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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Sprache des Herzens

Das Herz gilt von alters her als Symbol der Liebe, ja des Lebens schlechthin. Aber es verursacht auch Leiden und Tod. Darum hat der Mensch schon früh versucht, seine Funktionen zu erkunden.

Sprecher:
Im ältesten medizinischen Dokument der Welt, einem ägyptischen Schriftstück aus dem Jahre 1650 vor Christus, ist bereits vom Gehen des Herzens die Rede. Heute ist das Herz bis in seine letzte Kammer hinein erforscht. Für die moderne Medizin ist es nur noch eine Pumpe, die den Kreislauf in Gang hält und die gewartet, repariert und notfalls auch ersetzt werden kann. Rund fünfhundert Herzen werden in Deutschland jedes Jahr transplantiert, Herzschrittmacher eingesetzt, tonnenweise Herz stärkende Medikamente verschrieben. Aber je perfekter die medizinische Technik voranschreitet, desto hilfloser stehen die Ärzte vor der psychischen Dimension aller Herzbeschwerden. Sie haben verlernt, die Sprache des Herzens zu verstehen.

Sprecherin:
Zum Glück ist die Sprache konservativer als der Fortschritt der Neuzeit. Zahlreiche Redewendungen haben das Wissen darum bewahrt, dass das Herz eben doch mehr ist als eine Pumpe. Das Herz – so sagt man – kann uns vor Freude im Leibe hüpfen oder wird uns vor Kummer schwer. Der Patient, der wegen Herzbeschwerden zum Arzt geht, braucht vielleicht gar keine Tabletten. Vielleicht wäre es viel wichtiger, herauszufinden, was er auf dem Herzen hat, was also – mit anderen Worten – sein eigentliches Anliegen ist. Vielleicht stellt sich heraus, dass er einen geheimen Kummer hat und jemanden bräuchte, dem er mal so richtig sein Herz ausschütten könnte.

O-Töne:
„Sich mal aussprechen können, das, was man sonst vielleicht nicht kann. / Wenn's mir mal schlecht geht und ich 'n bisschen Stress hab und vielleicht mit meiner Frau oder Freundin oder so nicht so gut sprechen kann, würd' ich's vielleicht mit jemand anderem denn machen oder so und ihm eben mein Herz ausschütten.“

Sprecher:
Der Ausdruck sein Herz ausschütten geht auf biblische Texte zurück. Hier wurde das Herz als ein Gefäß vorgestellt, in dem sich die Seele eines Menschen befand. Im Gebet oder Klagelied wandte sich der Gläubige an Gott und öffnete ihm sein Innerstes, er schüttete ihm sein Herz aus.

Sprecherin:
Wie die Israeliten und Christen in biblischer Zeit, neigen auch wir heutzutage immer dann dazu, uns zu öffnen und unser Herz auszuschütten, wenn wir in Schwierigkeiten sind, wenn wir – umgangssprachlich ausgedrückt – nicht mehr klarkommen.

Sprecher:
Vom Herzen geht – der volkstümlichen Vorstellung nach – die Zuneigung aus, die wir für andere empfinden. Dabei ist jedoch nicht jedes Herz gleich gefühlvoll. Ein Herz kann warm oder kalt, weich oder hart sein, schlimmstenfalls kann es sogar aus Stein sein.

Sprecherin:
Um einen Menschen beurteilen zu können, muss man darum sein Herz kennen. Vor allen Dingen ist es wichtig, festzustellen, ob sein Herz auf dem rechten Fleck sitzt.

O-Töne:
„Der ist in Ordnung und ist ehrlich, und zu dem kann man Vertrauen haben. / Er ist ehrlich, hilfsbereit. Das ist für mich das Herz auf dem rechten Fleck.“

Sprecher:
Wie wir sehen, geht es hier nicht darum, dass das organische Herz da sitzt, wo es sitzen soll. Vielmehr ist jemand, dessen Herz auf dem rechten Fleck sitzt, ein Mensch, auf den wir uns in jeder Hinsicht verlassen können. Er ist in Ordnung. Bei ihm sind sozusagen alle Eigenschaften an ihrem Platz. Sollte er außergewöhnlich sympathisch und vertrauenswürdig sein, dann ist er sogar schwer in Ordnung.

