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Bücher

Die Sagas der Isländer

Die Sagas gehören zu Island wie die Landschaft, in der sie spielen. Sie sind das Herzstück der Gastland-Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse. Eine umfangreiche Übersetzung macht sie deutschen Lesern neu zugänglich.

Isländersagas Buchcassette (S. Fischer Verlag)

Der südafrikanische Literatur-Nobelpreisräger J.M. Coetzee tut es, der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar tut es und auch der Amerikaner Jonathan Franzen – sie alle tun es: Sie lesen und lieben die Isländer-Sagas. Der Kenianer Ngugi wa Thiong'o, Nobelpreisfavorit von 2010, vergleicht die Sagas mit der oralen Tradition Afrikas, der Brite J.R.R. Tolkien hat Sagas in seinem Herr-der-Ringe-Zyklus verarbeitet und der Argentinier Jorge Louis Borges ließ sich vor lauter Bewunderung ein Saga-Zitat in den Grabstein meißeln. Sagas sind Islands Beitrag zur Weltliteratur!

Früher, als Island aus einem Bauernvolk bestand, das verstreut über die ganze Insel unter ziemlich ärmlichen Bedingungen in Torfhütten lebte, gehörten die Sagas zum festen Freizeitprogramm, weiß Arthúr Björgvin Bollason. Der Buchautor und Übersetzer, der heute in Frankfurt lebt, war lange Zeit Leiter des Saga-Zentrums im Süden Islands. "Die Sagas haben dazu beigetragen, dass die Menschen mehr Freude am Leben hatten. Sie wurden tradiert von einer Generation zur anderen und spielten im Alltag eine Rolle, weil das Erzählen als eine Art Glück, eine Art Unterhaltung immer sehr groß geschrieben wurde. Es gab nicht so viel Unterhaltung damals."

Klassiker für alle Klassen

Der Literatur-Nobelpreistraeger Halldor Laxness, aufgenommen im Savoy Restaurant in Helsinki, Finnland, am 23. Sept. 1960. (AP Photo/Lasse Holmstrom)

Halldor Laxness mochte Sagas

Heute noch identifizieren sich viele Isländer mit den Helden der Geschichten. Es könnte sich ja sogar um entfernte Verwandte handeln. Bei derzeit rund 320.000 Einwohnern, etwa die Hälfte einer Großstadt wie Frankfurt, durchaus vorstellbar. Wenn Isländer in fröhlicher Runde zusammen kommen, meint Bollason, sind die Sagas oft ein Gesprächsthema. Und er erinnert sich noch, wie der isländische Präsident einmal in einem Interview gesagt hat: "Sie haben uns zu einem Volk gemacht".

Es gebe keinen Klassenunterschied in den Sagas, so formulierte es der Nationaldichter und 1998 gestorbene Nobelpreisträger Halldor Laxness, der vor allem deren einfache und dabei so schöne Sprache schätzte: "Der gelehrteste Mann im Lande kann eben dieselbe Freude daran haben wie der einfache Bauer oder Fischer."

Bauern haben sich verprügelt

Sagas sind also Klassiker für alle Schichten, für Jung und Alt. Aufgeschrieben wurden sie erst im 13. und 14. Jahrhundert. Aber sie erzählen von den Anfängen Islands vor über 1000 Jahren. Davon, wie die Vorfahren, die größtenteils aus Norwegen kamen, das Land besiedelten. Und da ging es nicht immer friedlich zu. "Bauern haben sich verprügelt", so soll es im 18. Jahrhundert der Schreiber des Handschriften-Sammlers Árni Magnússon einmal auf die kürzeste Formel gebracht haben. Klaus Böldl, Professor für skandinavische Kultur- und Literaturgeschichte an der Universität Kiel, erläutert etwas ausführlicher: "Die Grundkonflikte bestehen eigentlich immer in Fehden zwischen mehr oder weniger benachbarten Familien, die sich aus Eigentumsgründen oder wegen irgendwelcher Ehrverletzungen in die Haare kriegen. Und am Ende verträgt man sich wieder."

Herausgeber: Klaus Böldl + Andreas Vollmer + Julia Zernack. (Copyright: Verlag S. Fischer)

Aus der Neuübersetzung der Isländersagas im S. Fischer Verlag

Vorher allerdings ist meist reichlich Blut geflossen. Sagahelden sind Raufbolde, Halunken manchmal. Aber es gibt durchaus auch vielschichtigere Charaktere, die nachdenken, bevor sie zuschlagen oder sich gar im Dunkeln fürchten. In einer der bekanntesten, der Saga von Njál, geht es beispielsweise darum, wie Vernunft und Recht den Kreislauf der Blut-Rache unterbrechen können. Damit, so Klaus Böldl, wollten die Autoren des 13. Jahrhunderts "zeigen, wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die ja anders als die Gesellschaften im übrigen Mitteleuropa, keinen Adel und keine Könige kannte." Sondern eben nur eine Reihe von tonangebenden Großbauernfamilien.

Weltliteratur neu übersetzt

Porträt des Skandinavisten und Herausgebers Klaus Böldl (Copyright: S. Fischer Verlag)

Herausgeber Klaus Böldl

Klaus Böldl ist einer von drei Skandinavisten, die soeben ein gigantisches Projekt abgeschlossen haben. Zusammen mit einem Team von 15 Übersetzern haben sie die Isländer-Sagas in neuer deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag herausgegeben. Im Begleitband erläutern Böldl und seine Mitstreiter den historischen Hintergrund, die Bedeutung der Sagas im europäischen Kontext und als Weltliteratur. Finanziell unterstützt von der Kunststiftung des Landes Nordrhein-Westfalen, ist dabei eine gut verständliche Übersetzung für ein allgemeines Publikum herausgekommen, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat. Zweifellos ein editorischer Höhepunkt beim Gastlandauftritt Islands auf der Buchmesse.

Und dabei hätte – historisch gesehen - alles auch ganz anders kommen können. Denn als Árni Magnússon im 18. Jahrhundert durch das ganze Land reiste, um die Original-Manuskripte zu sammeln und zu bergen, da fand er sie in den Bauernhäusern schon mal als Isoliermaterial, als Kopfkissenfüllung, Schnittmuster oder Schuhsohlenersatz. "Im Prinzip war es zwar so," meint Klaus Böldl, "dass die Isländer die Handschriften aufbewahrt haben. Andererseits waren sie in der frühen Neuzeit so bettelarm, dass ihnen teilweise wohl nichts anderes übrig blieb, als diese Pergamente auch zweckzuentfremden."

Autorin: Gabriela Schaaf
Redaktion: Aya Bach

Die Isländersagas. 4 Bände und ein Begleitband. Hrsg. von Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack. S. Fischer Verlag September 2011. 2676 S. 98 €

Eine Empfehlung zum Hören:

Die Saga-Aufnahmen. Die Saga von Njáll; Die Saga der Leute aus dem Lachsflusstal. Konzeption u. Regie: Klaus Sander u. Thomas Böhm. Erzähler: Arthur B. Bollason, Sigrún Valbergsdóttir, Klaus von See u. a.; Supposé Verlag 2011. 4 Audio-CDs 276 Min. 39,80 €

Außerdem empfehlenswert:

Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländersagas. Nacherzählt von Tilman Spreckelsen. Illustriert von Kat Menschik. Kiepenheuer & Witsch; Galiani Berlin. September 2011. 24,99 €

Audio und Video zum Thema