfernt und ohne Blick auf den Ort des Geschehens. Zugang zum Flüchtlingscamp haben derzeit nur die Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur ANA sowie die des Staatsfernsehens ERT, das trotzdem kaum darüber berichtet. Alle anderen Medienvertreter werden von der Polizei zurückgewiesen. Was auf der Rückfahrt nach Polykastro auffällt: Anders als noch im März, sind keine Flüchtlinge nach Idomeni unterwegs. Polizeistreifen alle tausend Meter, Busse werden durchgewinkt, verdächtige Fahrzeuge angehalten.

Taxifahrer als Schlepper?

Zu den verdächtigen Fahrzeugen werden nicht zuletzt Taxis gezählt - sofern sie Menschen in Richtung Grenze befördern. Ein riskantes, aber durchaus erträgliches Geschäft? "Würde ich nie machen", erklärt Taxifahrer Lazaros. Er sagt, die Polizei verstehe da keinen Spaß und würde Taxifahrer mit Flüchtlingen an Bord als Menschenschlepper behandeln. Deshalb sei er kaum in Richtung Idomeni unterwegs. Obwohl: Einmal, vor zwei Wochen, sei Lazaros mit zwei Griechen nach Gevgelija gefahren, auf die andere Seite der griechisch-mazedonischen Grenze. Aber die beiden waren bestimmt keine Flüchtlinge? "Nein, die wollten an einem Pokerturnier dort teilnehmen", sagt Lazaros. Auch das gehört zum Alltag an der griechisch-mazedonischen Grenze.

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