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Kultur

Die Schwimmbadkirche in St. Petersburg

Für Gerhard Hechler ist ein Traum wahr geworden. Der umtriebige evangelische Gemeindepfarrer im Ruhestand aus einem hessischen Dorf wird immer wieder zum Teilzeit-Pastor im russischen St. Petersburg.

Mit einer Urlaubsvertretung fing alles an. 2011 ist der heute fast 70-jährige Pfarrer Gerhard Hechler zusammen mit seiner Ehefrau Jutta und seiner Tochter Nora in einem VW-Bus aufgebrochen. Polen, Lettland, Litauen, Russland. Als die angemietete Pfarrwohnung im Zentrum von St. Petersburg, nahe der Kirche St. Petri am Newskiprospekt, eingerichtet ist, fliegen die beiden Frauen zurück nach Deutschland. Der Pfarrer samt VW-Bus bleibt. Letzterer ist ein Geschenk an die Gemeinde.

Tragische Familiengeschichte mit Folgen

Mit Russland verbindet Hechler eine besondere Beziehung. Sein Vater war 1943 in der Schlacht bei Kursk gefallen. Hitler wollte die Front begradigen. Bei der letzten deutschen Großoffensive gegen die Sowjetunion sind geschätzte 50.000 Deutsche und vermutlich 70.000 Russen ums Leben gekommen. "Es gibt Kriegsgräber dort, da fällt man um vor Trauer", sagt Hechler, der im Jahr 2010 mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge dort war. Der Name seines verschollenen Vaters ist in einem Extra-Stein eingemeißelt. "Das war eine gute Reise – für mich ist die Suche jetzt beendet."

Außerdem hatte diese Reise ungeahnte Folgen: Die neue Aufgabe ergab sich, als Hechler wegen der Kursk-Fahrt einen Amtskollegen in St. Petersburg anrief. Ob er Interesse an einer Urlaubsvertretung habe, fragte der ihn. Okay, überredet!

"So einen hatten wir noch nie"

Pfarrer Gerhard Hechler spielt ; Copyright: DW/S. Kaempf

Gerhard Hechler - begeisterter Posaunenspieler

Gerhard Hechler ist ein ausgemachter Familienmensch, ohne seine vier Kinder und sechs Enkel in Reichweite zu haben, sei er nur ein halber Pfarrer, meint er. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, immer wieder gen Osten zu reisen. Fünfmal war er bereits in Russland. In St.Petersburg könnte es im Herbst sein dritter Einsatz werden. Länger als 90 Tage am Stück darf er jedoch nicht in Russland arbeiten, aber nach jeweils drei Monaten Unterbrechung ist es erlaubt, wiederzukommen.

Die Mitglieder der St. Petersburger Gemeinde freut das: "So einen hatten wir noch nie", sagen sie. Der Pfarrer aus Deutschland sei ein herzlicher, zugewandter Mensch, der ihnen auf Augenhöhe begegne, der jederzeit bei Problemen ansprechbar sei. Das in Russland übliche Bild des Geistlichen, der mindestens eine Stufe höher als der einfache Gläubige steht, kommt in Hechlers Gegenwart gar nicht erst auf. Der "Pfarrer zum Anfassen" begrüßt seine Gemeindemitglieder gerne auch mal, indem er sie in den Arm nimmt. Sollte die Besetzung der Stelle im September 2013 nicht erfolgen, wird Hechler noch einmal dort sein.

Schwimmen lernen in der Kirche

St. Petri in einstiger Pracht vor dem Umbau zum Schwimmbad. Copyright: DW/S. Kaempf

St. Petri in einstiger Pracht

Internationale Besuchergruppen staunen nicht schlecht, wenn Reiseführer den Touristen die Geschichte der Kirche erzählen, auch davon, dass sie hier Schwimmen gelernt hätten. Der Petrikirche erging es wie mehr als 80.000 Kirchen und Kapellen Russlands nach der Oktoberrevolution von 1917. Sie wurden umfunktioniert – meistens zu Lagerhallen. Unter Stalin schlossen die Kommunisten 1937 St. Petri, um sie zunächst ebenfalls als Lagerort zu nutzen. Die Pfarrer wurden von den Kommunisten erschossen. 1962 dann der Umbau zum Schwimmbad. Mitten im Kirchenraum entstand das Becken mit einer 25-Meter-Bahn, von 50 Zentimeter dicken Betonwänden begrenzt. Im Altarraum ragten zwei Sprungtürme empor – zehn Meter hoch. Die beidseitigen Emporen wurden herausgerisssen. Das Gotteshaus verlor nicht nur seine Bestimmung, sondern zusätzlich sein Gesicht - und damit auch seine spezielle, ihm eigene spirituelle Würde.

