Die Schlacht zwischen Boris und Dave | Europa | DW | 22.02.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Die Schlacht zwischen Boris und Dave

David Cameron hat zwar die Schlacht mit seinen europäischen Partnern um Zugeständnisse für Großbritannien gewonnen. Aber er könnte zu Hause den Krieg um den Brexit verlieren – der Grund heißt Boris Johnson.

In Brüssel kehrt man an diesem Montag zu "Business as usual" zurück. Die EU hat "keinen Plan B" für den Fall eines Brexit, erklärte Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici. Er sehe keine andere Zukunft als eine europäische Union mit Großbritannien. Und abgesehen davon ist klar, dass sich Brüssel in den nun folgenden "Wahlkampf" nicht einmischen wird. "Es ist Sache der britischen Regierung und des britischen Volkes, die nächsten Schritte zu tun", betonte Kommissionssprecher Margaritis Schinas am Montag danach. Angela Merkel hatte gleich nach dem Ende der Verhandlungen deutlich gemacht: Mit diesem Deal, den die EU-Regierungschefs ihm gegeben hätten, könne Cameron nun für den Verbleib in der EU werben. Will sagen: Ich, Angela, habe mein Mögliches getan, den Rest musst du selbst erledigen, Dave!

Und Cameron begann am Sonntagmorgen im wichtigsten Politik-Magazin der BBC bei Andrew Marr auf dem Sofa auch gleich damit, seine neu entwickelte Zuneigung zu Europa vorzuführen. Um 15 Prozent soll nach einer Umfrage die Zustimmung der Briten am Wochenende nach dem EU-Deal gestiegen sein. Vorübergehend lief es relativ gut für den Premier, auch wenn da schon klar war, dass eine Handvoll Kabinettsmitglieder ihm bei seiner "Stay-In" -Kampagne nicht folgen und die Entscheidung seine konservative Partei zerreissen würde. Das war der Stand, bevor die "blonde Bombe" hochging.

London Bürgermeister Boris Johnson

Zerzauste Haare, zerknautschter Anzug und Fahrradjacke gehören zum Image von Boris Johnson

Boris Johnson, Meister im Spiel mit gezinkten Karten

Er schneidet seine strohblonden Strubbelhaare selbst mit der Nagelschere vor dem Rasierspiegel. Kann auch sein, dass Boris Johnson einen Friseur hat, der seine Vom-Winde-verweht Frisur kunstvoll so herstellt. Jedenfalls kultiviert der Noch-Bürgermeister von London ein Image, das hochartifiziell ist und erstaunlicherweise als natürlich durchgeht. Boris, wie er von der Presse wie den Bürgern kumpelhaft genannt wird, flicht in seine Reden zwar gern lateinische Zitate ein, trotzdem würde jeder Londoner Taxifahrer mit ihm im Pub ein Bier trinken gehen. Seine Anzüge sitzen schlecht und sind immer zerknautscht. Sein Liebesleben gilt vor allem außerehelich als ausschweifend. Der Mann ist offensichtlich nicht schlank und fit, tritt aber gern in einer Fahrradjacke und mit Helm auf. Als Boris Johnson einmal dabei erwischt wurde, wie er zwar demonstrativ mit dem Rad in sein Büro im Rathaus fuhr, dabei sein Dienstwagen mit dem Aktenkoffer aber 20 Meter hinter ihm folgte, lachte die Nation. Jeden Anderen hätte so eine Täuschung politisch getötet.

Boris Johnson hat sein Image so entworfen, dass sich die Briten mit ihm identifizieren, ihn sympathisch finden und er hält gleichzeitig eine undefinierbare Distanz. Er tut wie ein Mann aus dem Volke und zeigt gleichzeitig, dass er es nicht ist. Er holpert und stolpert durch die Gegend, verstottert seine Antworten und sieht immer aus, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Dahinter aber lauert ein brennender Ehrgeiz. Ausgerechnet seine Schwester Rachel schrieb in einem Buch über die Kindheit des Johnson-Clans darüber, dass Boris sein Auge nur auf einen, den ersten Preis gerichtet habe. Kurzum: Boris Johnson will den Job des Premierministers.

