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Europa

Die Schweiz als Modell für Europa?

Der schweizerische Schriftsteller Adolf Muschg erklärt im Gespräch mit DW-WORLD, warum die EU sinnvoll ist, was von Volksentscheiden zu halten ist und weshalb die Politiker nicht so wollen, wie sie könnten.

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Im Licht der Berliner Akademie der Künste: Adolf Muschg


DW-WORLD: Die EU-Verfassung liegt auf Eis, der Streit ums Geld geht weiter, ob ausgerechnet Tony Blair als Ratspräsident die Krise lösen kann, ist offen: Hat Europa noch eine Zukunft?

Adolf Muschg: Wenn man Europa mit einem großen Schiff vergleicht, das hoffentlich einigermaßen unsinkbar ist, dann passiert im Augenblick etwas ungemein Normales: Das, was wir jetzt Europa ankreiden und wofür wir Europa als Sündenbock verwenden, ist die Erfahrung der Grenze der nationalen Politiken. Die Probleme sind im Augenblick größer als die Möglichkeiten jeder politischen Regierung, sie zu lösen.

Europa ist nicht die einzige Antwort auf die Globalisierung, aber sie ist eine, wo man das Problem eingrenzen kann und wo man lernen kann, sich kooperativ zu verhalten. Voneinander lernen, das muss eine grenzüberschreitende Hauptbeschäftigung in Europa werden. Wir haben doch eine wunderbare Auswahl zwischen soundsovielen nationalen Traditionen, die wir testen können im Hinblick auf die gemeinsame Anwendbarkeit in einem größeren Raum.

Hat Europa demzufolge keine allgemeine Sinn- und Strukturkrise, sondern ist lediglich an einem Punkt angekommen, an dem es sich für die eine oder andere Richtung entscheiden muss?

Ja, und darum nenne ich das gerne ein kulturelles Projekt, denn Europa ist mit den Mitteln der ökonomischen Lehre nicht definierbar - die ist Teil des Problems, das sie zu lösen behauptet. Wenn es darum geht, Europa als geschichtlich-historische Körperschaft zu definieren, dann muss man anders vorgehen. Da meine ich, dass das, was wir "Kultur" nennen, wieder als Wurzel erkennbar sein muss.

In diesem Zusammenhang wird die Schweiz gerne als Modell präsentiert, wie unterschiedliche Kulturen, Sprachgruppen und Religionen friedlich nebeneinander leben können: Was sollte Europa von der Schweiz lernen?

Ich bin weit entfernt, die Schweiz als Modell für Europa zu empfehlen. Wenn man die Schweiz näher ansieht, dann sieht das alles nicht mehr so glänzend aus. Die Kohärenz des Staates war sehr viel größer während der zwei Weltkriege, wo die Schweiz als "Insel" mit dem Rücken zur übrigen Welt stand und versuchte, sich diesen Rücken freizuhalten.

Das Prinzip, dass man den Minderheiten fast reflexartig eine größere Vertretung einräumt in den repräsentativen Körperschaften oder auch das Subsidiaritätsprinzip, wonach die Gemeinde eine viel höhere Autonomie genießt als in Deutschland - das ist interner Wettbewerb. Und es braucht ungemein wenig Patriotismus dazu, das ist alles nicht nötig. Es geht sogar ohne die SwissAir, was die Schweizer besonders wenig geglaubt haben. Jetzt gehört sie der Lufthansa - aber die Schweiz ist kein bisschen untergegangen.

Soll man als Politiker "das Volk" mitreden lassen? Und warum ist die Schweiz so beliebt in Europa, obwohl sie nicht in der EU ist? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite!

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