1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Die Schlagkraft der Taliban

Während die ISAF den Abzug ihrer Truppen für 2014 vorbereitet, werden die Angriffe der Taliban zahlreicher und tödlicher. Experten befürchten ihre Rückkehr an die Macht.

"Wir waren auf Patrouille in der unsicheren Provinz Baglan, als wir auf einmal Gewehrfeuer hörten. Es kam von der Parallelstraße einer nahgelegenen Siedlung. Wir warfen uns auf Boden, so wie wir es im Training gelernt hatten. Schon bald feuerten wir zurück. Der Angriff endete ebenso schnell, wie er begonnen hatte. In kürzester Zeit hatten sich die Angreifer unter die Dorfbewohner gemischt, so dass es unmöglich wurde, sie von den Zivilisten zu unterscheiden."

Dieser Bericht des deutschen Oberstleutnants Christian B., der als Mitglied der ISAF-Truppe in Afghanistan gedient hat, gibt einen Einblick in eine der bevorzugten Taktiken der Taliban: den Hinterhalt. Experten sind der Ansicht, dass die Guerillataktiken und die Anpassungsfähigkeit ihres Kampfstils die Taliban so gefährlich machen. "Ihre Strategien sind immer brutaler und ausgeklügelter geworden", so Rolf Tophoven von dem in Deutschland ansässigen Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik.

Tödliche Angriffe nehmen zu

Vermummte Taliban mit ihren Waffen (Foto: STR/AFP/Getty Images)

Die tödlichen Angriffe der Taliban nehmen zu

Die Taliban greifen immer häufiger zivile Ziele an, um die Kontrolle über Gebiete zurückzugewinnen, die die Koalitionsstreitkräfte der ISAF im Laufe des Truppenabzugs nach und nach verlassen. Ein Bericht der UN zeigt, dass die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan in den letzten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent nach oben geschnellt ist.

In der Regel setzen die Taliban selbstgebaute Sprengfallen ein. Nach Ansicht von Experten sind diese Bomben nach wie vor die Hauptwaffe der Taliban beim Kampf gegen die internationale Schutztruppe in Afghanistan und gegen die afghanischen Sicherheitskräfte.

Verschiedene Fraktionen

Pakistanische Sicherheitskräfte vor dem angegriffenen Gefängnis (Foto: REUTERS/Stringer)

Bei einem Angriff auf ein pakistanisches Gefängnis befreiten die Taliban 250 Insassen

Trotz Verwendung gleicher Mittel sind die Taliban keine einheitlich organisierte Kampftruppe. Marvin Weinbaum, ein Afghanistanexperte des Middle East Institutes (MEI) aus Washington, erklärt, dass es sich sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan in der Regel um verschiedene, lokal operierende Netzwerke handelt, die alle mit dem Etikett "Taliban" bezeichnet werden. Grundsätzlich handle es sich um unterschiedliche Kampfgruppen, die in fast ganz Afghanistan operieren. "In erster Linie konzentrieren die Taliban sich aber auf die östlichen und südlichen Provinzen", so Weinbaum, "und verfügen nicht selten über Rückzugsgebiete in Pakistan."

Nach dem Einmarsch der USA blieben einige Taliban in Afghanistan, andere zogen sich nach Pakistan zurück. So gründeten sie etwa die sogenannte Quetta-Shura unter dem Kommando von Mullah Omar. Die Quetta-Shura kämpft in Afghanistan, wird aber aus der pakistanschien Stadt Quetta gesteuert. Zeitgleich entstanden in Pakistan einige andere Gruppen der Taliban, die heute lose in dem Netzwerk "Tehrik-e-Taliban Pakistan" organisiert sind.

Weinbaum betont, dass sich die Taliban in Pakistan und Afghanistan erheblich voneinander unterscheiden, obwohl sie ähnliche religiöse Grundsätze teilen. Vor allem mit Blick auf ihre politischen Ziele. Die afghanischen Taliban wollen die Regierung in Kabul stürzen. Die pakistanischen Taliban wollen in ihrem Land einen Gottesstaat mit der Scharia einführen. "Während die pakistanischen Taliban die afghanischen unterstützen, sehen die afghanischen Taliban von Attacken auf Pakistan ab."

Die Taliban verfügen nicht über eine Kommandostruktur wie reguläre nationale Armeen. "Die Indizien weisen eher auf Aufständische ohne eine strenge Organisation hin. Die meisten Operationen werden von unabhängigen lokalen Kommandeuren geplant und durchgeführt", sagte Weinbaum der Deutschen Welle. Allein die Taliban des Haqqani-Netzwerks mit Hauptsitz in Nord-Wasiristan ähneln von ihrer Organisationsstruktur einer regulären Armee. Die Gruppe, die von Sirajuddin Haqqani geführt wird, ist für eine Vielzahl der größeren Angriffe in Kabul und anderswo verantwortlich.

