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Afrika

Die Scharia als politisches Instrument

Somalia hat beschlossen, die Scharia einzuführen. Das Parlament muss dem Entschluss noch zustimmen. Welche Konsequenzen die Einführung des islamischen Rechts in Afrika hat, kann man im Sudan und in Nigeria beobachten.

Eine verschleierte Frau trägt ein junges Schaf unter dem Arm durch die Straßen.

Die Kleiderordnung für Frauen wird durch die Scharia bestimmt

Nicht erst seit dem Fall von Amina Lawal sorgt die Scharia für Diskussionen zwischen Rechtsgelehrten, Muslimen und Menschenrechtlern. Amina Lawal war 2002 in Nigeria zum Tode durch Steinigung verurteilt worden. Sie soll Ehebruch begangen haben und nach der Scharia steht darauf die Todesstrafe. Ein Jahr später hob ein Berufungsgericht das Urteil jedoch auf, weil es das Verfahren für ungerecht hielt.

In Nigeria ist seit der Einführung der Scharia im Jahr 2000 kein Todesurteil vollstreckt worden. Für Emmanuel Ogbunwezeh von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ein klarer Verdienst seiner Organisation: "Es geschicht deshalb nicht, weil alle Augen auf sie gerichtet sind", sagt der Nigerianer. "Wir setzen sie unter Druck, damit es keine Steinigungen gibt. Es ist unmenschlich und es sollte nicht in einem Land vorkommen, das sich entwickeln will und zu der Gemeinschaft der Nationen des 21. Jahrhunderts gehören möchte."

Mehr als Religion

Porträt von Amina Lawal mit Kopftuch

Angst und Trauer: Amina Lawal am Tag ihrer Verurteilung

Die Scharia fasst die ethischen und moralischen Pflichten eines Muslims zusammen. Der problematische Teil dieser Vorschriften ist das schariatische Strafrecht, das harte Bestrafungen für Mord, außerehelichen Geschlechtsverkehr, Diebstahl und Alkoholkonsum vorsieht. Islamische Länder wie Ägypten, Algerien und Marokko haben diesen Teil der Scharia wegen der Brutalität nicht in ihr Rechtssystem integriert. Zu den Züchtigungen gehören Amputationen, Auspeitschen und auf dem Papier auch die Steinigung. Dass diese in Nigeria nicht ausgeführt wird, sieht Roman Loimeier vom Zentrum Moderner Orient in Berlin als Beweis dafür, dass mehr hinter der Scharia steckt als Religion. "Das weist darauf hin, dass es bei der Diskussion um die Scharia nicht um eine rechtliche, philosophische oder theologische Debatte geht, sondern um eine politische."

Die Scharia wird in Afrika als Machtinstrument benutzt, sagt Loimeier. In Nordnigeria habe man mit dem Bekenntnis zum Islam versucht, einen christlichen Präsidenten aus dem Süden aus der Regierung zu verdrängen – ohne Erfolg. Auch Abdullahi Ahmed An-Na'im, Sudanese und Rechtsprofessor an der Emory-Universität in Atlanta, sieht einen Machtmissbrauch in der schariatischen Rechtsprechung. Sie werde benutzt, um die Bevölkerung zu kontrollieren und zu manipulieren. "An den Rand gedrängte, arme Teile der Bevölkerung, vor allem ungebildete, verletzliche Frauen werden darin gefangen", so An-Na'im, "um eine Demonstration abzuliefern, um politische Propaganda zu betreiben."

Religiöses Doppelleben

Ein Kämpfer bezieht mit einem Maschinengewehr Position

Stabilität durch Scharia? In Somalia sollen härtere Gesetze für Ruhe sorgen

Rechtsexperte An-Na'im hält die Art, wie die Scharia benutzt wird für "unislamisch". "Ich glaube nicht, dass die Scharia irgendwo ehrlich und konsequent eingesetzt wird. Denn wenn das der Fall wäre, müsste sie für die mächtigen Herrscher genauso wie für die ärmere Bevölkerung gelten. Die herrschende Elite benutzt sie, um ihre Korruption zu vertuschen." Für die Menschen in Nordnigeria, da sind sich Loimeier und An-Na'im einig, hat sich in den letzten Jahren nicht viel verbessert. Armut und Korruption seien noch immer die größten Probleme. Die muslimische Bevölkerung hat sich mit der Situation abgefunden, sagt Loimeier. Es sei oft zu beobachten, dass einige Muslime, wenn sie abends ein Bierchen trinken oder außerehelichen Geschlechtsverkehr haben wollen, in die christlichen Stadtbezirke gehen und so tun, als wären sie Christen. "Viele haben auch einen zweiten Personalausweis, der sie als Christen ausgibt. Dann wird entsprechend gesündigt und danach geht man wieder zurück in das eigene muslimische Viertel und macht auf Muslim", sagt Loimeier.

In Somalia, wo sich die Regierung vor kurzem entschlossen hat, die Scharia einzuführen, verspricht man sich stabilere Verhältnisse im Land. Zunächst könnte das auch funktionieren, meinen die Rechtsexperten Loimeier und An-Na'im, weil die Angst vor den Strafen Verbrechen verhindern könnte. Roman Loimeier glaubt jedoch nicht daran, dass dieser Zustand von langer Dauer sein wird. "Vermutlich werden die Menschen in Somalia, ähnlich wie in Nordnigeria, sehen, dass auch diese Strafen Kriminalität nicht beenden werden und dann wird es auch dort zu einer Ernüchterung kommen."

Autorin: Nina Plonka Redaktion: Katrin Ogunsade

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