Sprecherin:
Ob jemand in Ordnung ist oder das Herz auf dem rechten Fleck hat, ist oft allerdings nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Will man ganz sichergehen, dass man dem anderen trauen kann, sollte man ihn erst einmal auf Herz und Nieren prüfen.

O-Ton:
„Jemanden ganz tief prüfen, weil man jemandem etwas ganz Wichtiges anvertrauen möchte oder so. Und das heißt, dass man jemandem vertrauen kann, so als ob man sich rückwärts fallen lassen möchte oder so. Und dass man weiß, dass der andere einen auffängt und dass er total integer ist.“

Sprecher:
Herz und Niere stehen formelhaft für das Innere eines Menschen. Die Wendung entstammt wieder einmal der Bibelsprache des Alten Testaments. Hier ist Gott derjenige, der Herz und Nieren prüft, der also bis ins Innerste der Menschen vordringt. Wenn wir einem Menschen etwas Wichtiges anvertrauen wollen, dürfen wir uns – wie der Gott des Alten Testaments – nicht vom äußeren Schein trügen lassen, sondern müssen das kennenlernen, was einen Menschen ausmacht. Wir müssen den Menschen auf Herz und Nieren prüfen.

Sprecherin:
Je nachdem wie offen ein Mensch ist, kann es natürlich mal mehr und mal weniger aufwendig sein, ihn auf Herz und Nieren zu prüfen. Bei einem verschlossenen Menschen kann es unter Umständen sehr mühsam sein. Andere hingegen sind offenherzig, sie machen – wie man auch sagen könnte – aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

O-Ton:
„Das heißt einfach, dass man sich keine Hemmungen auferlegt und aus dem Gefühl heraus, aus 'ner momentanen Stimmung heraus, seinen – ich denke eher negativen Gefühlen – wie Wut oder Frust oder Ärger so richtig freien Lauf lässt und so richtig lospoltert.“

Sprecher:
Im Alten und Neuen Testament ist die Mördergrube ein Bild für die Sünde. Wer eine Mördergrube im Haus hat, hat etwas zu verbergen. Aus seinem Herzen keine Mördergrube machen heißt demnach, dass man aus seinen Gefühlen und Ansichten kein Geheimnis macht, weil man nichts zu verbergen hat. Man hat sozusagen keine Leiche im Keller, wie man heute entsprechend sagen könnte.

Sprecherin:
Aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen kann auch bedeuten, dass wir Ärger und Wut zeigen und nicht vor anderen verstecken. Wir öffnen sozusagen die Schleusen und lassen alle Gefühle heraus, wir lassen ihnen freien Lauf. Die größte Zuneigung bringen ihren Mitmenschen diejenigen entgegen, die ein großes Herz besitzen. In einem solchen Herzen haben, bildlich gesprochen, viele Menschen Platz. Der Besitzer eines solchen Herzens kann darum auch viele Menschen in sein Herz schließen.

O-Töne:
„Jemanden ganz lieb haben, sein Herz öffnen und eben ihn in das Herz hineinlassen und dann das Herz schließen. Und dann ist er eben drin. / Wenn ich zum Beispiel meine Schwägerin sehr mag, dann schließe ich sie ins Herz, hab sie lieb.“

Sprecher:
Der Vergleich des Herzens mit einem Schrein und das dazugehörige Bild vom Herzensschlüssel spielt im Volkslied und Märchen eine große Rolle. Von dort wurde die Vorstellung übernommen, dass man einen Menschen, den man besonders lieb hat, in sein Herz hineinnimmt, dass man ihn ins Herz schließt. Man könnte auch sagen, dass uns dieser Mensch ans Herz gewachsen ist, dass er sozusagen ein Bestandteil unseres Herzens geworden ist.

Sprecherin:
Was nicht unbedingt heißt, dass man mit diesen Menschen ein Herz und eine Seele ist. Denn das hieße...

O-Ton:
„Total zusammen sein, das Gleiche denken, das Gleiche fühlen, sich nicht alles sagen zu müssen, weil jeder weiß, was der andere denkt. Mein Freund zum Beispiel, mit dem bin ich ein Herz und eine Seele.“

Sprecher:
Das Herz ist natürlich vor allem anderen ein Symbol für die Liebe. Amor schießt mit seinen Pfeilen bekanntlich nicht in die Beine von Leuten, sondern eben ins Herz. Wenn er trifft, führt sich unser Herz wie verrückt auf. Es klopft uns vor einem Rendezvous vor Aufregung bis zum Halse, es rast und stolpert oder droht gar ganz auszusetzen. Ein sicheres Zeichen, dass wir auf dem besten Wege sind, unser Herz an jemanden zu verlieren, uns also zu verlieben.

