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Amerika

Die späten Spuren der BP-Ölpest

Es war die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas: Am 20. April 2010 explodierte im Golf von Mexiko die Förderplattform "Deepwater Horizon", zwei Tage später ging sie unter. Die Umwelt leidet bis heute.

Ölspuren in Bay Jimmy (Foto: AP)

Die Spuren der Öl-Katastrophe sind immer noch sichtbar

Kapitän Scott steht auf seinem weißen Boot inmitten des Mississippi-Deltas. Gleich mehrere Arme des größten Stroms Nord-Amerikas führen dessen Wasser in den Golf von Mexiko. Dazwischen ragen unzählige Inseln hervor, bedeckt mit hohem Schilfgras. Im Brackwasser tummeln sich Millionen Fische. Dort, wo das Brackwasser etwas salziger ist, ziehen Familien von Delphinen umher, während im süßeren Brackwasser Alligatoren von über drei Meter Länge auf ihre Mahlzeit warten.

"Das Öl", so Scott, "kam durch die Barritarier Bucht gleich hinter uns." Als es das Marschland auf den Inseln im Delta traf, staute es sich bis zu 20 Meter, erinnert er sich. Kapitän Scott hat das Unglück von Anfang an miterlebt. Er gehörte zu jenen Fischern, die der Ölkonzern BP anheuerte, um das Flussdelta vom Öl zu reinigen.

Alligator im Wasser (Foto: DW)

Nur die Nase des Alligators im Flussdelta des Mississippi ist zu sehen

Klebriges Pech

Doch Reste des schwarzen Rohöls finden wir immer noch im Marschland. Als wir eine der Inseln betreten, klebt es wie Pech an unseren Schuhen. "Das bekommt ihr von den Sohlen nicht mehr weg", sagt uns unser Führer.

Die Vermutung vieler Umweltschützer, dass das Öl auf dem Meeresboden liegt, trifft zumindest im Flussdelta nicht zu. Kapitän Scott greift nach einem Ruder in seinem Boot und stochert damit im flachen Gewässer herum. Er holt eine Handvoll Schlamm an die Oberfläche und lässt diesen durch die Finger gleiten: "Was ich hier vom Grund hoch geholt habe ist nur Erde."

Ein lauter Schuss schreckt uns auf. Umweltschützer haben Propangasflaschen aufgestellt, die inmitten dieser ansonsten paradiesisch stillen Flusslandschaft in unregelmäßigen Abständen einen ohrenbetäubenden Knall von sich geben. So soll verhindert werden, dass Vögel in dem kontaminierten Gebiet nisten.

Ölverschmierte Delphine

Unter den Folgen der Katastrophe leidet die Umwelt noch heute, erklärt uns der Meeresbiologe Moby Solangi. Er leitet das "Institute for Marine Mammal Studies", dem Institut für die Erforschung von Säugetieren in Gewässern, im US-Bundesstaat Mississippi. Zusammen mit über 30 Wissenschaftlern und 100 freiwilligen Mitarbeitern versucht er herauszufinden, weshalb in jüngster Zeit so viele tote Delphine an die Strände der Golfküste geschwemmt werden.

Der Wissenschaftler ist vorsichtig, hat noch kein abschließendes Urteil. Doch er hat einen Verdacht: Chemikalien, die der Ölkonzern BP nach dem Unglück tonnenweise in das Meer kippte, um das ausgelaufene Erdöl zu zersetzen, könnten für das Tiersterben mitverantwortlich sein.

Moby Solangi führt uns in ein riesiges, weißes Zelt mit einem Dutzend Becken, die so groß sind wie Badewannen. Aus einem dieser Behälter voll mit Meereswasser holt er eine Schildkröte heraus. "Das Tier kam zu uns bedeckt mit Öl." Es gehört zu den bedrohten Arten.

Ungenügende Sicherheitsvorkehrungen

Zur Katastrophe kam es, weil die Betreiber der Plattform "Deepwater Horizon" Sicherheitsvorkehrungen ignorierten. Nach der Explosion strömten vier Monate lang insgesamt 780 Millionen Liter Rohöl unkontrolliert ins Meer. Kein Vertreter der BP wollte sich heute gegenüber der Deutschen Welle dazu äußern.

Offener gibt sich das Unternehmen "Tidewater" in New Orleans, dessen Schiffe Arbeiter und Materialien vom Festland zu den Ölplattformen transportieren. Eines ihrer Schiffe brachte nach dem Desaster über 100 Arbeiter von der Unglücksplattform in Sicherheit.

Brennende Ölplattform (Foto: AP)

Sank zwei Tage nach der Explosion: "Deepwater Horizon"

Joseph M. Bennett, Vizepräsident des Unternehmens, versichert, dass die Industrie auf vergleichbare Katastrophen besser vorbereitet sei. Es würden jetzt strengere Bestimmungen gelten. Gleichzeitig beklagt er, dass Washington die Zahl der Genehmigungen für Öl-Bohrungen im Golf von Mexiko zumindest vorübergehend drastisch verringert habe.

Besonders hart getroffen von der Katastrophe wurde das Fischergewerbe. Nach dem Unglück ließ Washington die Fischgründe vor der Küste von Louisiana schließen. Monatelang blieben die Kutter in den Häfen, außer jenen, die von BP für Reinigungsarbeiten gemietet wurden.

Fischhändler Dennis Landry in Lockport, Louisiana, denkt ungern an diese Zeit zurück. "Ich habe Leute entlassen, ich habe die Versicherung für unseren Fuhrpark gekündigt, ich habe alle Kosten runtergefahren." Er lebte Monate lang von Ersparnissen.

Fischerboote im Golf von Mexiko (Foto: AP)

Die Fischerei-Industrie ist nach wie vor schwer angeschlagen

In den letzten Tagen haben ihm die einheimischen Fischer die ersten Krebse seit dem Unglück geliefert. Dennis muss jetzt neue Abnehmer für seine Ware suchen. Nach der Ölpest verlor er beides: seine Zulieferer und die Kunden. Denn das Image vom gesunden Fisch aus der Golfregion ist auf Jahre ruiniert.

Michael Hecht, Vorsitzender vom regionalen Wirtschaftsverband "Greater New Orleans", zitiert die Ergebnisse einer Umfrage, die seine Behörde unlängst in Auftrag gegeben hat: "In den USA fragen jetzt 50 Prozent mehr Menschen nach der Herkunft von Meeresfrüchten und Fischen." Offenbar wollen viele nichts kaufen, was aus Louisiana oder von der Golfküste kommt.

Energieindustrie sichert Jobs

Richard McKnight, Fischer auf der Halbinsel Grand Isle vor dem Mississippi-Delta, ist zwar - wie viele seiner Kollegen - wütend auf BP, will aber, dass die Energieindustrie in dieser Region bleibt. Das Öl bringe Geld und sichere Jobs. Wegziehen will er nicht. Er wartet wie die meisten seiner Berufskollegen ab.

Gleichzeitig lässt BP immer noch viele Strände reinigen, auch in Grand Isle. Der Öl-Konzern hat als Entschädigung für die Wirtschaft am Golf von Mexiko einen Fonds von 20 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Der Fonds wird verwaltet von einem Anwalt in Washington.

Die Menschen am Golf sind Rückschläge gewohnt, geben nicht so schnell auf. Sie haben die Hurricanes "Katrina" oder "Rita" überlebt. Jetzt macht ihnen auch Hoffnung, dass die ersten Touristen an den Golf zurückgekehrt sind.

Autor: Miodrag Soric
Redaktion: Rob Mudge

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