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Studieren in Deutschland

Die Seniorenuniversität

Viele Studierende sind über 60. In der Regel mischen sie sich als Gasthörer unter die jüngeren Kommilitonen. Anders in Frankfurt: Dort haben die Senioren ihre eigene Universität.

Im gut besuchten Hörsaal sind auffällig viele graue Haare, Lesebrillen und die eine oder andere Halbglatze zu sehen. Kein Wunder, denn die Studierenden sind fast alle über 60 Jahre alt. Sie könnten die Eltern oder gar Großeltern ihrer Kommilitonen auf dem Campus sein. Während der Professor spricht, tuscheln sie nicht oder tippen ins Smartphone, wie es in deutschen Hörsälen sonst häufig der Fall ist, sondern sie hören aufmerksam zu und schreiben fleißig mit. Thema ist die Entstehungsgeschichte der abendländischen Philosophie.

Hartmut Bratz besucht schon seit mehr als zehn Jahren regelmäßig Veranstaltungen der Frankfurter Universität des 3. Lebensalters, der U3L: "Ich interessiere mich seit meiner Pensionierung für diese Vorlesungen, vor allem für Literatur und für die Antike." Der heute 74-Jährige war als Jurist bei einer Bank angestellt und hatte neben seinem Job nur wenig Zeit für die schönen Künste. So geht es vielen seiner grauhaarigen Kommilitonen. Im Alter können sie sich endlich mit den Themen beschäftigen, die sie besonders interessieren.

Nicht Gasthörer, sondern Studenten der U3L

Professor Günther Böhme, Mitbegründer der U3L vor mehr als 30 Jahren (Foto: DW/Bianca von der Au)

Professor Günther Böhme, 90 Jahre alt und Mitbegründer der U3L, hält selbst noch Vorlesungen

Ein einheitliches Modell gibt es für das Seniorenstudium in Deutschland allerdings nicht. Der Begriff deckt viele unterschiedliche Veranstaltungsformen ab, die deutsche Hochschulen für ältere Menschen im Angebot haben. In der Regel mischen sich Seniorenstudenten jedoch als so genannte Gasthörer unter die jüngeren Kommilitonen. Wer Gasthörer ist, zahlt rund 100 Euro im Semester und darf viele Vorlesungen besuchen. Ein Abitur benötigt er nicht, dafür darf er in der Regel aber auch keine Prüfungen ablegen.

Die Idee des Studiums für Ältere sei in Deutschland schon vor gut 30 Jahren entstanden, sagt Silvia Dabo-Cruz, Geschäftsführerin der Frankfurter Universität des 3. Lebensalters: "Damals gab es eine Bewegung hin zur Öffnung der Hochschulen für ältere Erwachsene und wir waren bei den ersten Unis mit dabei." Aber die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität organisiert ihr Seniorenstudium anders als viele andere Hochschulen in Deutschland: Hier haben die älteren Semester mit der Universität des 3. Lebensalters so etwas wie ihre eigene Abteilung.

In Frankfurt studieren Junge und Alte getrennt

Seniorenstudenten in einem Hörsaal der Goethe-Uni in Frankfurt. (Foto: DW/Bianca von der Au)

3500 Senioren sind an der U3L eingeschrieben

Die U3L ist als Verein organisiert, quasi eine Universität in der Universität. Dozenten aus dem laufenden Betrieb der Goethe-Uni halten die Vorlesungen und das Angebot ist so vielfältig wie das Fächerspektrum der Universität selbst. Von der Archäologie über die klinische Anatomie bis hin zur Wissenschaftsgeschichte werden im Semester bis zu 120 Veranstaltungen für Senioren angeboten. Besucht werden die Veranstaltungen ausschließlich von Senioren, denn die älteren Studenten sind strikt von den jüngeren getrennt.

U3L steuert den Andrang von 3500 Senior-Studenten

Das war in Frankfurt aber nicht von Anfang an so. Zunächst wurde an der Goethe-Uni eine Mischform eingeführt. Die Senioren konnten eine Auswahl regulärer Veranstaltungen der Fachbereiche besuchen, hatten aber auch schon die separate Struktur der U3L mit Angeboten ausschließlich für Ältere. Ab 2005 wurde in Frankfurt dann die Besonderheit durchgesetzt, dass Senioren nur noch die eigens für sie angebotenen Veranstaltungen besuchen durften. Die Leitung der Goethe-Uni wollte diese Trennung zwischen Alt- und Jung-Studenten, auch um den großen Andrang besser zu steuern. Mittlerweile sind in Frankfurt 3500 Seniorstudenten eingeschrieben.

Allerdings sieht Silvia Dabo-Cruz von der Geschäftsstelle der U3L die von oben verordnete Trennung nicht nur positiv. Viele Professoren hätten bei ihr angerufen und am Telefon bedauert, dass die Älteren nicht mehr kommen. "Wenn ein älterer Mensch, der jahrelang in Afrika gelebt hatte, Vorlesungen der afrikanischen Sprachwissenschaften belegt hat, war das eine Bereicherung für die Vorlesung."

Nehmen die Alten den Jungen die Plätze weg?

Die 67-jährige Brigitte Remi (links) im Hörsaal der Goethe-Universität in Frankfurt. (Foto: DW/Bianca von der Au)

Die 67-jährige Brigitte Remi (links) möchte keinem jungen Studenten den Platz wegnehmen

Ein häufiger Vorwurf gegenüber dem Seniorenstudium lautet, die Alten nähmen den Jungen die Plätze weg. Wenn man junge Studentinnen und Studenten auf dem Frankfurter Campus fragt, gehen die Meinungen auseinander. Viele von ihnen sind durchaus überzeugt, von Älteren profitieren zu können: "Für uns Studenten kann der Austausch mit den Älteren interessant sein, weil sie mehr Lebenserfarung haben und uns neue Perspektiven eröffnen können", sagt eine Germanistik-Studentin der Goethe-Uni.

Doch nicht jeder Senior-Student will sich unters junge Campusvolk mischen. Manche möchten lieber unter sich bleiben, so wie die 67-jährige Brigitte Remi: "Also ich finde es angenehm, die U3L zu besuchen, weil ich das das Gefühl habe, keinem Jüngeren den Platz wegzunehmen. Ich fühle mich hier eigentlich wohler."

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