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Kultur

Die schwächsten Opfer des Globalisierungsdrucks

Zum Internationalen Tag gegen Kinderarbeit. Ein Kommentar von Heinrich Bergstresser.

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Tendenziell wird alles zur Ware, auch der Mensch, verkörpert
durch seine Arbeitskraft, seine Produktivität, die er im Prozess der Entfremdung auf einem mehr oder weniger anonymen Arbeitsmarkt anbieten muss, um zu überleben. Dieser Prozess läuft seit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert ungebrochen ab, und angesichts der jüngsten Globalisierungswelle hat dieser Prozess sogar an Dynamik gewonnen.

Die Prozesse der Verwandlung von Arbeit in Ware, die Entfremdung von der Arbeit, und die parallele Entwicklung hin zu einer Weltwirtschaft haben Karl Marx und Fernand Braudel in einer noch immer unerreichten Art und Weise beschrieben und analysiert. Und konsequent weiter gedacht, machen ihre Überlegungen auch nicht Halt vor Kindern. Ihre Arbeitskraft ist zwar beschränkt, sie mutiert aber letztlich auch zur Ware.

Diese Erkenntnisse sind nicht ganz neu und auch nicht sonderlich originell. Sie sind aber heute hinsichtlich der Zahlen und Größenordnungen außerordentlich brisant. Die berechtigten Sorgen in allen Regionen der Welt nehmen zu. Denn je mehr Kinder sich in Ware verwandeln, desto mehr werden sie vernutzt, oder anders ausgedrückt - verheizt: Zurzeit sind es fast 250 Millionen Kinder.

Dabei verkörpern Kinder doch den Bestand und die Zukunft einer Gesellschaft. Sie sind in die Welt gesetzt worden, das Erreichte zu erhalten und zugleich weiterzuentwickeln.

Doch die Fakten sprechen leider eine andere Sprache - trotz
international akzeptierter Konventionen zum Kampf gegen
Kinderarbeit, die seit dem Ende der Ersten Weltkrieges
verabschiedet worden sind. Statt Schutz, Bildung und ein
Mindestmaß an Recht auf Kindheit breitet sich Kinderarbeit wie ein Geschwür aus.

Mittlerweile hat die Ware Kinderarbeit vielfältige Formen angenommen: Sie reicht von Dienstleistungen aller Art, wie billigem Sex und Organspenden, bis hin zu Sklavenarbeit auf den Feldern der Großgrundbesitzer, unbezahlter Arbeit in den Hinterhöfen der Kleinunternehmer in Asien und Afrika und Söldnerdiensten auf den Gewaltmärkten dieser Welt. Das
Beispiel Kongo ist keine Besonderheit, sondern lediglich das
zurzeit spektakulärste. Dieser Befund ist aber nicht auf die Dritte-Welt-Regionen dieser Welt beschränkt, die dem Globalisierungsdruck am stärksten ausgesetzt sind. Dort schlägt der Druck des Weltmarktes direkt auf die Produktionsverhältnisse durch und dort wird Kinderarbeit
zum Nulltarif gebraucht, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein.

Und das weiterhin hohe Bevölkerungswachstum sichert den
Nachschub, bietet die Ware Kinderarbeit ständig an. Es ist ein lukratives Geschäft für Unternehmen und Agenten, aber eine mittlere Katastrophe für die Gesellschaft, die sich weitgehend unbewusst selbst ihrer menschlichen Grundlage beraubt.

Aber auch in den industrialisierten Staaten gibt es weit mehr
Kinderarbeit als man wahrhaben will - mehr als 2,5 Millionen. Und die Schattenwirtschaft breitet sich in dem Maße aus, in dem auch hier der Globalisierungsdruck zunimmt. Ein Blick nach Neapel oder auf die EU-Beitrittskandidaten offenbart mehr Ähnlichkeiten mit den Zuständen in der Dritten Welt - trotz des engagierten Kampfes gegen die Kinderarbeit. Das Gesetz des Marktes scheint auch hier zu wirken, engt die Insel der Seligen zunehmend ein, wo Kinder noch Kinder sein dürfen und das natürliche Recht auf Schutz und Bildung besitzen.

Um dieses Recht geht es und darum, die entfesselten Kräfte des Marktes in die Schranken zu weisen und nicht alles zur Ware verkommen zu lassen, insbesondere nicht zur Ware Kind.

  • Datum 12.06.2003
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3k2L
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