Musik:
Heinz Rühmann: „Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n“

„Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n
Weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin
Mir braucht nur eine ins Auge zu schau'n
Und schon isse hin …“

Sprecherin:
In den zwanziger Jahren hatte der Herzensbrecher auf der Bühne die Rolle des jugendlichen Liebhabers, in dessen Gegenwart sämtliche Frauenherzen dahinschmolzen. Der Begriff des Herzensbrechers geht auf die wesentlich ältere Vorstellung zurück, dass großer Kummer das Herz eines Menschen brechen kann, dass ein Mensch mit anderen Worten an einem Kummer sterben kann. Aber auch dieser Ausdruck wird heute kaum mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung verwandt.

O-Ton:
„Ich würde es eher in 'ner etwas ironischen Form verwenden, zum Beispiel wenn mir irgendetwas ganz wertvoll ist und jemand geht damit total schlampig um, dann würd' ich sagen: es bricht mir das Herz, wie der mit meinen – sagen wir mal – Schallplatten umgeht oder mit meinem Lieblingsservice oder, ja, wenn ich irgendeine Musik ganz toll finde, und Leute hören da überhaupt nicht zu. Und da würde ich dann sagen, also eher in so 'ner etwas abgeschwächt ironischen Form, also das bricht mir das Herz.“

Sprecherin:
Es bricht mir das Herz sagt man heute im Allgemeinen nur noch, um ironisch sein Mitgefühl zu bekunden. In diesem Fall geht es darum, dass Gegenstände, die einem wichtig sind, von anderen achtlos behandelt werden, dass andere schlampig mit diesen Gegenständen umgehen.

Sprecher:
Schlampig meint eigentlich unordentlich, schmutzig und nachlässig. Der Ausdruck ist auf das mittelhochdeutsche slampen zurückzuführen, was soviel heißt wie schlaff herabhängen und sich auf den Frauenrock bezog. Heute kann sich schlampig ganz allgemein auf eine nachlässige Arbeitsweise oder – wie in diesem Fall – den unachtsamen Umgang mit Gegenständen beziehen.

Sprecherin:
Es bricht uns nicht gleich das Herz, wenn jemand mit unseren Sachen unachtsam oder schlampig umgeht. Dennoch gibt es Gegenstände, die uns viel bedeuten, an die wir mit anderen Worten unser Herz gehängt haben. Diese ältere Dame kennt das noch aus Kindertagen.

O-Ton:
„Früher sollt ich mal mein Fahrrad hergeben beziehungsweise verleihen, das hab ich gar nicht gerne gemacht, weil ich daran hing. Weil man sich das schwer damals angeschafft hat, nicht! Heute ist das ein bisschen anders, aber früher war das so. Da hat man öfter mal sein Herz an etwas gehängt, nicht?“

Sprecher:
Das Herz steht auch für Vitalität und Mut. Es ist immer gut, beherzt an Dinge heranzugehen, sich also nicht so schnell einschüchtern oder verängstigen zu lassen. Da wir aber alle keine Helden sind, rutscht uns manchmal dann doch das Herz in die Hose.

O-Töne:
„Ja, hab ich ja grade hinter mir. Ich musste zum Zahnarzt, und ich hab Angst vorm Zahnarzt. Und da ist mir etwas das Herz in die Hose vorher gerutscht. / Wenn ich einen Schock habe, wenn mich jemand überrascht mit einer Schreckensnachricht, die aber nicht ganz so schlimm ist, sondern nur für einen Moment, dann rutscht mir das Herz schon mal in die Hose. / Vielleicht zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto fahre, und die Situation irgendwie, es wird brenzlig, dann rutscht mir das Herz in die Hose oder so, also könnt ich jetzt weiter im Moment, fällt mir so im Stegreif nichts ein."

Sprecher:
Das Herz, das in die Hose rutscht, versinnbildlicht eine momentane Entmutigung. Schon in der Antike kannte man die Vorstellung des sinkenden Mutes. Dass das Herz als Sinnbild für Mut und Tapferkeit ausgerechnet in die Hose rutscht, ist darauf zurückzuführen, dass in der volkstümlichen Vorstellung Mutlosigkeit mit Durchfall in Verbindung gebracht wurde, was allerdings nicht heißen soll, dass jemand, dem das Herz in die Hose rutscht, sich auch zwangsläufig vor Angst in die Hose macht.

