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Europas Kulturhauptstädte

Die singende Käsestange

Spannende Kulturprojekte, davon gibt es im Ruhrgebiet in diesem Jahr viele. Eine der Hauptattraktionen ist die Ausstellung 'Emscherkunst'. 20 Werke zeigen den Wandel des Ruhrgebiets - auf einer Insel unter freiem Himmel.

EMSCHERKUNST.2010 - Landschaft Emschergenossenschaft. Foto DW/Per Henriksen 27.05.2010 DWW_7575.jpg

Die Emscher: Kloake und Kunst

Am besten erfährt man die Emscherkunst mit dem Fahrrad oder mit dem Schiff auf dem Rhein-Herne-Kanal. Die Ausstellung mit ihren acht Stationen ist über 30 Kilometer lang und liegt auf der Insel zwischen dem Abwasserkanal - der einst der Fluss Emscher war - und einem künstlichen Schifffahrtsweg zwischen Oberhausen und Recklinghausen. Alte Halden, Brachflächen und ausgediente Kläranlagen haben die 40 beteiligten Bildhauer, Architekten und Aktionskünstler mit ihren Werken erobert. Am Samstag (29.05.2010) wurde die großflächige Kunstaktion eröffnet.

Landschaft neu erfinden

EMSCHERKUNST.2010 - Fritz Pleitgen leitender Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH. Foto DW/Per Henriksen 27.05.2010

Der ehemalige Journalist Fritz Pleitgen leitet Ruhr.2010

Fritz Pleitgen, der Direktor der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010, will Kultur in diesen vergessenen Landstrich des nördlichen Ruhrgebiets bringen. "Die Emscherinsel ist gewissermaßen das Epizentrum des Ruhrgebiets und hier erleben wir, dass unser Leitmotiv des Wandels auf radikalste Weise verwirklicht wird. Denn diese Landschaft ist ja von den Menschen ermordet worden", sagt Pleitgen. "Sie wird nun zu neuem Leben erweckt durch die Renaturierung, aber auch mit Hilfe der Kunst."

In einem Hafenbecken in Herne erhebt sich am Kanal eine 23 Meter hohe Skulptur aus gestapelten gelben Klötzen. Die Aluminium-Würfel sind so geformt, dass sie Klänge erzeugen, je nach Windrichtung. Die klingende Käsestange, wie die Angler am Hafen das Werk hintersinnig nennen, ist eine gemeinschaftliche Arbeit des Bildhauers Bogomir Ecker und des Komponisten Bülent Kullukcu.

Funken sollen sprühen

Projekt Marjetica Potrč und Ooze Architects Between the Waters

Klo-Häuschen über der Emscher: Schmutziges Wasser wird wieder sauber - durch Aktionskunst

Der Kurator der Ausstellung Emscherkunst, Professor Florian Matzner, hat nichts dagegen, dass die Betrachter den Kunstwerken Spitznamen geben. Das zeige, dass die Menschen im Ruhrgebiet sich mit den künstlerischen Interventionen auseinandersetzten. "Es geht teilweise darum, konkrete Lösungsvorschläge zu machen, aber es geht auch darum, erst einmal die Köpfe aufzukriegen, einfach Fantasie zu haben", so Florian Matzner. Emscherkunst solle Möglichkeiten zeigen, die vielleicht jetzt noch nicht realisierbar sind, aber die eine Perspektive für die Zukunft bieten. "Die Ausstellung hier ist eine Zukunftswerkstatt. Es geht auch darum die Bewohner hier vor Ort einzubinden, dass dieser Fantasiefunke überspringt. Darum geht es", erläutert der Kurator, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist.

Zwischen Abwasserrinne und Kanal

Projekt Marjetica Potrč und Ooze Architects Between the Waters Foto DW/Per Henriksen 27.05.2010 DWW_7406.jpg

Wasservirtuosin Marjetica Potrc

In die Zukunft weist auch das Projekt "Between the waters" der slowenischen Wasserkünstlerin Marjetica Potrc. Sie hat im Norden von Essen über der stinkenden Emscher zwei schwebende Klo-Häuschen installiert, die die Besucher benutzen sollen. Gespült wird mit Wasser aus der Emscher, das anschließend gefiltert wird. "Danach wird es mit Regenwasser gemischt und zur Bewässerung von Beeten genutzt", erklärt Marjetica Potrc den Besuchern. "Ganz am Ende, bevor das Wasser in den Rhein-Herne-Kanal läuft, steht ein Trinkwasserbrunnen." Hier können Mutige das Wasser probieren. Mit Anlage wie dieser ließe sich Emscherwasser wieder renaturieren, glauben die Macher. Viele Betrachter bezweifeln, dass Wasseraufbereitung wirklich Kunst ist. Solche Kritik weist die slowenische Künstlerin zurück. Es gehe darum Kultur begreifbar zu machen: "Wir denken, es ist Kunst, weil es zeitgenössische Kultur darstellt."

Neuer Wohnraum

Projekt Warten auf den Fluss Haus. DW/Per Henriksen

Wohnen in der Skulptur ermöglicht die Holzbrücke an der Emscher

Eins mit der Natur werden sollen die Besucher auf der verwinkelten Holzbrücke "Warten auf den Fluss" in Gelsenkirchen. Zwischen Strommasten und Fernwärme-Rohren liegt in einem kleinen Wäldchen die bewohnbare Skulptur des Niederländers Andre Dekker. Die Konstruktion aus alten Brettern ermöglicht ganz neue Blicke auf Natur: "Man kann hier übernachten, man kann hier privat und öffentlich, sozusagen den Raum annehmen. Man muss sich einfach hingeben. Dann kommen die Qualitäten der Landschaft, der technischen Landschaft auf einen zu." Das gehe von selbst, so Andre Dekker. Man müsse nicht suchen. Die Übernachtungen sind bis auf wenige Plätze bis zum Ausstellungsende im September schon ausgebucht.

Spannende Überraschungen

Florian Neuner. Ruhrtext. Foto DW/Per Henriksen

Neuner beobachtet das Revier

Florian Neuner, ein Schriftsteller aus Österreich, begleitet die Ausstellung mit seinen Fließtexten, wie er seine Werke in Anlehnung an den Fluss selber nennt. Neuner hat schon mehrere Bücher über das Ruhrgebiet verfasst und ist begeistert von dem urbanen Abenteuer, das es in Europa kein zweites Mal gebe. Seine Meinung zur Emscherkunst ist eindeutig: "Ich bin sehr angenehm überrascht, wie weit die Künstler sich wirklich auf die Orte einlassen. Das kenne ich von anderen Ausstellungen auch im öffentlichen Raum nicht. Da werden die Skulpturen einfach beliebig irgendwo hingestellt. Hier merkt man, der Ort ist eine derartige Herausforderung und so spannend, dass die Künstler sich wirklich hineinstürzen und sich mit den Gegebenheiten hier wirklich auseinandersetzen, was zu überraschenden und tollen Ergebnissen führt."

Autor: Bernd Riegert
Bilder: Per Henriksen
Redaktion: Petra Lambeck

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