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Kultur

Die Sprache schweigt, die Gedanken nicht

Hier indisch, da deutsch: Die Kollision der Kulturen hat Anita Desais Werke geformt. Beim Internationalen Literatur-Festival in Berlin sprach DW-WORLD mit der gefeierten Autorin über ihr Buch "Baumgartners Bombay".

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Indisch-deutsche Literatur-Preisträgerin: Anita Desai

Anita Desais Leben liest sich wie eines ihrer Roman-Figuren. 1937 wurde sie in Nordindien geboren, als Kind eines bengalischen Vaters und einer deutschen Mutter. Desai gehört zu den ersten indischen Autoren, die auf Englisch schrieben. Ihre Werke spielen im indischen Alltag, mit Charakteren aus der Englisch sprechenden indischen Mittelschicht. Das Motiv der Verbindung zwischen den Kulturen und der Entfremdung zieht sich wie ein roter Faden durch ihre vielen Romane und Kurzgeschichten. Seit sie im Alter von neun Jahren ihre erste Erzählung veröffentlichte, hat die beliebte Autorin mehrere Literaturpreise gewonnen und wurde drei Mal für den prestigeträchtigen Booker-Prize nominiert.

Ihr Roman "Baumgartners Bombay", 1988 erschienen, hebt sich von ihren früheren Werken ab. Er erzählt die Geschichte von Hugo Baumgartner, einem jüdischen Teenager in Berlin, der auf der Flucht vor den Nazis nach Indien geschickt wird. Zuerst sitzt Baumgartner dort im Gefängnis. Nach Kriegsende zieht er nach Bombay in ein heruntergekommenes Apartment - in der indischen Gesellschaft bleibt er ein ewiger Außenseiter.

DW-WORLD: Ist Baumgartners Bombay eine persönliche Familiengeschichte?

Anita Desai: Nicht ganz. Ich wollte über den deutschen Teil meiner Familie und mein deutsches Erbe schreiben, aber ich wusste nicht, wie ich das in eine indische Umgebung einpassen sollte. Über die Briten in Indien kann man ganz leicht schreiben, aber über die Deutschen? Ich habe lange dafür gebraucht, eine Hauptperson zu finden - es gab Menschen wie Baumgartner im Bekanntenkreis meiner Mutter. Es ist eine merkwürdige Sache, aber der Name "Baumgartners Bombay" schien einfach vom Himmel zu fallen. Und als ich den Titel einmal hatte, konnte ich auch eine Story erfinden.

Ihre deutsche Mutter ist unter ganz anderen Vorzeichen als Baumgartner nach Indien gekommen. Wie hat sie sich eingelebt?

Sie traf meinen Vater hier in Berlin und hat ihn hier geheiratet. Also kam sie als Braut nach Indien, sehr bewundert von der Familie meines Vaters. Sie hat sich schnell angepasst, aber ich denke, das geschah mit viel Selbstaufgabe und Weisheit. Sie erzählte mit immer, ihre Mutter habe ihr gesagt: "Zieh Deine Kinder nicht so auf, dass sie denken, sie wären Deutsche. Dann wären sie nur unglücklich, in Indien zu leben." Und meine Mutter hat genau das getan, wir waren immer überrascht, wenn jemand erwähnt hat, dass sie Deutsche war.

Hatten Sie jemals einen inneren Zweispalt zwischen Ihren deutschen und Ihren indischen Wurzeln, als Sie aufwuchsen?

Ich habe bloß gemerkt, dass unsere Familie anders war als die anderen indischen Familien - zufällig irgendwie europäisch. Meine Mutter schien sich ans indische Leben sehr gut anzupassen. Aber sehr oft waren die Ideen, die sie äußerte, offensichtlich westliche. Ich war mir bewusst, dass sie eine andere Sicht auf Indien hatte: Ihre Reaktionen waren analytisch, rational, intellektuell. Meine und die meines Vaters waren sehr viel emotionaler und instinktiver.

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