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Politik

Die Sünde lauert!

Es geht um Amerikas Moral. Und die ist nach Ansicht der amerikanischen Moral-Wächter so bedroht wie selten zuvor. Jetzt wird gehandelt.

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Man kann die Sünde sehen: Als Unterwäsche, die über den Rand der Hosen von jungen Männern oder Frauen herausragt. Andere mögen das Hip-Hop Mode nennen, in Virginia war das die Verführung zum Sündenfall. Da musste das Landesparlament per Gesetz einschreiten. Jetzt kostet es den Sünder 50 Dollar, sollte er seinen Slip in der Öffentlichkeit aufblitzen lassen. Was für den einen einfach schlechter Geschmack in Sachen Mode ist, ist für Amerikas moralische Mehrheit schlicht die Vorstufe des Fegerfeuers, die es zu vermeiden gilt.

Seit Bushs Wiederwahl wollen die moralisch Entrüsteten endlich ihr Recht und dem Rest des Landes sagen, was man machen darf und was nicht. Die Liste der so genannten "No-No’s" wird immer länger, schließlich hat man einen wiedergeborenen Christen mit missionarischem Gewissen im Weißen Haus, der einen unterstützt.

Sündenfall im Kino

Ausgerechnet da kam ein Film über einen Mann in die amerikanischen Kinos, der den ganzen Sündenfall erst ausgelöst hatte. Bis in die 1950er Jahre glaubte die Mehrheit der Amerikaner fest an den Storch, erst die Forschungen von Alfred Kinsey erklärte dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dass es auch einen Unterleib hatte.

Sexualforscher Kinsey fand heraus, dass Frauen einen Orgasmus haben, dass Masturbation nicht blind macht und dass vorehelicher Sex tatsächlich existiert. Das waren die 1950er Jahre, damals wurde der seltsame Forscher vom Zorn der Gesellschaft verfolgt, FBI Direktor Hoover ließ eine Akte über ihn anlegen - und ging dann in Frauenkleidern auf Homosexuellen-Partys. Der Film über den sexuellen Revolutionär läuft jetzt mit mäßigem Erfolg in den amerikanischen Kinos, die moralisch Entrüsteten haben zum Boykott gegen das verantwortliche Filmstudio aufgerufen, selbst liberale Medien weigern sich, Anzeigen für den Film zu schalten. Dabei sind wir inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen.

Verdreifachte Mittel für die Keuschheitskampagne

Der liberale Kolumnist der New York Times, Nicholas Kristof, ging jetzt zum Gegenangriff über, entdeckte den eigentlichen Sex-Skandal und zwar im Weißen Haus. George W. Bush gefährdet mit seiner Moral die Volksgesundheit, sagt Kristof. Während aufgrund des riesigen Defizits alle Posten des Staatshaushaltes schmerzhafte Einschnitte vornehmen müssen, hat ein Programm seinen Etat fast verdreifacht. Es geht um die Enthaltsamkeitskampagne an amerikanischen Schulen. Schüler sollen mit der Sünde bis zur Ehe warten, weil es dann ja keine Sünde mehr ist. Jungfrauen- und Jungmänner- Schwüre vor der Klasse sorgen für den nötigen Gruppendruck. Damit Amerikas Jugend auch weiter fröhlich der Jungfräulichkeit frönen kann, hat Präsident Bush noch einmal zusätzlich Geld bewilligt.

Das gibt es nur ein Problem: Selbst die eisernste Jungfrau hält ihren Schwur nicht bis zur Ehe durch. Untersuchungen haben gezeigt, dass man/frau nur ein bisschen länger bis zum ersten Mal wartet. Aber dann hat man/frau keine Ahnung von Verhütung, weil das in den Jungfrauen-Klassen an den Schulen wegen moralischer Entrüstung nicht mehr gelehrt wird. Die Folge: Jungfrauen haben mehr Babys. Amerikanische Teenagerinnen werden viermal so oft schwanger wie deutsche Teenagerinnen. Das ist wohl die amerikanische Version der (fast) unbefleckten Empfängnis.

  • Datum 17.02.2005
  • Autorin/Autor Ralf Hoogestraat, Washington
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  • Permalink http://p.dw.com/p/6GHz
  • Datum 17.02.2005
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