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Champions League

Die schwarze Bestie beißt nicht mehr

Der Spanien-Fluch hält an: Zum vierten Mal in Folge fliegt der FC Bayern gegen ein spanisches Team aus der Champions League. Dabei waren die Münchner nah dran am "Wunder von Madrid". Doch dann gab es ein Déjà-Vu.

Rote Karte gegen Vidal. Foto: Getty Images

Der Platzverweis gegen Arturo Vidal (l.) war der Wendepunkt des Spiels

Am Ende einer abenteuerlichen Nacht im Estadio Bernabeu wurde nicht etwa über Robert Lewandowskis erfolgreiche Rückkehr diskutiert oder über Manuel Neuers Glanzparaden. Und auch der Abschied von Xabi Alonso und Philipp Lahm von der größten aller Vereinsbühnen, der Champions League, stand nicht im Mittelpunkt. All das zählte nur wenig, weil eine Geschichte alles andere überlagerte. Sie dürfte den Bayern bekannt vorkommen: Die Geschichte von zehn Münchnern gegen elf Madrilenen.

"Zehn gegen elf auswärts, auch noch im Bernabeu. Das ist fast unmöglich zu gewinnen", sagte etwa Lewandowski. Und Xabi Alonso erklärte: "Hätten wir mit elf gegen elf zu Ende gespielt, wären wir jetzt wohl im Halbfinale." Doch aus elf wurden eben - wie schon bei der 1:2-Pleite im Hinspiel und dem folgenschweren Platzverweis von Javi Martinez - zehn Münchener. Diesmal traf es Arturo Vidal, als er in der 84. Minute an der Außenlinie seine Stollen wiederholt nicht im Griff hatte. Die gelb-rote Karte war nicht so eindeutig in diesem Fall, aber ging dann doch irgendwie in Ordnung, weil der Chilene zuvor schon einige Male gerade noch so davongekommen war. Das Bernabeu schäumte und verabschiedete Vidal mit einem Schwall von Flüchen auf Spanisch in die Kabine. Damit konnten die Münchener auch das zweite Königsklassen-Spiel in Folge nicht vollzählig beenden. Das passierte einer Bayern-Mannschaft in diesem Wettbewerb zuvor noch nie. "Spielentscheidend", befand Jerome Boateng treffend.

Rummenigge: "Wir sind beschissen worden"

Und weil sich die Geschichte wiederholt, ist auch derjenige, der den größten Nutzen aus der Münchener Unterzahl zog, ein alter Bekannter: Cristiano Ronaldo traf nicht nur zum 1:1 (76.), sondern nach Vidals Platzverweis noch zwei weitere Male in der Verlängerung (105./110.) und durfte wie schon im Hinspiel seine ganz eigene Show feiern. Der eingewechselte Marco Asensio veredelte den Halbfinal-Einzug mit einem Solo zum 4:2 (112.) gegen nur noch müde Münchner.

Real bejubelt Tor, Bayern-Spieler wirken resigniert. Foto: Reuters

Wieder ein K.o. in der Champions League gegen eine spanischen Mannschaft

Zwischenzeitlich hatten die Bayern durch Lewandowskis abgezockt verwandelten Elfmeter zur Führung (53.) und das Eigentor von Kapitän Sergio Ramos (78.) überhaupt erst die Verlängerung erzwungen. Dass es dann doch wieder nicht gegen die Königlichen geklappt hatte, ließ sie in der Mixed Zone bedröppelt dreinschauen. Und wütend schimpfen. Fast alle waren sich einig - von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ("Wir sind beschissen worden"), über Trainer Carlo Ancelotti ("Fehler, die auf diesem Niveau nicht passieren dürfen") bis zu den Spielern (Boateng: "Jeder macht mal Fehler, aber nicht so viele"). Gemeint war Schiedsrichter Viktor Kassai aus Ungarn, der in der Tat alles andere als überzeugte. Sein Gespann übersah gleich bei zwei Treffern von Ronaldo, dass er abseits stand, und machte auch sonst keinen sicheren Eindruck. In den Katakomben soll es nach dem Spiel hoch hergegangen sein. Der FC Bayern dementierte Berichte spanischer Medien, Bayern-Profis hätten Kassai bis in die Kabine verfolgt und beschimpft. Die UEFA teilte mit, dass nach dem Spiel keine disziplinarischen Verfahren eingeleitet worden seien. 

