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Kultur

Die Schönen und der Makel

Der Anblick langbeiniger Schönheiten in knappen Bikinis sorgt meist für eine Art von Wirbel und Aufregung, die nichts mit Politik oder gar Menschenrechten zu tun haben. Bei den Wahlen zur Miss World 2002 ist das anders.

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Die Miss Germany, Simone Wolf-Reinfurt, im moralischen Dilemma

Die weltweite Endausscheidung der Misswahlen, die am 30. November in Nigeria stattfinden soll, entwickelt sich zu einem Politikum. Bisher sind die Schönheitsköniginnen hauptsächlich wegen ihres makellosen Körpers und ihres endlosen Lächelns aufgefallen. Jetzt fühlen sie sich plötzlich dazu berufen, Botschafterinnen in Sachen Menschenrechte zu werden.

Grund ist das Schicksal der 31-jährigen Nigerianerin Amina Lawal. Ihr droht wegen eines vermeintlichen Ehebruchs der Tod durch Steinigung. Am 19. August 2002 bestätigte ein islamisches Gericht in Nigeria, dass Lawal im kommenden Januar hingerichtet werden soll. Die Richter werfen ihr vor, dass sie nach ihrer Scheidung schwanger geworden sei und damit nach islamischem Recht Ehebruch begangen habe.

Die "Schönen" empören sich

Zur Steinigung verurteilt

Amina Lawal wird nach der Urteilsverkündigung von ihrer Anwältin aus dem Gericht geführt

Nach der Verkündung des Urteils wurden einige der über 100 Teilnehmerinnen an der Miss World Wahl nachdenklich. Miss Schweden alias Sofia Hedmark kündigte zum Beispiel an, zwar nach Nigeria fahre, aber nur, um gegen das Urteil zu protestieren. Die Schönheiten aus Togo, Kenia und Frankreich riefen unterdessen zum völligen Boykott der Veranstaltung auf.

In anderen Ländern gibt man – oder vielmehr frau - sich zögerlich und will erst einmal abwarten, ob das Urteil gegen Amina Lawal aufgehoben wird. So auch in Deutschland. "Wir wollen hinfahren, aber warten erst mal ab, was weiter passiert", teilt Ralf Klemmer, Geschäftsführer der Miss Germany Corporation (MGC) im Gespräch mit DW-WORLD mit. Die amtierende 'Miss Germany', die 20-jährige Simone Wolf-Reinfurt steht bei MGC unter Vertrag. "Die Wahl in Nigeria wird stattfinden", bestätigen derweil die Veranstalter der Miss Wahl, die Londoner Miss World Limited, auf Anfrage von DW-WORLD schriftlich.

Ruhm oder Moral?

Die deutsche "Schönheitskönigin" Wolf-Reinfurt sieht sich nun vor einer schweren Gewissensentscheidung: "Nach Nigeria fahren, oder nicht?" Diese Frage kann die 20jährige nur selbst beantworten. Die Verlockung, Ruhm und Erfolg nicht voreilig auf’s Spiel zu setzen, ist groß: Erst im September stieg sie von der undankbaren Position der "Zweitschönsten im Land" an die Spitze auf. Vorher hatte die eigentliche 'Miss Germany', Katrin Wrobel, die Lust an diesem Titel verloren.

Allerdings habe sie angesichts des grausamen Urteils schon ein "ungutes Gefühl", gesteht Wolf-Reinfurt im Gespräch mit DW-WORLD ein. Dass in Nigeria Menschen durch Steinigung hingerichtet werden, findet sie "sehr heftig". Eigentlich, findet sie, dürften die Verantwortlichen in London die Wahl erst gar nicht in Nigeria stattfinden lassen. Dadurch erhalte das Land zu viel Aufmerksamkeit.

Schönheitswahl als Protestveranstaltung

Miss Germany 2002 mit Sperrfrist

Die alte und die neue Miss Germany 2002: Katrin Wrobel und Simone Wolf-Reinfurt sowie die drittpalzierte Indira Selmic

Trotzdem steht für die "Miss Germany" fest: "Ich will aber hinfahren. Nur wenn auch die anderen Missen an einem Strang ziehen und wenn alle Nigeria boykottieren, dann fahre ich nicht." Die Aussicht auf den Titel siegt über die Moral. Aber wenn schon mal da sei, solle man natürlich auch gegen Scharia und Steinigung protestieren, um dem Problem öffentliche Aufmerksamkeit zu schenken, meint die schönste Frau Deutschlands.

"Das sind junge Frauen, die mit Politik nix am Hut haben", versucht Ulrich Delius das Verhalten der "Missen" zu erklären. Der Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) appelliert im Gespräch mit DW-WORLD zugleich an alle Verantwortlichen, die Veranstaltung nicht zu boykottieren: "Mit 1,4 Milliarden Zuschauern weltweit, ist es das Medienereignis des Jahres." Der Menschenrechtler hofft, dass die jungen Damen die Bühne als Protest-Forum gegen Hinrichtung und Steinigung nutzen. Amnesty-Sprecher Dawid Bartelt gibt sich auf Nachfrage von DW-WORLD zurückhaltend: "Ob eine Miss Wahl geeignet ist, politischen Druck auszuüben, will Amnesty International nicht beurteilen", meint Bartelt. Die innenpolitische Lage in Nigeria sei auch ohne Miss Wahl explosiv genug.

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