Mitten im Kirchenraum entstand das Becken mit einer 25-Meter-Bahn, von 50 Zentimeter dicken Betonwänden begrenzt. Im Altarraum ragten zwei zehn Meter hohe Sprungtürme empor; Copyright: DW/S. Kaempf

1962: Kopfsprung im Altarraum

Glasnost und Perstroika und all die politischen Veränderungen, die danach folgten, haben es schließlich möglich gemacht: Seit 1993 ist St. Petri wieder eine lutherische Kirche. Obwohl seitdem hier wieder eine Gemeinde ihre Heimat gefunden hat, Gottesdienste und vieles mehr stattfinden - den Namen Schwimmbadkirche hat sie bei den St. Petersburgern behalten. Vielleicht auch dehalb, weil die schwere Betonwanne aus statischen Gründen im Innenraum bleiben musste. In prominenter Lage, nur ein wenig zurückgesetzt vom Prachtboulevard der Stadt, dem Newski Prospekt, liegt die wuchtige Basilika, deren Innenraum erstaunlich hell wirkt. Bis heute ist sie die größte lutherische Kirche Russlands. Allerdings kann die Gemeinde mit wenigen hundert Mitgliedern nicht mehr an die Zeit anknüpfen, in der ihr bis zu 18.000 Gläubige angehörte. Nach über 70-jähriger antireligiöser und kirchenfeindlicher Herrschaft kein Wunder.

Ein Pfarrer für alles

Das Engagement von Pfarrer Gerhard Hechler in der wieder wachsenden St. Petri-Gemeinde ist vielfältig: Gottesdienste, Taufen, Beerdigungen, Konfirmanden- und Bibelstunden, Unterricht an der deutschen Schule, Spielen im Posaunenchor, Singen im Gospelchor, Büroarbeit, Kontaktpflege, Unterstützen des Kirchenvorstands – also das volle Programm.

Blick in den heutigen Gottesdienstraum. Copyright: DW/S. Kaempf

Seit 1993 wieder Kirche - dennoch kann St.Petri die Spuren der Vergangenheit als Schwimmbad nicht vollends verbergen

Eine der ersten Aufgaben Hechlers war seinerzeit die Mitwirkung bei Gedenkfeiern am Totensonntag auf russischen und deutschen Soldatenfriedhöfen, veranstaltet vom Deutschen Konsulat. Priorität haben für ihn Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Religionsunterricht an Schulen. An Menschen Erfahrungen weiterzugeben, ist ihm eine Herzensangelegenheit "und ich darf in einer der schönsten Städte der Welt Pfarrer sein, dort singen und trompeten, das macht einen Riesenspaß."

Begehrte Gesprächspartner

Pfarrer Gerhard Hechler während der Predigt; Copyright: DW/S. Kaempf

Pfarrer Gerhard Hechler während der Predigt

Dennoch ist in der Stadt an der Newa vieles anders als in der Heimat: Eine Kindertaufe ist eine Seltenheit, den Konfirmationskurs im Winter besuchten fast nur Erwachsene, darunter viele Rentner und Pensionäre. Immerhin gelten die Lutheraner als begehrte Gesprächspartner für in der Gesellschaft heftig diskutierte ethische Themen, stellt der Theologe erfreut fest: "Die anderen Kirchen in Russland geben wenig Antwort auf Fragen zu Scheidung, Homosexualität oder Kindererziehung."

Doch so sehr Pfarrer Gerhard Hechler St. Petersburg auch liebt und so sehr er sich dort auch zu Hause fühlt, dorthin auszuwandern, kommt nicht in Frage. "Ich bin Hesse und gehöre in mein Dorf Jugenheim."