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Europa

Die Soldatenmütter von Sankt Petersburg

Junge Soldaten in Russland werden gequält, geschlagen und misshandelt - von den eigenen Kameraden. Die Mütter der Opfer wollten das so nicht hinnehmen und gründeten 1991 eine Schutzorganisation.

Vier russische Frauen stehen vor einer Behörde, sie halten jede ein großes Foto ihrer toten Söhne vor der Brust. Quelle: dpa

Russische Frauen demonstrieren mit den Bildern ihrer toten Söhne gegen die Misshandlungen in der russischen Armee.

Irina Golowina zupft nervös an ihrem Taschentuch und schaut jede Minute auf die Uhr. Sie ist blass und hat dunkle Ringe unter den Augen. Ihr 18-jähriger Sohn leistet seinen Militärdienst ab und ist gerade aus seiner Einheit geflohen. Jetzt wird er gesucht und, wenn er gefunden wird, brutal bestraft. Die Organisation "Soldatenmütter von Sankt Petersburg" ist die einzige Hoffnung der verzweifelten Frau. “Zuerst hat er in seinen Briefen geklagt, dass er schlecht behandelt wird, dass man ihn verspottet und schlägt", berichtet Golowina. Danach sei er geflohen und nach Hause gekommen - mit vielen blauen Flecken, ihm sei schwindelig und übel. Erzählen würde er nichts, weil er Angst habe.

Gewalt gehört zum Alltag

Jährlich sterben über 1000 Soldaten der russischen Armee außerhalb von Kampfhandlungen - durch Selbstmord, Unfälle, Mord oder Totschlag unter Kameraden. Gängeleien, Folter und Unterdrückung durch die Dienstälteren gehören zum Alltag in der Armee. Gegen diese unmenschlichen Umstände kämpfen Soldatenmütter, die die Misshandlungen an ihren Söhnen nicht länger hinnehmen wollen. Ende der 80er-Jahre begannen sie sich in Organisationen zusammenzuschließen.

Irina Golowina hat ihren Sohn bei Bekannten versteckt und ist in das Büro einer dieser Organisation, den "Soldatenmütter von Sankt Petersburg" gestürzt. Jeden Monat lassen sich hier rund 1000 Personen beraten. Es sind Angehörige, Wehrdienstpflichtige und Rekruten, die ihre Einheit verlassen haben, weil sie die Quälereien nicht mehr aushielten. Die Initiative wurde 1991 von zehn Petersburger Bürgerrechtlerinnen gegründet. “Uns ist klar geworden, dass sich niemand dieses Problems ernsthaft annimmt", beschreibt Ella Poljakowa, eine von ihnen, die Motive. Bereits existierende Organisationen seien den Betroffenen keine Hilfe gewesen. Da sie von offiziellen Behörden gegründet worden wären, deren Beamten dadurch verdienten, habe großes Misstrauen geherrscht. "Die Menschen wollen aber konkrete Hilfe."

Erfolgreiche Hilfe für die Opfer

Bis heute haben die Sankt Petersburger Soldatenmütter 65.000 Hilfesuchende beraten. Die meisten wenden sich an die Organisation, wenn sie zum Wehrdienst eingezogen werden, obwohl sie aufgrund ihrer Gesundheit oder ihrer familiären Situation befreit werden müssten. Die Mitarbeiter klären die jungen Menschen über ihre Rechte auf, formulieren Widersprüche und lassen von unabhängigen Ärzten Gesundheitsgutachten erstellen. Auch mit den Misshandlungen befasst sich die Organisation regelmäßig. Es kämen viele Rekruten, die aus ihrer Einheit geflohen wären, berichtet Poljakowa. "Sie werden dort mit Hockern geschlagen, mit Strom gefoltert." Junge Soldaten müssten auf die Straße gehen und betteln oder Drogen in die Kaserne schmuggeln. Wer dies nicht mitmache, werde geschlagen.

Die jungen Menschen, die die quälenden Schikanen nicht aushalten, begehen Selbstmord oder versuchen zu fliehen. Einige von ihnen kommen dann in das Büro der Soldatenmütter. "Man darf das Gewaltopfer auf keinen Fall zurück in die Kaserne schicken", warnt Poljakowa. Deswegen werde der Fall offiziell der Militärstaatsanwaltschaft gemeldet. Diese schickt den Soldaten zur Gesundheitsuntersuchung ins Spital, um die Frage zu klären, ob er noch wehrdiensttauglich ist. "Alle 10.000 jungen Menschen, die wir bisher betreut haben, wurden nach dieser Untersuchung vom Wehrdienst befreit."

Anleitung um den Kreislauf zu durchbrechen

Die Mitarbeiter der Organisation leisten auch präventive Arbeit. Dafür haben sie die "Schule der Menschenrechte" gegründet. Um der weit verbreiteten Willkür der Behörden begegnen zu können, müsse man sich über seine Rechte im Klaren sein. Nur dann könne man um sie kämpfen, erklärt die Bürgerrechtlerin Poljakowa. Täglich fänden Seminare, Workshops und psychologische Trainings statt. "Unser Ziel ist jedoch, dass sich die Betroffenen zusammenschließen. Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe, handeln müssen sie selbst und vor allem gemeinsam."

Eigenverantwortung, Zivilcourage und die Abschaffung der Zwangseinberufung - das sind die großen Ziele der Petersburger Soldatenmütter. Für ihre Menschenrechtsarbeit erhielten sie Preise und Auszeichnungen, darunter im Jahr 2004 den Aachener Friedenspreis. Trotz der internationalen Anerkennung stehen die russischen Behörden und das Militär der Initiative sehr feindlich gegenüber. Doch das hält die Frauen nicht auf, denn sie wissen, dass durch ihre Arbeit nicht nur die jungen Menschen gerettet werden, sondern dass man langfristig auch die Gesellschaft ändern kann. "Im ersten Jahr wird der Soldat gedemütigt und erniedrigt, im zweiten Jahr macht er das mit den anderen - das ist der Kreislauf der Gewalt", beschreibt Poljakowa. Diese Gewalt käme in die Familie und die Gesellschaft. Ein gesunder Mensch käme als kaputte Persönlichkeit wieder heraus. Er schlage seine Frau, seine Kinder und trinke. "Er ist danach ein anderer Mensch."

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