Doch das Ausscheiden allein am Spielleiter festzumachen, greift zu kurz. Einzig Mats Hummels zeigte ein wenig Einsicht: "Real ist verdient weitergekommen. Sie können nichts für Fehlentscheidungen. Sie hatten auch unglaublich viele Chancen."

Champions-League-Traum platzt wieder gegen Real

Damit scheitern die Bayern nun schon zum vierten Mal in Folge in der Champions League an einem spanischen Top-Klub. Nach den Halbfinal-Pleiten gegen Real, Barcelona und Atlético in den drei Jahren unter Ancelottis Vorgänger Pep Guardiola hat es den Italiener in seiner Debüt-Saison als Bayern-Trainer jetzt im Viertelfinale erwischt. "Wir haben gekämpft wie Männer, aber trotzdem sind wir ausgeschieden. Und daran haben wir zu knabbern", meinte Thomas Müller.

Wie Müller sein Torinstinkt und seine wuselige Schlitzohrigkeit ist den Bayern ihre Parade-Rolle abhanden gekommen. Die einst "schwarze Bestie" ist nur noch zahnlos. "La Bestia Negra", so waren die Bayern von spanischen Fans und Journalisten wegen ihrer Erfolge gegen spanische Klubs in der Vergangenheit getauft worden. Die Nie-Aufgeben-Mentalität, verkörpert von Bayern-Ikonen wie etwa Oliver Kahn und Bastian Schweinsteiger, war gleichermaßen gehasst und gefürchtet.

Bitterer Abschied für Lahm und Alonso

Champions League Real Madrid CF v FC Bayern München (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

Alte Bayern-Recken wie Franck Ribery (2.v.l.)

Philipp Lahm ist der letzte Verbliebene aus der aktuellen Mannschaft, der noch mit beiden zusammen gespielt hat. Er machte im Bernabeu sein letztes Champions-League-Spiel, im 112. ist es dann "natürlich bitter, so auszuscheiden", befand Lahm hinterher. Xabi Alonso hat sogar sieben Spiele mehr auf dem Königsklassen-Konto, bevor auch er seine Karriere zum Saisonende beendet. Bei jedem Ballkontakt Alonsos ratterten die Radio-Reporter auf den Rängen wilde spanische Silben in ihre Mikrofone.

Beide machten nicht ihre besten Spiele im Münchener Trikot, aber es war ein ordentlicher Abschied. Und zugleich die Ankündigung eines größeren Umbruchs bei den Bayern, der sich immer noch sehr schleppend zu vollziehen scheint. Denn auch Franck Ribéry (34 Jahre alt) und Arjen Robben (33) sind längst Oldtimer, doch gleichwertiger Ersatz auf den Flügeln ist noch immer nicht gefunden, auch das haben die Spiele gegen Real mit den Kurz-Einsätzen von Douglas Costa und Kingsley Coman erneut gezeigt. Carlo Ancelotti setzte im Spiel gegen Madrid sogar auf die älteste Bayern-Mannschaft in der Champions-League-Historie: 30 Jahre und 116 Tage im Durchschnitt.

Ronaldo-Show mit fünf Toren

Champions League Real Madrid CF vs FC Bayern Muenchen (Getty Images/G. A. Moreno)

100. Champions-League-Tor für Ronaldo (l.)

Nur ein Randthema dieser Europapokal-Nacht, aber eines, das die Bayern schon bald wieder einholen wird. Der Mann des Abends schlenderte derweil in engen Jeans durch die Katakomben, wortlos durch die Mixed Zone, vorbei an den Journalisten. Kein Wort. Nur für Selfies mit Fans posierte Cristiano Ronaldo. Man hätte ihn gerne zu seinem Abseits-Empfinden befragt oder auch zur "Bestia Negra". Er hat sie erlegt mit fünf Toren in zwei Viertelfinal-Duellen - und am Dienstag auch als erster Spieler die Marke von 100 Toren in der Champions League geknackt. Die wahre Bestie heißt Ronaldo. Gehasst und gleichermaßen gefürchtet.

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