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Global Ideas

Die Saat einer Bio-Revolution

Der massive Einsatz von Pestiziden ist auf den meisten Bauernhöfen Kolumbiens die Norm, aber verschiedene Initiativen für nachhaltigere Landwirtschaft entfachen eine Bio-Revolution.

Menschen stehen um ein Beet

Eine Biofarm in Kolumbien

In den 1990er Jahren war Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ein gefährlicher Ort. Kidnapping und Guerilla-Terror waren an der Tagesordnung, und so suchte Marketing-Manager Alexander von Loebell etwas Ruhe und Frieden auf dem Land.

Auf Gabeno, einem kleinem Biobauernhof eine Stunde westlich von Bogotá, fand von Loebell, 51, was er suchte. Dort machte er sich in Haufen von Kuhdung-Kompost die Hände schmutzig und baute mithilfe von natürlichem Dünger Nutzpflanzen an. Er fand eine neue Verbundenheit mit der Erde und mit seiner eigenen Gesundheit.

Auf der Suche nach seiner nächsten sinnvollen Herausforderung gründete der in Kolumbien geborene Deutsche 2002

BioPlaza

, Kolumbiens erste und einzige Kette von Biosupermärkten und -restaurants. Bei BioPlaza gibt es Produkte wie Kaffee aus traditionellem Schattenanbau oder Hibiskustee und Honig von MUVEA, einer Bauernorganisation für Frauen, die im vergangenen Jahr gegründet wurde.

Alexander von Loebell

BioPlaza-Gründer Alexander von Loebell

"Niemand in Kolumbien schrie 'Wir wollen Biolebensmittel!' Aber ich habe mitgeholfen ein Bewusstsein dafür zu schaffen und so wurden die Leute darauf aufmerksam", sagte von Loebell, der im Juli sein fünftes Geschäft eröffnet hat, gegenüber DW.

Bis 2020 will er 25 bis 30 Läden mit integrierten Restaurants im ganzen Land eröffnen und auch in ärmere Wohngegenden expandieren. Die Ladenkette kann die Preise für frische Produkte niedrig halten, indem sie nur mit Bauernhöfen in einem Umkreis von 30 Kilometern arbeitet, und von Loebell glaubt, dass die Preise weiter fallen werden, wenn die Nachfrage nach Biogemüse steigt.

BioPlaza ist nur eines von einer wachsenden Zahl von Unternehmen und Bildungsinitiativen, die Alternativen zu den pestizidlastigen Lebensmitteln bieten, die in Kolumbien immer noch die Norm sind. Sie schärfen auch das Bewusstsein für die Auswirkungen auf die Gesundheit und Umwelt, die die Wahl unserer Lebensmittel hat.

Eine nicht-so-grüne Revolution

Einer neuen Studie des Institute of Organic Agriculture (FiBL) zufolge, hat Kolumbien mit einem Anteil von nur einem Prozent pestizidfreier Landwirtschaft den kleinsten Biolandwirtschaftssektor in ganz Südamerika.
Gleichzeitig ist das Land einer der intensivsten Nutzer von Agrochemikalien in Südamerika. Während im angrenzenden Ecuador und Venezuela durchschnittlich 86 Kilogramm Pestizide pro Morgen Land (ein Viertel Hektar) verwendet werden, sind es in Kolumbien durchschnittlich 234 Kilogramm.

Der intensive Einsatz von Chemikalien in Kolumbien begann in den 1950er Jahren und wurde unpassenderweise als Revolución Verde, oder Grüne Revolution bezeichnet. Das Ziel der "Revolution" war es, Erträge in der Landwirtschaft zu steigern und die wachsende Bevölkerung des Landes zu ernähren. Aber der neue Ansatz führte dazu, dass große Teile des Ackerlands unfruchtbar wurden, und Kolumbien war gezwungen, Produkte wie Kaffee, Getreide und Reis zu importieren, sagt von Loebell.

Trotzdem sehen viele Bauern Agrochemikalien immer noch als eine Art Wunderwaffe, sagt Carlos Andres Escobar Fernandez, Geschäftsführer von EcoNexos, einer kolumbianischen Beratungsfirma, die an der Entwicklung einer biologischen und nachhaltigen Landwirtschaft arbeitet.

"Viele Bauern halten Arbeitskräfte für teuer, und so versuchen sie mit weniger auszukommen, indem sie Agrochemikalien verwenden”, sagt Fernandez. "Sie denken, wenn sie mehr verwenden, ist das besser."

