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Wirtschaft

Die Sorgen waren umsonst

Es war die bisher größte Erweiterung. Zehn Länder traten der EU am 1. Mai 2004 bei. Die Freude war groß, die Erwartungen hoch - nur die Unternehmer in den alten EU-Ländern hatten Bedenken.

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Feuerwerk, bunte Lichtspiele und ein Meer aus europäischen Flaggen schmückten am 1. Mai 2004 die Hauptstädte in den zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten. Herzlichst wurden die Neulinge in Brüssel begrüßt. Nur unter den Unternehmern in den alten EU-Ländern wollte die Stimmung nicht so richtig aufkommen. Mit gemischten Gefühlen sahen sie der Osterweiterung entgegen. Denn ein großer Binnenmarkt bedeutet zwar mehr Konsumenten, doch er sorgt auch für mehr Wettbewerb. Vor allem die Unternehmen in Deutschland zählten zu den Skeptikern der EU-Osterweiterung.

Prof. Dr. Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (Foto: IW Köln)

Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln

"Die deutschen Unternehmer haben sich hauptsächlich über drei Punkte Gedanken gemacht: zum einen über eine verstärkte Konkurrenz osteuropäischer Firmen mit ihren Produkten hier im Inland, und dann fürchteten sie einen stärkeren Wettbewerb und einen höheren Rationalisierungsdruck durch Firmen, die nach Deutschland kommen und hier ihre Leistung erbringen", sagt Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln der DW.

Zudem befürchteten manche der alten Mitgliedsstaaten der EU, dass es wegen der Wohlstandsunterschiede und der hohen Arbeitslosigkeit in den neuen EU-Ländern zu größeren Einwanderungswellen kommen würde. Im Jahr 2003 lag das durchschnittliche Bruttoinlandseinkommen je Einwohner in den Beitrittsländern immerhin bei rund der Hälfte des Durchschnitts der EU-15.

Auch Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, kann sich an die Sorgen vor zehn Jahren gut erinnern. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts befand sich die Baubranche in Deutschland in einer langen Phase der Rezession, "so dass die Bauwirtschaft insgesamt schlecht und schwach aufgestellt war", sagt Pakleppa. Die Angst vor der Konkurrenz sei daher groß gewesen, die deutlich günstiger anbieten konnte, weil das Lohngefälle deutlich größer gewesen sei.

Die überraschende Erkenntnis zehn Jahre danach

Eine Person baut eine Mauer, in der einen Hand hält sie die EU-Flagge (Illustration: Raimo Bergt)

Ist die EU jetzt groß genug?

Aber es ist doch noch mal gut gegangen, würde man aus heutiger Perspektive meinen. Denn die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2014 gaben nur zehn Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie durch die Osterweiterung starke Auswirkungen erfahren haben, heißt es in einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Seit dem Beitrittsjahr 2004 haben sich sowohl die Wareneinfuhren in als auch die Warenausfuhren aus den neuen Beitrittsländern fast verdoppelt, rechnet die Studie nach. Polen konnte als Zielland deutscher Exporte am deutlichsten zulegen, dagegen hat Ungarn an Bedeutung verloren. Die schlimmsten Erwartungen sind also nicht eingetroffen. "Das liegt zum Beispiel auch daran, dass die Zahl der Zuwanderer geringer ausfiel als erwartet", sagt Pakleppa.

Und trotzdem sind leichte Auswirkungen zu verzeichnen. "Wir stellen fest, dass der Wettbewerb auf dem deutschen Baumarkt härter geworden ist. Das liegt vor allem an den immer noch vorhandenen Kostenunterschieden im Lohn, in der Sozialversicherung und im Stundensatz, sodass sich der Kostenunterschied auf fast 18, 19 Euro die Stunde beziffert", so Pakleppa. Nach EU-Recht können Arbeitnehmer und Firmen für einen Zeitraum von mehreren Monaten in dem Sozialversicherungssystem ihres Landes bleiben, auch wenn sie in einem anderen EU-Land arbeiten.

Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (Foto: ZDB)

Felix Pakleppa vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe

Leichte Enttäuschung gab es auch bei den Optimisten und Befürwortern der EU-Osterweiterung. Denn ihre Erwartungen haben sich ebenfalls nicht erfüllt: "Wir haben damals die Unternehmen gefragt, ob sie einen größeren, einen boomenden Wachstumsmarkt in Osteuropa erwarten. Da waren damals die Unternehmen zurückhaltend optimistisch", sagt Grömling, doch auch dieser Optimismus sei zu groß gewesen.

Eine Ursache dafür könnte bei den Schwellen- und Entwicklungsländern liegen, die zur selben Zeit einen Boom verzeichneten. "Diese positiven Impulse, die man zunächst stärker auf Osteuropa ausgerichtet hatte, sind möglicherweise auch in andere Länder abgewandert", meint Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft. Und auch bei den deutschen Bauunternehmen gab es keine großen Expansionswellen in die Mittel- und Osteuropastaaten.

Zuwanderer (jetzt) willkommen

Während die Angst vor einer Einwanderungswelle vor zehn Jahren noch groß war, sehen das die Unternehmen und Wirtschaftsverbände heute ein bisschen anders: "Die demografische Entwicklung bewirkt, dass man heute auch auf das Potential an möglichen Fachkräften aus Osteuropa schaut. Die Zahl junger Menschen in Deutschland, die wir für unsere Betriebe gewinnen können, geht zurück, so dass natürlich heute viel mehr noch als vor zehn Jahren, Arbeitnehmer aus Mittel- und Osteuropa in unseren Betrieben sehr willkommen sind", sagt Pakleppa. So ändern sich die Zeiten.

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