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Hintergrund

Die "Schule der Freundschaft"

In den 1970er Jahren wurde in der kleinen Stadt Staßfurt in Sachsen-Anhalt die "Schule der Freundschaft" gegründet. Hier sollten hunderte mosambikanische Kinder eine Schul- und Berufsausbildung bekommen.

Plakat der Schule der Freundschaft, Foto: Marta Barroso

"Amizade entre os povos" –"Freundschaft zwischen den Völkern"

Heinz Berg, ehemaliger Schulleiter, Foto: Marta Baroso

Schüler wie Tomaten? Heinz Berg war Leiter der Schule

"Mosambiks Präsident Samora Machel hat einmal gesagt, Schüler sollen wie Tomaten sein", erinnert sich Heinz Berg, er erzählt gerne. Über die "Schule der Freundschaft" spricht er so, als wäre sie vor kurzem erst eingeweiht worden. Berg war dort Internatsleiter, 20 Jahre ist das her. "Wenn die Tomate reif ist", so Berg weiter, "platzt sie und die Kerne fliegen überall hin! So ungefähr hatte sich das zumindest die mosambikanische Seite vorgestellt."

Die Vorstellung von reifen Tomaten, die Samora Machel, der erste Präsident Mosambiks und Anführer der sozialistischen Frelimo-Partei hatte, passte nur zu gut zu dem Projekt "Schule der Freundschaft". Joachim Scheuermann war Physiklehrer im "Objekt Mosambik", wie die Schule der Freundschaft damals genannt wurde. Für ihn war die Schule so, wie sich die Frelimo-Partei das ausgemalt hatte: "Sie dachten: 'Wir schicken unsere Kinder nach Staßfurt in der DDR. Dort erhalten sie eine Schul- und eine Berufsausbildung. Dann kommen sie wieder nach Mosambik und bauen die Industrie auf'", erinnert er sich.

Honecker-Bild zur Begrüßung

Heinz Berg (vorne links) bei der Vergabe der Gruppen am ersten Tag. Autor: Marta Barroso

Devotionalien zur Begrüßung: Heinz Berg am ersten Schultag

DDR-Staatschef Erich Honecker hatte 1979 auf einer Afrika-Reise auch Mosambik besucht. Als er zurückkam, hatte er diverse Freundschafts- und Kooperationsverträge im Gepäck, darunter auch das Projekt "Schule der Freundschaft". 899 mosambikanische Kinder sollten demnach vier Jahre lang eine Schulausbildung in der DDR bekommen und anschließend zwei Jahre lang einen Beruf erlernen: als Koch, als Elektriker oder als Wäscherin, insgesamt 40 Berufe standen zur Auswahl.

Bei ihrer Ankunft hätten die Schüler allerdings noch nicht einmal ihre Zimmer zu sehen bekommen, sondern seien sofort zum Appell geführt worden, erinnert sich Heinz Berg lachend: "Und zur Begrüßung bekamen sie nicht etwa eine Scheibe Brot mit Salz zum essen, sondern ein Honecker-Bild!"

Schule mit Symbolcharakter

Graça Machel und Margot Honecker, Foto: Marta Barroso

Deutsch-mosambikanische Freundschaft: Graça Machel und Margot Honecker Autor: Marta Barroso August 2009

Die Einrichtung wurde zum Lieblingsprojekt von Graça Machel, der Ehefrau des mosambikanischen Präsidenten und damaligen Bildungsministerin des Landes. Wo heute der Parkplatz der Schule ist, hatte Graça Machel einst zusammen mit Margot Honecker zwei Bäume gepflanzt, denn die Schule war ein offizielles Symbol der internationalen Solidarität.

Doch auch der DDR sollte sie Vorteile einbringen, insbesondere wirtschaftlicher Art: Der sozialistische Staat plante, in mosambikanische Großprojekte zu investieren. Und in diesen Projekten, entsinnt sich Physiklehrer Joachim Scheuermann, sollten die Schulabsolventen eingesetzt werden. "Sie sollten eigentlich Mosambik aufbauen, die Industrie, einzelne Betriebe. Und sie sollten leitende Mitarbeiter werden, die ihre Kenntnisse, die sie bei uns erworben haben, dort umsetzen." Hinzu kam, dass die DDR kostengünstig Produkte aus dem sozialistischen Bruderstaat importierte, wie etwa mosambikanische Steinkohle.

Nach der Ausbildung in den Krieg

Der ehemalige Schüler Custódio Tamele und Physiklehrer Joachim Scheuermann, Foto: Marta Barroso

Gemeinsame Erinnerungen: Der ehemalige Schüler Custódio Tamele und Physiklehrer Scheuermann

Mit dem Tod von Präsident Samora Machel 1986 begann jedoch das letzte Kapitel der "Schule der Freundschaft": Vor dem Hintergrund von Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise änderte Mosambik seinen politischen Kurs und entfernte sich immer mehr vom Sozialismus: "Es ist dann nicht das Ergebnis heraus gekommen, was man sich vorgestellt hat," erinnert sich Joachim Scheuermann noch heute mit etwas Wehmut.

1988, bereits ein Jahr vor dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der DDR, ging das "Projekt Schule der Freundschaft" zu Ende. Die erste Generation der mosambikanischen Jugendlichen war mit ihrer Ausbildung fertig und kehrte in ihr Heimatland zurück. Doch da erwartete sie zunächst keine rosige Zukunft: Mosambik führte immer noch Krieg und an die geplanten Aufbaumaßnahmen war nicht zu denken. Stattdessen wurden die Jugendlichen am Flughafen in der Hauptstadt Maputo abgeholt und direkt in die Armee eingezogen, ohne ihre Familien gesehen zu haben. Nach Staßfurt wurde keine neue Generation mosambikanischer Schüler mehr geschickt.

Autorin: Marta Barroso
Redaktion: Ina Rottscheidt

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