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Politik

Die schwierige Arbeit der Versöhnungskommission in Liberia

Versöhnung braucht Gerechtigkeit. Doch beides zu erreichen, ist nicht einfach, wie das Beispiel der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Liberia zeigt. Nach 14 schweren Jahren versucht das Land einen Wiederaufbau.

Präsident Charles Taylor (Archivfoto von 2006, Quelle: AP)

Brachte Gewaltherrschaft, Bürgerkrieg und Staatszerfall - Präsident Charles Taylor (Archivfoto von 2006)

Ein Dorf in der Nähe von Tubmanburg, etwa zwei Autostunden von Monrovia entfernt: Kinder laufen fröhlich herum, Hühner gackern, es fällt ein leichter Nieselregen. Bauer Morris Gabeeh steht vor seinem Haus und lacht. Heute gehe es ihm und seiner Familie wieder gut, sagt Morris. Durch Getreideanbau und Viehwirtschaft hat er ein bescheidenes Auskommen.

Das war mal anders. Morris musste vor der Gewalt in der Region in ein Auffanglager in der Nähe der Hauptstadt flüchten - wie so viele andere auch. Erst vor zwei Jahren konnte der Bauer in sein Heimatdorf zurückkehren. An das erlittene Leid, so sagt er mit sanftem Lächeln, möchte er am liebsten gar nicht mehr zurückdenken. Und Morris hält auch nichts von den Rufen nach Gerechtigkeit und Verurteilung der Täter, die jetzt in Liberia laut werden: "'Ich denke, wenn man von Versöhnung spricht, sollte man versuchen, die Vergangenheit zu vergessen. Ich appelliere an die Regierung, an die internationale Gemeinschaft, zu vergeben, egal, was passiert ist."

Wie Farmer Morris denken derzeit viele im Nachkriegsliberia. Wir wollen lieber unsere Ruhe haben, als alte Wunden wieder aufzureißen, sagen diese Menschen.

Junge Erinnerungen

In Bomi Hills, ein wenig weiter nördlich, ist im Heim von Pater Gareth Jenkins gerade Essensausgabe. Kinder drängeln sich fröhlich um kleine, bunte Plastikteller. Alles wirkt so friedlich. Doch hinter der Idylle sind noch die Schrecken der Vergangenheit spürbar.

Pater Gareth, ein Brite, der seit 34 Jahren in Liberia lebt und dort eine Schule und ein Kinderheim unterhält, erinnert sich noch genau an das Massaker vom 20. Juli 2002 unweit von Bomi Hills. Damals, auf dem Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Rebellentruppen und den Soldaten des ehemaligen Präsidenten Charles Taylor, wurden zahlreiche Menschen aus den Dörfern verschleppt, getötet und einfach in einen nahe gelegenen Fluss geworfen. Wer der Gewalt entkam, musste mit mangelnder Versorgung kämpfen.

Kultur der Straflosigkeit

Ein kleiner, mit Blumen bepflanzter Hügel in Bomi Hills, von dem man eine schöne Aussicht hat, ist in Wahrheit ein Friedhof. Viele Hungertote haben Gareth und seine Mitarbeiter damals hier begraben. Deshalb will der britische Priester vom Vergessen nichts wissen, so wie Farmer Morris es vorschlägt. Denn ohne Strafverfolgung der Täter kann es für Liberia keine friedliche Zukunft geben - davon ist Gareth überzeugt. "Diese Kultur der Straflosigkeit hat uns in der Vergangenheit stets begleitet und sie hat keinen dauerhaften Frieden gebracht. Die Verzweiflung der vielen armen Menschen, die gelitten haben, muss bearbeitet werden."

In dieser schwierigen Balance zwischen dem Ruf nach Vergessen und dem nach Strafe, versucht die Wahrheits- und Versöhnungskommission Liberias, die Truth and Reconciliation Commission, TRC, zu arbeiten. Sie bekam ihr Mandat mit dem Friedensabkommen von Accra im August 2003. Die Einrichtung eines speziellen Gerichts zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen scheiterte am Widerstand der Warlords.

Stattdessen soll nun die TRC Zeugenaussagen sammeln, ein Forum für Opfer und Täter bilden und Empfehlungen dafür abgeben, wie mit vergangenen Verbrechen umzugehen sei - keine leichte Aufgabe. Rund 6000 Aussagen haben Mitarbeiter der TRC bisher im Land gesammelt.

Angst und mangelndes Vertrauen

Doch viele Menschen haben Angst, überhaupt vor der Kommission etwas zu sagen. Schließlich laufen die Täter von einst noch frei herum. Oftmals leben sie mit den Opfern Tür an Tür. Andere wollen nicht aussagen, weil sie der Kommission nichts zutrauen. Denn die verfügt nur über geringe Ressourcen und geringe Macht. Besser wäre da eben doch ein Sondergerichtshof, heißt es immer wieder.

Doch TRC-Commissioner John H. Stewart, selbst als politischer Aktivist über viele Jahre hinweg verfolgt, sieht das anders. Das Beispiel von Sierra Leone zeige doch, dass trotz der Gräueltaten viele Leute kein Gerichtsverfahren wollten. Und ein Gericht für Kriegsverbrechen interessiere sich nicht für die Meinung der Opfer. Man wolle nur den Täter mit den Anklagen konfrontieren. "Ein solches Gericht gibt den Opfern keinen Raum, ihre Geschichte zu erzählen. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission aber gibt den Opfern Gelegenheit, ihre Seite zu Gehör zu bringen."

Und was passiert dann?

Die Kritik, wonach die TRC sich bisher als eher zahnlos erwiesen habe, lässt Commissioner Stewart nicht gelten. Er setzt auf die Anhörungen, die noch vor Ende dieses Jahres beginnen sollen. Da werde die Kommission im Bedarfsfall auch beweisen, welche Autorität sie habe, sagt Stewart: "Es gibt im Rahmen des Wahrheits- und Versöhnungsprozesses für niemanden Immunität. Wir können jeden auffordern, Stellung zu beziehen, einschließlich der Präsidentin."

Was allerdings geschieht, sollte die TRC tatsächlich Verbrechen aufklären und Täter benennen, das ist noch unklar. Denn über die Empfehlungen der Kommission entscheidet letztlich die Regierung - und darin könnte eine weitere Schwierigkeit liegen, wie auch Commissioner Stewart einräumt: "Unsere derzeitige Regierung ist eine Mixtur aus verschiedenen Interessen. Wir haben Ex-Generäle und Warlords im Parlament und in anderen Regierungsbereichen. Also wird es auf jeden Fall eine Menge politischen Willen erfordern, die Empfehlungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission umzusetzen."

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