Sprecherin:
Der befragten Dame rutscht das Herz immer dann in die Hose, wenn es brenzlig wird. Und das ist kein Wunder, denn eine brenzlige Situation kann tatsächlich recht ungemütlich werden.

Sprecher:
Das wird schnell deutlich, wenn wir die eigentliche Bedeutung des Wortes betrachten: eine Sache, die brenzlig ist, hat Feuer gefangen und kann darum einen Brand auslösen. Sie stellt also eine akute Gefahr dar.

Sprecherin:
Die Dame konnte mir so spontan keine weiteren Beispiele nennen, ihr fiel im Stegreif kein weiteres Beispiel ein.

Sprecher:
Der Stegreif ist die althochdeutsche Bezeichnung für den Steigbügel. Im – oder geläufiger – aus dem Stegreif etwas tun, bedeutet im ursprünglichen Sinn, dass jemand etwas tut, ohne vom Pferd herabzusteigen, ohne also seinen Fuß aus dem Steigbügel zu nehmen. Die befragte Dame saß zwar nicht zu Pferde, aber sie sollte spontan antworten und war damit so unvorbereitet wie ein Reiter, dessen Stiefel noch in den Steigbügeln stecken. Sie musste die Fragen aus dem Stegreif beantworten.

Sprecherin:
Es ist nur menschlich, dass uns in einer brenzligen Situation erst einmal das Herz in die Hose rutscht. Das muss allerdings nicht heißen, dass wir uns gar nicht mehr zu helfen wissen. Oft haben wir nur einen kurzen Schreckmoment und versuchen dann doch, die Situation zu meistern, wir nehmen unser Herz in beide Hände, oder – wie man auch sagen könnte – wir fassen uns ein Herz.

O-Ton:
„Ja, mir fallen als erstes dazu einfach aufregende oder stressige Situationen ein, zum Beispiel 'n Bewerbungsgespräch oder 'ne Prüfungssituation, wo ich lieber noch mal dreimal um den Block gelaufen wär' oder wieder weggegangen wär'. Und dann ist einfach so der Moment, wo man sich halt ein Herz fasst und dann denkt, so, Augen zu und durch, und jetzt geh ich da rein, und jetzt mach ich das so gut, wie es geht.“

Sprecher:
Mit der Aufforderung Augen zu und durch versuchen uns liebende Mitmenschen immer dann zu ermutigen, wenn uns eine besonders unangenehme Sache bevorsteht wie beispielsweise das hier erwähnte Prüfungsgespräch oder ein Besuch beim Zahnarzt. Solche Termine sind ebenso unangenehm wie notwendig, wir müssen sie irgendwie hinter uns bringen. Und dafür ist es das Beste, wir machen uns gar nicht erst so viele Gedanken darüber, was da auf uns zukommt. Wir machen quasi die Augen zu und lassen es einfach über uns ergehen: Augen zu und durch!

Sprecherin:
Wie wir festgestellt haben, hat uns unser Herz tatsächlich eine Menge mitzuteilen. Es klopft durch Freud und Leid und erweist sich dabei als eine Art Stimmungsbarometer. Wir müssen nur lernen, darauf zu hören.

Musik:
Heinz Rühmann: „Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n“

„Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n
Weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin
Mir braucht nur eine ins Auge zu schau'n
Und schon isse hin.“



Fragen zum Text

Will man mit jemandem reden, dann …
1. schließt man jemanden ins Herz.
2. schüttet man sein Herz aus.
3. verliert man sein Herz.

Hat jemand sprichwörtlich ein großes Herz, dann …
1. fällt er/sie leicht in Ohnmacht.
2. hilft er/sie gerne anderen Menschen.
3. verliebt er/sie sich sehr schnell.

Hat jemand Angst vor etwas, dann …
1. geht jemand beherzt an Dinge heran.
2. fasst jemand sich ein Herz.
3. rutscht jemandem das Herz in die Hose.


Arbeitsauftrag
Als ein Standardwerk für die Sprache des Herzens gilt „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Lesen Sie in Ihrer Gruppe die Tragödie. Fassen Sie den Inhalt zusammen und verwenden Sie dabei möglichst viele der Redewendungen aus dieser Alltagsdeutsch-Folge.

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