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Asien

"Die Situation ist furchtbar"

Rebecca Meissner arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Mit DW-WORLD.DE spricht sie über die Situation im Land.

Usbekische Soldaten helfen Flüchtlingen an der Grenze zum Nachbarland (Foto: AP)

Usbekische Soldaten helfen Flüchtlingen an der Grenze zum Nachbarland

DW-WORLD.DE: Wie haben Sie persönlich die Gewalteskalation erlebt?

Rebecca Meissner: Die Situation ist furchtbar. Angefangen hat es mit Streitigkeiten und Ausschreitungen von Kirgisen gegenüber Usbeken - aber auch andersherum. Letztendlich ist es ausgeufert in eine direkte Verfolgung der ebenfalls bewaffneten Usbeken. Mittlerweile kommen die ersten Leute wieder zurück. Man rechnet damit, dass in den vergangenen Tagen sehr viel mehr Menschen ums Leben gekommen sind als offiziell angegeben. Die im Raum stehenden Zahlen sind Statistiken von Seiten der Krankenhäuser. Die meisten Menschen aber bestatten ihre Toten selbst - ohne sie registrieren zu lassen.

Sie sind ja selbst im Land gewesen - haben Sie persönlich etwas mitbekommen von diesen Unruhen?

In Bischkek selbst ist es bislang ruhig geblieben, und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Der Konflikt spielt sich wirklich vor allen Dingen im Süden ab, weil dort die usbekische Minderheit lebt. In Bischkek gibt es zwar auch Usbeken, aber wesentlich weniger als im Süden. Die Usbeken gehören zu einer Bevölkerungsgruppe, die man zwar nicht als wohlhabend bezeichnen kann - aber wirtschaftlich sind sie erfolgreich. In der schlechten wirtschaftlichen Lage Kirgisistans liegt der wahre Hintergrund des ganzen Konflikts. Die aussichtslose Situation zurückkehrender kirgisischer Migranten führt dazu, dass die ganze Gegend eigentlich ein Pulverfass ist.

Gibt es einen bestimmten Auslöser? Denn die wirtschaftliche Situation war doch schon länger so schlecht...

Die internationale Finanzkrise hat die wirtschaftliche Situation natürlich extrem verschlechtert. Kirgisistan ist zu 30 Prozent von Zahlungen der Migranten abhängig, das Bruttosozialprodukt besteht zu 30 Prozent aus Zahlungen von Leuten, die im Ausland arbeiten - in Russland und Kasachstan. Diese Menschen sind während der wirtschaftlichen Krise zu großen Teilen zurückgekommen. Sie stammen überwiegend aus den armen Gebieten im Süden Kirgisistans. Diese Arbeitslosen sind natürlich ein Aggressionspotential, sie werden nicht integriert. Letztendlich hat die Eskalation auch politische Gründe: Es gab sehr viele Provokateure, die gegen das Referendum sind und die Interimsregierung schwächen wollen.

Warum bekommt die Interimsregierung die Situation im Moment nicht in den Griff?

Die Übergangsregierung hat alle Anstrengungen gemacht, letztendlich sind die Probleme aber derzeit noch so groß, und das Militär steht wohl auch nicht zu 100 Prozent hinter der Regierung. Nach Information meiner Informanten aus Osch und Dschalalabad scheint da auch sehr viel Geld im Spiel zu sein: Es fahren große teure Autos durch die Stadt - mit bewaffneten Leuten und ohne Nummernschilder. Diese Autos gehören sicher nicht irgendwelchen armen Kirgisen, die gegen Usbeken vorgehen. Sondern da steckt eindeutig Geld dahinter, da steckt eine Mafia dahinter. Es gibt auch den Verdacht, dass eventuell die ehemalige Regierung ihre Finger im Spiel hat.

Es gibt Gerüchte, dass Ex-Präsident Bakijew den Konflikt von außen noch schürt. Gibt es Hinweise, dass er ein Interesse daran haben könnte?

Es gibt viele Gerüchte, aber keine eindeutigen Hinweise. Ganz klar ist, dass dieser Konflikt gezielt geschürt und mit viel Geld vorangetrieben wurde. Es gibt viele Leute, die an der Schwächung der Interimsregierung interessiert sind. Deshalb wäre es so wichtig, dass wir jetzt als Gebergemeinschaft und als Internationale Gemeinschaft auch etwas tun für diese Interimsregierung. Wir haben es mit einem demokratischen Regime auf zentralasiatischem Boden zu tun. Es ist schwierig, ein solches Land demokratisch zu regieren und nicht totalitär durchzugreifen. Deshalb brauchen wir so viel internationale Unterstützung für diese Interimsregierung, die wirklich alles dafür tut, diese Situation in den Griff zu bekommen.

Das Interview führte Cordula Denninghoff
Redaktion: Esther Broders / Thomas Latschan

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