Großbritannien Cameron und Johnson in London

David Cameron und Boris Johnson waren Konkurrenten seit ihrer Jugend

Beste Feinde

David Cameron und Boris Johnson stammen aus ähnlichen Elternhäusern der britischen Oberschicht, haben eine ähnliche Bildung und kennen sich seit ihrer Jugend. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein. Während bei Cameron das Image des "posh-boy", des reichen Schnösels dicht unter der urbanen, glatt polierten Oberfläche liegt, hat Boris dieses Bild völlig umdefiniert. Deshalb war er auch ziemlich entsetzt, als vor ein paar Jahren diese Jugendfotos an die Öffentlichkeit kamen: Cameron, Johnson und der heutige Finanzminister Osborne als junge Hunde an der Universität Oxford. Alle im Smoking paradieren sie da als Mitglieder des berühmt-berüchtigten Bullingdon Clubs, einer Vereinigung von Oberklasse-Söhnchen, die ihre Arroganz zum Erkennungszeichen machen und trinkend und randalierend ihre von den Vätern finanzierten Studienjahre verbringen.

Die beiden Männer kennen sich seit ihrer Jugend im Eliteinternat Eton. Boris war dort ein Star und Schülersprecher, während Cameron später an der Uni deutlich besser abschnitt als Johnson. Dave wurde Führer der konservativen Partei und Boris leistete sich eine Reihe von Skandalen, die seine Tauglichkeit für höhere politische Ämter ernsthaft in Frage stellten. Aber seine Mischung aus frechem Mundwerk und Bildungsbürgertum kam bei den Briten an, und schließlich musste Parteichef Cameron ihn bitten, zu den Wahlen um das Londoner Bürgermeisteramt anzutreten. Im traditionell linken London war der respektlose Boris der Einzige, der der Labour-Party das Amt abnehmen konnte. Er amüsiert die Leute, könnte professionell als Standup-Comedian auftreten, und das macht ihn jetzt zur gefährlichsten Waffe in der Out-Kampagne.

Großbritannien Cameron und Johnson beim Parteitag in Blackpool

Nach der Entscheidung für die Brexit -Kampagne ist das Tischtuch zwischen Boris und Dave zerschnitten

Kampf mit offenem Visier

Das ganze Wochenende über hatte Boris sein zerrissenes Herz, seine Unentschiedenheit und seine politische Agonie vorgeführt. Erst am späten Sonntagnachmittag legte er sich nach langem theatralischen Herum-Eiern fest. "Es gibt nur einen Weg, den Wandel zu bekommen, den wir brauchen - und das ist, den Austritt zu wählen", schreibt er heute in der Zeitung "Telegraph". Er behauptet, die Briten könnten nach einem Nein zur EU eine neue Verhandlungsrunde in Brüssel und noch mehr Zugeständnisse bekommen. So etwas hatten einige EU-Länder allerdings schon während des Gipfels deutlich abgelehnt.

David Cameron soll Boris Johnson über seine Entscheidung kurz zuvor per Textmessage informiert haben. Jetzt kämpfen beide mit offenem Visier: Der Premier weiß, dass Boris um den konservativen Parteivorsitz pokert und letztlich seinen Stuhl. Seine Popularität, seine Fähigkeit, den Leuten nach dem Mund zu reden und seine Gabe, Vorurteile mit hochfliegender Rhetorik zu adeln, machen Boris zum gefährlichsten Gegner für David Camerons Pro-EU-Kampagne. Möglicherweise kann er ihr am Ende den Todesstoß versetzen. Schon der Slogan "Boris for Brexit" ist in seiner alliterativen Schlichtheit kaum zu toppen. Wenn die Europäische Union und Großbritannien Pech haben, genügt ein Wortwitz, um dem Pendel den Stoß in Richtung Ausstieg zu geben.

Die Redaktion empfiehlt