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Europa

Die "Singende Revolution"

Die Balten haben ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion singend erreicht. Verbotene Volkslieder zu singen war eine politische Demonstration und Zeichen der Zusammengehörigkeit. Der langjährige Widerstand hatte Erfolg.

Mädchen in traditionellen Trachten und Blumenkränzen (Foto: picture-alliance/Bildagentur Huber)

Sängerfest in der estnischen Hauptstadt Tallinn

Die Menschenkette am 23. August 1989, der "Baltische Weg" genannt, war der Höhepunkt einer langen Entwicklung. Bereits ein Jahr zuvor, im Sommer 1988, demonstrierten 300.000 Menschen in Estland Einigkeit und den Willen zur Unabhängigkeit. Auf dem Sängerfest "Laulupidu" in Tallinn sangen sie gemeinsam ihre Hymne "Mein Vaterland" - die eigentlich zu dieser Zeit verboten war.

Singen als Protest

Eine Menschenkette mit estnischer Flagge (Foto: dpa)

Friedliche Demonstration für die Unabhängigkeit: der "Baltische Weg"

Volkslieder haben in den baltischen Ländern eine besondere Bedeutung: Während der langen sowjetischen Besetzung der drei Staaten waren die Lieder extrem wichtig für den Zusammenhalt der Menschen. "Die Folklore-Gruppen haben mitgeholfen, die Gesellschaft von der Sowjetischen Unterdrückung zu befreien", sagt der litauische Musiker Algirdas Klova. Die nationalen Bewegungen in den drei baltischen Staaten wird darum auch "Singende Revolution" genannt.

Lange Zeit war es im Baltikum verboten, die eigenen Traditionen offen zu zeigen. Viele Sängertreffen fanden darum heimlich statt. Dalia Vaicenaviciene, Professorin für Ethnomusikologie an der Uni Vilnius, hat damals trotzdem gesungen: "Es war eine Form des Protestes. Wir haben unsere Lieder einfach im Bus gesungen. Sicher sind wir auch beobachtet worden, aber wir wollten einfach das tun, an das wir glaubten."

Alte Lieder mit Bedeutung

Die alten Lieder, die in Lettland "dainas" genannt werden, sind das Herz der baltischen Kultur. 1,2 Millionen solcher Lieder existieren alleine in Lettland. Seit 2003 gehören die Sängerfeste in allen drei baltischen Staaten zum so genannten "Oralen Weltkulturerbe", das von der UNESCO anerkannt ist.

In den 1980er-Jahren, zu Zeiten der Perestroika, wehte ein frischer Wind durch die baltischen Länder. Auch in Tartu in Estland sangen im August 1988 die Menschen patriotische Lieder. "Auf der Bühne gab es das Gefühl, wir müssen nichts mehr fürchten. Jetzt ist etwas losgegangen und man kann den Geist dieser Freiheit nicht wieder in die Flasche sperren! Man sah im Publikum die ersten Nationalflaggen. Das Gefühl war sehr befreiend", erzählt Riina Roose, musikalische Leiterin des Tallinner Stadttheaters.

Singend in die Unabhängigkeit

Eine Lenin-Statue wird umgestürzt (Foto: AP)

Der Erfolg der "Singenden Revolution": die Loslösung von der Sowjetunion (Archivfoto: 1991)

Kurze Zeit später demonstrierten die Völker des Baltikums ihre Einheit in einer beeindruckenden Form: Am 23. August 1989 schlossen sich über eine Million Menschen in drei Ländern zu einer menschlichen Kette zusammen, dem so genannten "Baltischen Weg". 620 Kilometer war er lang und reichte von Vilnius in Litauen über Riga in Lettland bis Tallinn in Estland. Die Menschen wollten so an den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 erinnerten, nach dem das Baltikum unter Sowjetherrschaft fiel. Die Litauerin Dalia Vaicenaviciene war dabei: "Ich war hochschwanger und stand in der Nähe der Kathedrale in Vilnius, mit meinen Händen verbunden mit all den anderen Menschen."

Wenig später erklärten die drei baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit. Und nach einigen Rückzugsgefechten mit der bröckelnden Sowjetmacht hatte die "Singende Revolution" gewonnen. Übrig geblieben sind die baltischen Sängerfeste, die noch immer ungebrochenen Zulauf haben.


Autor: Holger Zimmer
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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