Anpassung der Taktik

Afghanische Dorfbewohner fotografiert von amerikanischen Marines bei einer Patrouille (Foto: DAVID FURST/AFP/Getty Images)

Die Taliban sind auf die Dorfbewohner angewiesen

Die Taliban haben ihre Gefechtstaktiken immer wieder angepasst. "Ihre Ziele sind militärische und polizeiliche Einrichtungen und wenig befestigte Stellungen ", erklärt Weinbaum. Die Angriffe seien darauf ausgerichtet, die lokalen Verwaltungen zu destabilisieren und die Dorfbewohner in den Regionen einzuschüchtern. Dabei führen die Extremisten nur noch selten konventionelle Angriffe gegen stark verteidigte Positionen. Sie verlassen sich immer häufiger auf Heckenschützen, Selbstmordattentäter und Bomben am Straßenrand.

Der Schlüssel zur Kampfkraft der Taliban liegt in ihrer Fähigkeit, den Gegner zu studieren. Tophoven bekräftigt, dass dies sowohl für die gegenwärtigen als auch für alle früheren Konflikte gilt. "Die Taliban haben Zugang zu Militärhandbüchern aus der Sowjetzeit und von US-Militärs aus der Gegenwart, die ihnen helfen, ihre Gegner zu verstehen." Des Weiteren verfügen sie über ein weit verzweigtes Netzwerk lokaler Informanten, wodurch sie die Bewegungen des Feindes genau kennen.

Erfahrene Kämpfer

NATO-Soldaten ziehen nach Übergabe der Sicherheitsverantwortung ab (Foto: SHAH MARAI/AFP/Getty Images)

NATO-Soldaten ziehen nach Übergabe der Sicherheitsverantwortung ab

Während das Wissen über gegnerische Kampftruppen zum Teil aus Handbüchern stammt, können sich die Taliban zugleich auf ihre jahrelangen Kriegserfahrungen verlassen. "In vielen Teilen Afghanistans sind die Menschen von Geburt an von Gewalt umgeben. Viele Männer, die heute bei den Taliban kämpfen, haben das Kriegshandwerk und den Einsatz von Waffen als sehr junge Menschen gelernt", so der Südasien-Experte Michel Kugelman vom Woodrow Wilson Zentrum in Washington. Zusätzlich werden die Taliban von ausländischen Kämpfern etwa aus Usbekistan oder Tschetschenien unterstützt, wenn auch der Großteil ihrer Truppen in den Madrassas genannten Religionsschulen und Flüchtlingslagern entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze rekrutiert werden. Nicht selten locken sie die Kämpfer mit Geld.

Finanzielle und logistische Unterstützung erhalten die Taliban vor allem aus Pakistan, so der Terrorismusforscher Tophoven. "Wie schon vor dem Angriff auf das World Trade Center in New York erhalten die Taliban Training, Geld, Munition und Nachschub vom pakistanischen Geheimdienst ISI." Die Regierung bestreitet das bis heute.

Taliban haben alle Zeit der Welt

Die Angriffe der Taliban beschränken sich dabei nicht allein auf ausländische Soldaten. Sie greifen jeden an, der ihre Weltsicht nicht teilt. Regierungsgebäude würden ebenso angegriffen wie Moscheen, Krankenhäuser und Schulen, wie Kugelman betont. Ein prominentes Beispiel ist Malala Yousafzai. Die Schülerin wurde von den Taliban angeschossen, da sie sich für die Schulbildung von Mädchen eingesetzt hat.

Trotz der Brutalität vieler Attacken bemühen sich die Taliban zugleich, die Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen. Das ist nach Weinbaum von zentraler Bedeutung. Dazu etablieren sie parallele Regierungsstrukturen in den instabilen Provinzen Afghanistans. Weinbaum glaubt, dass die lokale Unterstützung, die zwar auch auf Einschüchterung und physischer Gewalt beruht, vor allem die Schwäche der Regierung in Kabul ausnutzt.

Die Rechnung der afghanischen Taliban, die Kontrolle in der Zukunft wiederzugewinnen, könnte letztlich aufgehen. "Die Taliban haben alle Zeit der Welt. Sie sind in der Lage, größere militärische Operationen durchzuführen, sobald die ausländischen Truppen das Land verlassen haben", sagt Weinbaum. Die Taliban setzen außerdem darauf, dass die Regierung Karsais weiterhin an Zuspruch verlieren und die Sicherheitskräfte entlang der ethnischen und religiösen Trennlinien auseinanderbrechen werden.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema