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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Sprachforscher

Rund vier Milliarden Wörter und Tausende Stunden Höraufnahmen: das ist die Grundlage für die Arbeit des Instituts für Deutsche Sprache (IDS). Ob grammatische Veränderungen oder Wortneuschöpfungen – alles wird erforscht.

Gebäude des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim mit Logo

Ein modernes Institut in historischen Gemäuern

O-Ton:

"Wenn man denn na de School künnt, dann mööt man ja

direkt Platt anfangen, denn de Mecklenbürger

snacken all Platt. Wer do Hochdüütsch snackt,

is en Utländer. Dat heet: Ach, der is en

Hochdüütschen, dat heet so vääl, der kümmt von wiet her.

Hoch un niedrig snackt ok Platt. Un wer von den

Einheimischen Hochdüütsch sprekt, ne, das is en

Öwersplienschen, der bilt sich wat in, so ungefähr is

dat door, in dat Land von Fritz Reuter."

Sprecherin:

Der Mann aus Schwerin, der Hauptstadt des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern spricht in seiner norddeutschen Mundart. Er sagt, dass die Menschen bei ihm zu Hause alle platt sprechen, also Mundart, egal ob sie arm oder reich sind. Wer hochdeutsch spricht wird als Utländer erkannt, als Ausländer, als Fremder. Und wer von den Einheimischen hochdeutsch spricht, der hält sich für etwas Besseres. Zu hören ist dieses Mundartbeispiel auf einer CD des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Hier werden sowohl mündliche als auch schriftliche Beispiele deutscher Gegenwartssprache gesammelt, ausgewertet und archiviert. Das Institut für Deutsche Sprache wurde 1964 gegründet. Es ist zwar die größte außeruniversitäre germanistische Forschungsinstitution im deutschsprachigen Raum, wird jedoch allen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Dr. Annette Trabold beschreibt, wie das Institut funktioniert.

Annette Trabold:

"Die Aufgabe des Institutes ist eben, die deutsche Sprache im gegenwärtigen Gebrauch und in der jüngeren Geschichte zu erforschen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil ja historisch betrachtet, die Sprachforschung, die Sprach-Germanistik in erster Linie eben historisch gearbeitet hat, also historische Sprachstufen untersucht. Und unsere Aufgabe ist es, das Augenmerk auf die Gegenwart zu lenken, also auch ein bisschen die jüngere Geschichte."

Sprecher:

Beim gegenwärtigen Gebrauch einer Sprache handelt es sich um die Sprache, wie sie heute gesprochen wird, die Gegenwartssprache. Die Mitarbeiter des Instituts für Deutsche Sprache arbeiten eng mit den germanistischen Instituten vieler Universitäten im In- und Ausland zusammen. Aus aller Welt reisen jedes Jahr Gastwissenschaftler zu Forschungsaufenthalten nach Mannheim. Immer steht dabei die wissenschaftliche Arbeit an der deutschen Sprache im Vordergrund, sagt Annette Trabold.

Annette Trabold:

"Wir stehen nicht unter dem Druck wie jetzt Verlage, beispielsweise privatwirtschaftliche Verlage verschiedenster Art, dass wir jedes Jahr ein neues Buch verkaufen müssen. Daher ist unsere Arbeit auch längerfristig angelegt und in erster Linie für den wissenschaftlichen Bereich gedacht. Wir haben aber natürlich auch die Aufgabe als Einrichtung, die von öffentlichen Geldern finanziert wird, als wissenschaftliche Einrichtung der öffentlichen Hand, unseren Geldgebern, nämlich der Öffentlichkeit klarzumachen, was wir da tun."

Sprecherin:

Man spricht von der öffentlichen Hand, wenn es um Gelder geht, die die Bürger des Landes durch ihre Steuern aufbringen. Der Ausdruck öffentliche Hand beschreibt die Gemeinschaft der Steuer zahlenden Bürger, die dem Staat das Recht erteilen, diese Gelder für die Gemeinschaft sinnvoll einzusetzen. Mit öffentlichen Geldern werden Schulen bezahlt, das Gesundheitssystem aber auch gemeinnützige, der Allgemeinheit dienende, Stiftungen unterstützt. Eine Stiftung ist eine privatrechtliche Organisationsform, bei der ein Geldbetrag einem vom Stifter bestimmten Zweck zugeführt wird. Im Falle des Sprachinstituts ist die Öffentlichkeit der Stifter und deshalb muss das Institut auch dieser Öffentlichkeit erklären, für welche Zwecke das gestiftete Geld verwendet wird. Anders als eine solche öffentliche Einrichtung arbeiten privatwirtschaftliche Unternehmen, zum Beispiel ein Verlag, der keine öffentlichen Gelder erhält und den Gewinn ausschließlich aus dem Verkauf seiner Bücher erwirtschaften muss.

Sprecher:

Forschung ist, laut Stiftungssatzung, die vorrangigste Aufgabe des Mannheimer Instituts. So befasst sich die Abteilung Grammatik mit den grammatischen Strukturen, die Lexik mit dem Wortschatz und die Pragmatik mit der gesprochenen Sprache. Öffentlich präsentiert sich das Institut aber eher mit seinen großen Projekten.

Annette Trabold:

"Das sind Milliarden Textwörter. In diesen Sammlungen kann man mit einem von uns entwickelten Programm "COSMAS" recherchieren. Dann kann man bestimmte Suchbefehle auf ner Maske eingeben, bei der man sich dann Worthäufigkeiten, Wortverwendungen ausdrucken lässt, um eben … und das sind alles Beispiele aus aktuellen Texten, also keine konstruierten Texte. Das ist ja in der Germanistik oder in der Sprachwissenschaft oder auch bei vielen Lehrwerken in der Vergangenheit immer ein Problem gewesen, dass da irgendwelche konstruierten Texte genommen wurden, die mit der Realität überhaupt nichts zu tun hatten und deswegen teilweise auch im Unterricht groteske Sätze vorgelesen worden sind. Aber all diese Texte sind Zeitungstexte, sind auch teilweise Texte aus belletristischen Werken, spiegeln den aktuellen Sprachgebrauch wider."

Sprecherin:

Die Gesamtheit der Texte des Instituts steht allen Interessenten zur Verfügung und kann auch über eine Internetseite aufgerufen werden. Am Computer kann man eine Eingabemaske aufrufen, um nach bestimmten Wörtern zu suchen. Das deutsche Wort Maske wurde im 17. Jahrhundert in der Bedeutung von Verkleidung aus dem Französischen übernommen.

Sprecher:

Das Institut für Deutsche Sprache bekommt öffentliche Gelder, weil es ein eindeutiges, förderungswürdiges Stiftungsziel hat, nämlich die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Sprache. Annette Trabold erwähnt groteske Sätze. Sie meint damit stark übertriebene, auch lächerlich wirkende Formulierungen. Grotesk ist ein Ausdruck, der ursprünglich nur in der Malerei verwendet wurde. Er stammt aus dem italienischen grotesco, was zur Höhle gehörig bedeutet, und bezeichnete die antiken Wand- und Deckenmalereien in Felsenhöhlen, also Grotten. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird grotesk in der Alltagssprache benutzt, und zwar dann, wenn eine Sache, eine Situation oder ein Ereignis dem Erzählenden wunderlich oder seltsam erscheint. Belletristische Texte sind schöngeistige literarische Texte. Der Begriff entwickelte sich aus dem französischen les belles lettres.

Sprecherin:

Um die gesammelten Sprachbeispiele, geschrieben wie gesprochen, formieren sich die verschiedenen wissenschaftlichen Abteilungen des Instituts. Ein Projekt der Mannheimer Sprachforscher war das so genannte Wendekorpus. Es listet in einem Buch Schlüsselwörter der Wendezeit auf , also aus der Zeit, als sich die ostdeutsche DDR und die westdeutsche Bundesrepublik Deutschland wieder zusammenschlossen. Neben der Erläuterung dieser Wörter und Begriffe ist dieses Wendekorpus auch ein zeitgeschichtliches Dokument.

Annette Trabold:

"Wenn man dann in diesem Wende-Wörterbuch nachschlägt, dann finden Sie einige Wörter, die jüngere oder Studierende in Anfangssemestern gar nicht mehr verstehen, was dieses Wort bedeutete. Wenn Sie das Wort Wendehals nehmen oder Mauerspecht beispielsweise, also Mauerspecht in der Bedeutung, als damals die Leute an der Mauer sich Steine raus gehauen haben und es über Berlin so gehallt hatte. Also ist das auch zeithistorisch ein ganz interessantes Dokument – in der Zeit eben auch bedeutende und wichtige Wörter, die für diesen öffentlichen Diskurs von großer Bedeutung waren, rote Socke, runder Tisch, Wendehals und die genannten."

Sprecher:

Ein Wendehals ist im wörtlichen Sinne jemand, der seinen Hals in alle Richtungen drehen kann. Das ist auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Der Begriff bezeichnet Menschen, die ihre Meinungen und Auffassungen schnell ändern, wenn es die Situation erfordert. Er hat einen deutlich negativen Unterton und stammt aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, die auch die Zeit der Wende genannt wird. Als Wende bezeichnet man eine Änderung der Richtung, in diesem Fall handelt es sich um eine politische Richtungsänderung. Mauerspechte, in Anlehnung an den Vogel Specht, der mit seinem Schnabel Nester in Bäume hämmert, sind diejenigen Menschen, die sich Ende 1989 zum Andenken an die Jahre der Trennung der beiden deutschen Staaten ein Stück aus der Berliner Mauer herausgehämmert haben. Ebenso aus dieser so genannten Wendezeit stammt der Begriff rote Socken, ein Ausdruck, der hauptsächlich von den christlichen Parteien benutzt wurde, um die so bezeichneten Roten, die Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten, politisch bloßzustellen. Doch trotz offensiver Rote Socken-Kampagne mussten schließlich alle an einen runden Tisch. Ein runder Tisch hat keine Ecken und somit eine vereinigende Wirkung. Der runde Tisch ist ein Mittel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, das den Diskussionswillen aller Teilnehmer symbolisieren soll. Ein Diskurs ist eine Abhandlung, die Erörterung eines Themas. Wird etwas in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in den Medien, diskutiert, spricht man von einem öffentlichen Diskurs.

Sprecherin:

Das Wendekorpus zeigt, dass Sprachforschung auch Kommunikationsforschung ist. Das Institut dokumentiert in seinem Projekt " Neologismen der 90er" Änderungen im sprachlichen Umgang.

Sprecher:

Der sprachwissenschaftliche Begriff Neologismus setzt sich zusammen aus der griechischen Vorsilbe neos – gleich neu beziehungsweise neu gebildet, und dem ebenfalls griechischen Substantiv logos – die Vernunft, das Wort, die Rede. Ein solcher Neologismus ist wellness, ein Wort aus dem Englischen. Er meint Wohlbefinden – deutsch wie englisch.

Sprecherin:

Solcherlei sprachliche Entwicklungen maßregelt das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim keineswegs. Es will nicht oberste Instanz in Sachen Sprache sein, will nicht vorschreiben, welche Wortschöpfungen, welche grammatischen Veränderungen richtig oder falsch sind. Es sieht seine Rolle als die des kritischen Beobachters und Beraters.

Fragen zum Text

Platt sprechen bedeutet, …

1. nicht besonders intelligente Sätze zu machen.

2. in einer Mundart zu reden.

3. ganz langsam zu sprechen.

Die Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands wird auch bezeichnet als …

1. Wende.

2. Wendung.

3. Mauerspecht-Zeit.

Neologismen sind …

1. Wortbedeutungen.

2. Wortverwandtschaften.

3. Wortneuschöpfungen.

Arbeitsauftrag

Finden Sie heraus, welche Neologismen sich in den vergangenen Jahren in der deutschen Sprache gebildet haben. Zählen Sie einige auf und erklären Sie, wie diese zustande kamen.

Autorin: Gabriele Klasen

Redaktion: Beatrice Warken

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