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Politik

"Die Spanier unterscheiden zwischen Islam und Terror"

Bei den Trauerfeiern zu den Anschlägen in Madrid zeigten sich die marokkanischen Einwanderer demonstrativ solidarisch. Die Botschaft der größten Ausländergruppe Spaniens: Islam ist nicht gleich Terror.

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Muslimin in Madrid demonstriert gegen den Terrorismus

Bomben unterscheiden nicht zwischen Nationalitäten. Bei den Anschlägen am 11. März in Madrid starben auch mindestens 50 Ausländer. Unter den Opfern waren zahlreiche "sin papeles" (Papierlose), also Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis. Zwischen 500.000 und 800.000 "illegale Einwanderer" sollen in Spanien leben, schätzt die spanische Gewerkschaft UGT. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher. Diesen "Illegalen" hatte Aznar während seiner Amtszeit den Kampf angesagt: Seine Ausländerpolitik setzte vor allem auf Abschottung durch Polizeikontrolle.

Umso überraschender kam das Angebot, das die konservative Regierung nur wenige Stunden nach den Anschlägen unterbreitete. Verletzte Ausländer und Verwandte gestorbener Einwanderer können in den nächsten sechs Monaten eine Aufenthaltserlaubnis und - unter bestimmten Bedingungen - sogar die spanische Staatsbürgerschaft beantragen, hieß es aus dem Innenministerium.

Zurückhaltung statt scharfer Kritik

Spanier demonstrieren mit weißen Händen für Frieden

Mit weißen Händen für den Frieden

"Das ist eine menschliche Geste", sagt Mustapha El-Mrabet, Vorsitzender der Vereinigung marokkanischer Arbeiter in Spanien (Atime), auch wenn er einräumt, dass er solche Gesten von der Regierung schon viel früher erwartet hätte. Zwar leben mehr als 300.000 Marokkaner "legal" in Spanien. Der unbekannte Rest führt ein Leben am Rand der Gesellschaft: Viele verstecken sich vor der Polizei, arbeiten schwarz für einen Hungerlohn in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Doch in den Tagen nach den Anschlägen verzichtet El-Mrabet auf allzu kritische Worte.

Gefragt ist nun Feingefühl, spätestens seitdem die Spuren der Attentäter nach Marokko führen. Atime rief direkt nach den Anschlägen die marokkanischen Einwanderer auf, gegen den Terror zu demonstrieren. Die Botschaft: El Kaida und Islam haben nichts miteinander zu tun. Knapp zwei Wochen nach den Anschlägen ist der von manchem Marokkaner befürchtete Rassismus weitgehend ausgeblieben. "Ich bin sicher, dass die spanische Gesellschaft unterscheiden kann zwischen den Terroristen und den marokkanischen Einwanderern, die friedlich unter ihnen leben", sagt El-Mrabet im Gespräch mit DW-WORLD.

Mindestens drei Marokkaner starben bei den Anschlägen, mehr als 30 - darunter auch einige "sin papeles" - wurden zum Teil schwer verletzt. "Wir alle sind Opfer dieser Barbarei", sagt El-Mrabet. Von der neuen sozialistischen Regierung erhofft er sich neue Impulse in der Ausländerpolitik. "Der politische Diskurs in punkto Einwanderung muss sich ändern", fordert er. Die konservative Regierung unter Aznar habe Ängste vor einer Invasion durch Einwanderer und einer steigenden Kriminalität geschürt. "Aznar hat nur die Emotionen der Spanier angesprochen, nicht aber deren Intelligenz" kritisiert El-Mrabet. "In seiner Amtszeit hat Aznar das Ausländergesetz drei Mal reformiert." Doch verbessert habe sich dadurch nichts.

Mit dem Schlauchboot über die Meerenge

Illegaler Einwanderer in Tarifa, Spanien

Illegaler Einwanderer in Tarifa, Südspanien

Noch immer setzen fast täglich Menschen aus Marokko, Ghana, Sierra Leone, Senegal und anderen afrikansichen Ländern ihr Leben aufs Spiel, um die Meerenge von Gibraltar in Schlauchbooten zu überqueren. Entlang der andalusischen Meeresküste, wo sich vornehmlich Deutsche und Briten in der Sonne aalen, ließ Aznars Regierung Radaranlagen und Infrarotkameras installieren, die selbst einen auf dem Wasser schwimmenden Fussball orten könnten.

Gebracht hat das System nicht viel: "Die Einwanderer suchen sich neue Routen", sagt Juan Miralles, Vorsitzender der Organisation "Almeria Acoge". In der Provinz Almeria liegt der Ausländeranteil in einigen Dörfern und Städten bei über 20 Prozent. Einwanderer aus über 80 Ländern - immer mehr stammen aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Russland - arbeiten hauptsächlich in einem der vielen Tausend Gewächshäuser, in denen Paprika und Tomaten angebaut werden. Seit Jahren ist die Situation in der Provinz angespannt. "Die Einwanderer haben keine Papiere. Ohne Papiere finden sie aber keine Wohnung und keine legale Arbeit", sagt Miralles zu DW-WORLD. Die Folge: Viele der Einwanderer hausen in verlassenen Häusern oder in ungenutzten Gewächshäusern und lungern auf den Dorfplätzen herum.

Vor vier Jahren kam es zum schlimmsten: Im Ort El Ejido veranstalteten Dorfbewohner eine Hatz auf Marokkaner, nachdem ein geistig verwirrter Einwanderer eine junge Frau getötet hatte. Dass sich so etwas wiederholt, glaubt Miralles nicht, dessen Organisation um illegale Einwanderer kümmert. "Die Leute lernen trotz aller Schwierigkeiten zusammenzuleben." Dennoch ist er verärgert, nicht nur über Spaniens Ausländerpolitik. Seine Kritik richtet sich auch gen Brüssel. Die EU setze lediglich auf die Sicherung ihrer Außengrenzen und vernachlässige die Integration. Konflikte seien so vorprogrammiert.

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