Der exzessive Einsatz solcher Chemikalien kann Mikroorganismen abtöten, die für die Ertragsfähigkeit der Böden entscheidend sind und den Pflanzen die Nährstoffe entziehen, die sie brauchen. Einige Pestizide werden auch mit dem Niedergang eines wichtigen Bestäubers in Verbindung gebracht:

der Biene"

.

Biobauernhöfe hingegen sorgen für mehr Artenvielfalt. Studien haben gezeigt, dass dort 30 Prozent mehr Arten leben, als auf konventionell bewirtschafteten Feldern. Aus diesem und anderen Gründen setzt sich EcoNexos für einen Wandel ein.

Woher kommt unser Essen?

2010 war Tomás León Sicard, ein Professor am Umweltinstitut (IDEA) der Nationalen Universität von Kolumbien, Mitbegründer eines Agroökologie-Doktorandenprogramms auf seinem Campus und an anderen Standorten im Land. Es handelt sich um einen praxisorientierten Studiengang, der nachhaltige und ökologische Landwirtschaft fördert und der erste seiner Art in Kolumbien ist. Mehr als 50 Studenten nehmen inzwischen an dem Programm teil, und es werden immer mehr.

"Diejenigen, die sich für ökologische Landwirtschaft interessieren, sind junge Leute", sagt Sicard. "Sie werden die nächsten Professoren sein, die nächsten Forscher."

Beet mit Pflanzen

Karotten und Salat gedeihen auf den Beeten dieser Biofarm zusammen

Es waren genau diese jungen Leute, Studenten der Agrar-Ingenieurswissenschaft an der Nationalen Universität von Kolumbien in Bogotá, die die Jardines Productivos, oder "Produktiven Gärten" gründeten. Sie pflanzten grüne Gärten mit Nutzpflanzen wie Brokkoli und Quinoa auf freien Flächen in der Metropole. Ein ähnliches Projekt, Permaculturas Colombia, unterstützt ökologisches Design in Gärten und in der Lebensmittelproduktion.

Die Gruppen bevorzugen einen praxisnahen Ansatz, um Stadtbewohnern die Lebensmittelproduktion wieder näher zu bringen, indem sie den Menschen beispielsweise zeigen, wie sie ihren eigenen Kompost herstellen können. Etliche andere landwirtschaftliche Projekte in Bogotá sind den Produktiven Gärten nachempfunden, sagt Julián Ernesto Ramírez Caballero, einer der Studenten, die die Gruppe mitbegründet haben.

"Die Dynamik des Dialogs und der Reflexion über die Agroökologie hat es vielen Menschen ermöglicht, ihren eigenen Konsum und ihren Lebenswandel mehr und mehr zu hinterfragen", sagt Caballero, der inzwischen als Pädagoge im Bereich Urbane Agroökologie und Gärtnern arbeitet, gegenüber DW.

Die Punkte verbinden

Biolandwirtschaft ist auch in den ländlichen Gegenden Kolumbiens ein wichtiger Pluspunkt, sagt Sicard, denn sie ist arbeitsintensiver. Weil man für Biolandwirtschaft 50 Prozent mehr Arbeitskraft braucht, als für konventionelle Landwirtschaft, schafft sie Arbeitsplätze.

Das war auch die Motivation von Initiativen wie MUVEA, die benachteiligte, alleinerziehende Mütter darin ausbildet, wie man Biolandwirtschaft betreibt und ihnen hilft, einen Markt für ihre Produkte zu finden. Typische Produkte sind Cashews, Ananas, Mangos und Honig.

"Wir verwenden keine Pestizide oder Chemikalien auf unseren Bauernhöfen", sagt Mitbegründerin Olga Lucía Lizarazu. "Der Beweis dafür ist, dass die Zahl der Bienen in der Region jeden Tag wächst."

Die Nonprofit-Organisation errichtet gerade ein landwirtschaftliches Verarbeitungszentrum im nahegelegenen Puerto Carreño, was 80 neue Arbeitsplätze und indirekt 300 weitere schaffen soll, sagt Lizarazu.

In der Biolandwirtschaft vereinen sich ökologische, soziale und politische Aspekte, sagt Sicard. Kolumbien hat zunehmend mit Wasserknappheit, Dürre und Klimawandel zu kämpfen, und so werden mehr Menschen die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert werden, überdenken müssen.

"Wir brauchen Werte, um unsere Welt zu verändern, und das System der Biolandwirtschaft bietet diese Werte", sagt Sicard. "Es steht für Kooperation, Symbiose und Solidarität."

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