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Kultur

Die Sündenböcke der Nation

Lehreralltag in Deutschland ist geprägt von außerschulischen Problemen. Pädagogen sind heutzutage mehr als nur Lehrer: Sie sind häufig auch Sozialarbeiter und Zielscheibe von Aggressionen.

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Lehrerin vor einer Grundschulklasse

"So etwas wie in Erfurt kann bei uns jeden Tag passieren, wir hatten schon oft scharfe Waffen an der Schule." Otto
Fuhrmann, Hauptschullehrer in einer Kleinstadt, ist zwar
schockiert, aber nicht erstaunt über den Amoklauf eines Schülers in Erfurt. Während sich in Deutschland hartnäckig das Bild des faulen Lehrers mit Halbtagsjob hält, der immer wieder als Sündenbock für gesellschaftliche Fehlentwicklungen herhalten muss, sieht die Realität an deutschen Schulen anders aus: Lehrer werden immer mehr
zu Sozialarbeitern, die ausbügeln sollen, was im Elternhaus schief läuft.

Lehrer ersetzen das Elternhaus

Zum Alltag vieler Lehrer gehört es, auf Scheidungsproblematik, sexuelle Misshandlung, Drogenprobleme oder traumatisierte Kriegsflüchtlinge einzugehen. "Ich merke, dass immer weniger Kinder eine Bezugsperson haben, Lehrer müssen Ersatz für das Elternhaus sein und dessen Funktion übernehmen", sagt Hauptschullehrerin Heide D. Gleichzeitig müssen sie ständig damit rechnen, Zielscheibe der Aggressionen ihrer Schüler zu werden.

So zündete an ihrer Schule vor einigen Jahren ein 14-Jähriger in der Pause im Papierkorb eine selbst gebastelte Rohrbombe. Später erklärte er, diese habe eigentlich in dem Unterricht der Lehrerin detonieren sollen. Begründung: Sie sei zu streng. Ein anderer Schüler erklärte D., als sie ihn nach dem Grund einer viertägigen Abwesenheit fragte, er habe Schießübungen gemacht, "um dich zu erschießen".

Veränderungen im Sozialverhalten

Solche Extremreaktionen sind zwar Ausnahmen, aber Lehrer
beobachten insgesamt Veränderungen im Sozialverhalten ihrer Schüler. Deren Frustrationsgrenze sinke immer mehr, sagt Fuhrmann. Es sei offensichtlich, dass Kinder zu Hause keine Grenzen mehr gesetzt bekämen und jegliche "kindgerechte Grundausbildung" fehle: "Wie lerne ich, mich in unserer Gesellschaft zu verhalten, so dass andere nicht beeinträchtigt werden? Das bekommen die meisten zu Hause nicht mehr vermittelt», sagt Fuhrmann. Beschimpfungen von
Lehrern und Mitschülern und Gewalttätigkeiten stehen in vielen Schulen auf der Tagesordnung.

"Jetzt können diese Faulenzer nicht mal mehr unsere Kinder
erziehen", war nach der Pisa-Studie in einer Fernsehdiskussion zu hören. Viele Eltern sehen Erziehung als Aufgabe der Schule an, doch wenn die Schule nachholen soll, was zu Hause versäumt wird, bleibt für den eigentlichen Bildungsauftrag wenig Zeit. "Der Respekt vor anderen lässt zunehmend nach, viele Kinder sehen auf Grund ihrer Erziehung egoistisch nur sich selbst als Mittelpunkt", sagt die
Gymnasiallehrerin Dorothee K. "Ich erziehe lediglich mein Kind zu Selbstbewusstsein", antworteten darauf angesprochene Eltern.

Eltern drohen wegen Noten mit Anwalt

Immer mehr Probleme und Aufgaben würden auf die Schule abgewälzt, beklagt die Pädagogin. "Unterricht besteht aus dem ständigen Bemühen, aus einzelnen extrem gestörten Schülern noch etwas herauszuholen und dabei die anderen ebenfalls zu fördern." Das Gefälle zwischen guten und schlechten Schülern sei extrem, und alle müssten unter einen Hut gebracht werden. "Dabei muss ich immer weiter unten ansetzen, denn das Niveau sinkt immer mehr",
beobachtet Dorothee K.

Die Eltern hätten vollkommen überzogene Erwartungen, berichten die Lehrer: Es komme vor, dass Eltern mit einem Anwalt drohten, wenn ihr Kind eine schlechte Note bekomme.
"Die Erwartungshaltung ist enorm, gleichzeitig heißt es immer, wir könnten ruhig mehr leisten", sagt Dorothee K.

Berufen können sich solche Eltern allerdings auf einen prominenten Mitstreiter: Schließlich soll Gerhard Schröder während seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident Lehrer vor Schülerzeitungsredakteuren als "faule Säcke" bezeichnet haben. Und laut einer Umfrage haben Lehrer in jedem europäischen Land ein besseres Image als in Deutschland. (AP/fro)