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Amerika

Die Sündenböcke der Vereinigten Staaten

Muslime in den USA sind in die Gesellschaft integriert, ihre Religion wird aber mit Skepsis betrachtet. Daran sind die Medien nicht unschuldig, die vor allem über die extremistischen Auswüchse des Islam berichten.

Demonstranten und Polizisten in New York (Foto: ap)

Die Fürsprecher der Moslems sind in den USA in der Minderheit

Die Zahlen sprechen für sich. 66 Prozent der Amerikaner sind dagegen, dass zwei Blocks vom Ground Zero entfernt ein muslimisches Begegnungszentrum gebaut wird. Das hat eine Umfrage der Washington Post ergeben. Dabei spielt es keine Rolle, dass in der gleichen Straße Stripclubs und Bars zu finden sind, denn die haben nichts mit den Terroristen zu tun, die das World Trade Center in Schutt und Asche legten. Die Männer missbrauchten den Islam für ihre Taten.

Imam Feisal Abdul Rauf (am Mikrofon) spricht zu Gläubigen (Archivfoto: ap)

Imam Feisal Abdul Rauf (am Mikrofon) setzt sich für eine Mosche in der Nähe von Ground Zero ein

Seit dem Terroranschlag, der Amerika und die Welt erschüttert hat, seien viele Amerikaner besorgt, wenn sie an den Islam denken, sagt Jim Kolbe, Experte für Einwanderung beim German Marshall Fund: "Wenn es um Menschen geht, die sie kennen, dann haben sie kein Problem damit. Aber wenn sie Dinge hören, die sie fälschlicherweise mit dem Islam verbinden, dann haben manche einen schlechten Eindruck davon."

Kolbe meint, dass die Amerikaner nicht islamfeindlich sind. Doch immerhin 49 Prozent, so hat die Umfrage ergeben, hegen negative Ansichten über die Weltreligion. Das liege zu einem großen Teil an der Berichterstattung in den Medien, sagt Dr. John Esposito, der Direktor des Instituts für arabische und islamische Studien der Georgetown Universität. Über den Islam wird in den USA meist in einem Atemzug mit den Extremisten berichtet, mit Anschlägen und Attentaten, mit Menschen, die gegen Amerika protestieren. "Seit Jahren gibt es bei uns im Fernsehen Talkshow-Moderatoren - viele im konservativen Sender Fox-News, aber auch auf anderen Kanälen -, es gibt Kolumnisten in Zeitungen, Priester, christliche Hardliner und andere, die islamfeindliche Hetze betreiben", sagt der Wissenschaftler. Die amerikanische Öffentlichkeit sei dem täglich ausgesetzt.

Wahlkampfgetöse

Hinzu kommen Politiker, die mit anti-islamischen Äußerungen um Wählerstimmen buhlen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die Diskussion um das islamische Zentrum in New York jetzt, zwei Monate vor den Kongresswahlen, eskaliert.

Erleichtert wird die Stimmungsmache durch die Tatsache, dass nur wenige Amerikaner einen Moslem persönlich kennen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von über 300 Millionen Menschen ist ihre Zahl klein. Sie wird nur auf wenige Millionen geschätzt. Dabei sind sie in der amerikanischen Gesellschaft gut integriert, das würden viele Untersuchungen zeigen, sagt Esposito: "Amerikanische Muslime sind, anders als viele ihrer Glaubensbrüder in Europa, ökonomisch, vom Bildungsstand her und zunehmend auch politisch in die Gesellschaft integriert." Viele würden mehr verdienen als der Durchschnitt der Amerikaner.

Trotzdem werden in der Öffentlichkeit Äußerungen über Muslime akzeptiert, die zu einem Aufschrei der Empörung führen würden, machte man sie über Afro-Amerikaner oder Juden. Im letzten Präsidentschaftswahlkampf wagte niemand, Barack Obama offen anzugreifen, weil er Afro-Amerikaner ist. Stattdessen wurde sein Glauben angezweifelt, wurde ihm unterstellt, er sei Moslem, in dem vollen Bewusstsein, dass dies hierzulande einen negativen Beigeschmack hat. Und die Zahl der Amerikaner, die dieser Legende Glauben schenkt, wächst, inzwischen liegt sie bei fast 20 Prozent. Dabei hat sich Obama offen zu seinem christlichen Glauben bekannt.

An der Vergangenheit festhalten

Der Gründer des Zaytuna College beim Beten auf dem Gebetsteppich (Foto: ap)

Das Zaytuna College, eine neue Islamschule in Kalifornien, möchte mehr Verständnis für den Islam schaffen

Aber angesichts der schlechten Wirtschaftslage sucht man Sündenböcke und findet sie in den Muslimen. Eine hohe Arbeitslosigkeit bringe dieses Klima mit sich und dazu gehöre auch die derzeitige Abneigung gegen Ausländer und gegen illegale Einwanderer, sagt Muqtedar Khan, Politikprofessor an der Universität von Delaware. "Außerdem haben die Menschen das Gefühl, dass Amerika sich verändert," sagt der geborene Inder, der seit 20 Jahre in den USA lebt, und ergänzt: "Die Wahl eines schwarzen Präsidenten, der mit zweitem Vornamen Hussein heißt, hat dazu beigetragen." Viele Amerikaner würden fürchten, dass die Veränderungen unwiderruflich sind. Sie möchten, so Khan, dass das Land wieder von weißen Christen dominiert wird. "Sie haben Angst, dass sie in ihrem eigenen Land zur Randgruppe werden."

Unterstützung von vielen Seiten

Khan hält Amerika immer noch für ein großartiges Land und möchte nirgendwo anders leben. Aber er sorgt sich, dass etwas hängen bleibt von der jetzigen Debatte, dass das Image der Muslime dauerhaft noch mehr Schaden nimmt. Das könnte bedeuten, dass sie nicht nur am Flughafen verstärkt kontrolliert werden, sondern auch bei Bewerbungen um Jobs und im täglichen Leben mit Nachteilen rechnen müssen.

Der Politikwissenschaftler sieht aber auch den positiven Aspekt der emotionalen Debatte: Die Unterstützung durch führende Politiker wie Präsident Obama und Außenministerin Hillary Clinton: "Selbst [die Republikanerin] Sarah Palin und der TV-Moderator Glenn Beck, der sich bisher sehr islamfeindlich gegeben hat, haben die Pläne, den Koran zu verbrennen, verurteilt." Khan sagt, er hoffe, dass die rechtskonservativen Politiker und Aktivisten erkennen, dass sie zu weit gegangen sind und sich wieder zurücknehmen. Dennoch: ein negatives Image loszuwerden, ist schwer. Die wirtschaftliche Lage in den USA wird sich nicht von heute auf morgen ändern. Und der Kongresswahlkampf hat gerade erst begonnen.

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Martin Schrader

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