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Europa

Die Slums von Madrid

Europas größte illegale Menschenansiedlung ist riesig: Ein endloses Gewirr von wackeligen Zelten und Zementhäuschen ist mittlerweile Heimat von 40.000 Menschen. Eine Heimat, deren Tage möglicherweise gezählt sind.

Elendsviertel Canada Real (foto: Lauren Frayer )

Spanien Madrid - Elendsviertel Canada Real

Die Straßen und Gassen in Cañada Real sind nicht befestigt und die Häuser sind oft nicht mehr als Wellblechverschläge; wer etwas Geld hat, verwendet Zement. Überall türmt sich der Müll. Cañada Real ist ein schier uferloses Chaos aus Beton, Metall, Müll und Menschen.

Landarbeitern, die wegen eines Jobs vor die Tore Madrids gezogen waren, gründeten Cañada Real vor rund 40 Jahren. Im Zuge der Wirtschaftskrise wuchs die Zahl der Bewohner auf 40.000 an - ein Mix aus Nordafrikanern, Roma und anderen Immigranten, dazu immer öfter: vom Pech verfolgte Spanier.

Elendsviertel Canada Real (Foto: Lauren Frayer )

Cañada Real: Elendsviertel vor den Toren Madrids

Nie wirklich willkommen, nun herzlich unwillkommen

Die Spanierin Cristina Pozas lebt hier bereits seit elf Jahren. "[Cañada Real] existiert schon seit Generationen", sagt sie der DW, während sie die Kettenabsperrung vor ihrem Haus öffnet. "Jetzt aber wachsen die Vororte langsam bis zu uns heran, und plötzlich sind wir ein Problem. Jetzt, wo die Stadt hier ankommt, sollen wir verschwinden. Die haben es natürlich auf das Geld abgesehen, das ihnen dieses Land hier einbringen kann".

Während die Behörden das Problem lange Zeit ignoriert haben, sehen sie nun umso genauer hin: Madrids Kassen sind leer und das Gemeindeland stellt für die Stadt ungenutzte Werte dar. Seit zwei Jahren tauchen daher immer wieder Bagger auf, die hier reihenweise Häuser abreißen.

Eines davon gehörte Abdul Ghailan. "Die haben mich einfach auf die Straße gesetzt", sagt Ghailan, während er mit den Füßen umher liegendes Geröll tritt - alles, was von seinem Haus übrig ist. "Sehen Sie sich diese Keramikkachel an! Die kommt aus Marokko, meinem Heimatland! Mit Hilfe der Nachbarn hier hatte ich mein Haus wieder aufgebaut, nachdem sie es bereits einmal zerstört hatten. Doch dann, sechs Monate später, eines Morgens, da kamen sie zurück und rissen es erneut ab - und dann standen meine Familie und ich auf der Straße".

Cañada Real liegt in einem 14 Kilometer langen, ausgetrockneten Flussbett - öffentliches Land, seit rund 700 Jahren. Aus spanischer Behördensicht dürfen sich Menschen zwar hier aufhalten, nicht aber permanente Behausungen bauen.

Bürgerpflichten, aber keine Rechte

Die Bewohner der Siedlung zahlen Einkommens- und Mehrwertsteuer, jedoch keine Grundabgaben. Die meisten von ihnen haben ihre Unterkünfte selbst gebaut; das Wasser kommt aus Tanks.

Eine Abwasserentsorgung gibt es nicht, ebenso wenig öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder ärztliche Dienste. Für ihre medizinische Versorgung müssen die Bewohner andere Viertel aufsuchen und sich dann oft unter der Angabe einer Adresse von Freunden oder Verwandten anmelden. Nur so bekämen sie dort Termine, sagt Pozas. "Wenn sich meine Söhne auf Jobs bewerben, geben sie immer die Adresse ihrer Großeltern an. Denn wenn sie zugäben, in Cañada Real zu leben, würde ihnen niemand Arbeit geben. Und dabei sind sie sehr gute Schüler".

Wandbild mit Bulldozern (Foto: Lauren Frayer )

Schlimmer als im Elend zu leben: die Angst vor Vertreibung

Beißende Ironie

Es sei unfair, welche Klischees bedient würden, wenn über Cañada Real gesprochen werde, sagt Marta Mendiola von Amnesty International. "Die örtlichen Behörden haben versucht, das Leben der Menschen hier zu kriminalisieren. Sie haben die Siedlung stets als Drogen- und Waffenschiebergegend dargestellt".

Es wird angenommen, dass bis zu 90 Prozent des Madrider Drogenbedarfs durch Cañada Real geschleust wird. Doch Anwohner und Menschenrechtsvereinigungen sagen, die Probleme würden übertrieben dargestellt, um öffentliche Unterstützung für den Abriss zu bekommen. Die Drogendiskussion lenke vielmehr vom wahren Problem ab: Spaniens Bedarf an bezahlbarem Wohnraum.

Als Sozialarbeiter und Akademiker hat sich Luis Nogues eingehend mit Cañada Real befasst. Während des Baubooms der 90er Jahre, sagt er, hätten hier viele Bauunternehmen nach Arbeitern gesucht. "Aber mit Fortschreiten der Krise spielt Cañada Real für die großen Geschäftsinteressen von Madrid keine Rolle mehr; das ist das Problem", sagt Nogues. "Deshalb haben sie sich jetzt dazu entschlossen, Cañada Real zu entfernen. Die Frage ist nur noch: wie?"

In Cañada Real gibt es viele, die auf spanischen Baustellen gearbeitet haben - Baustellen, die nun brach liegen.

Bauruine (Foto: picture alliance/Franz Pritz)

Cañada Reals Bewohner halfen bei vielen Neubauten, die nun leer stehen

Es ist beißende Ironie: Es waren die Slumbewohner, die geholfen hatten, viele Immobilienträume zu verwirklichen. Diese Gebäude stehen nun leer, während die Menschen in Cañada Real weiter im Müll leben müssen.

Sorge für die einen, Hoffnung für die anderen

Dies alles seinen zwei Kindern zu erklären, fällt Abdul Ghailan sichtlich schwer: "Die sagen nämlich 'Papa, ist doch ok, wir können ein neues Haus bauen.' Ich sage ihnen dann, dass unser altes Haus schlecht konstruiert war, und dass ich ihnen ein besseres, schöneres Haus bauen werde. Ich sage es ihnen, um sie zu beruhigen, damit sie sich keine Sorgen machen".

Tatsächlich jedoch gibt es für Ghailan und seine Familie allen Grund zur Sorge: Cañada Real befindet sich nahe des Ortes, den Planer für "EuroVegas" auserkoren haben - ein riesiger Kasinokomplex, der, so hofft man, endlich Geld in die leeren Kassen Madrids spülen soll.

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