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Europa

Die russische Spur in der Ostukraine

Verwüstete Häuser, Bombenkrater in Straßen und Feldern, Massengräber. Der Konflikt in der Ostukraine ist für die Menschen dort längst ein grausamer Krieg. Welche Schuld trägt Russland an der Eskalation? Eine Spurensuche.

Ein schwerer, süßlicher, ekelerregender Geruch weht vom alten Kriegerdenkmal herüber. Vergangene Woche haben die Behörden von Slowjansk hier mehr als ein Dutzend Leichen ausgegraben. Das erzählt Walerij Stupko. Der Mann mit dem schlohweißen Haar ist Historiker am Stadtmuseum. Er hat miterlebt, wie die prorussischen Rebellen Slowjansk von April bis Juli besetzt hielten. "Ihr Anführer soll diesen Ort für dieses Grab hier selbst ausgewählt haben. Falls sie zurückkehren sollten, falls die Donezker Republik doch gewinnt, dann sollte das hier das Symbol ihres Kampfes werden, zu Ehren der Hilfe aus Russland."

Slowjansk in der Ostukraine galt bis Anfang Juli als die Hochburg der prorussischen Milizen. Als die ukrainische Armee auf die Stadt vorrückte und sie umzingelte, hätten die Rebellen begonnen, immer mehr Gefallene direkt bei den umkämpften Checkpoints zu begraben. Für Walerij Stupko und andere Slowjansker war damit klar: Hier kämpfen auch Russen.

Moskau streitet Beteiligung ab

Moskau streitet das weiter ab. Offiziell gibt man sich als Friedensmittler. Doch gleichzeitig rekrutieren radikale Nationalisten wie Walerij Kolozej in Russlands Hauptstadt Moskau freiwillige Kämpfer. Eigentlich ist Walerij Kolozej Fitnesstrainer. Mit seinen muskelbepackten Armen stellt er in einem modrigen Keller ein paar Spaten von einer Ecke in die andere. Die Spaten haben er und sein Mitstreiter gerade von Spenden gekauft, außerdem Schutzwesten, Uniformen und Verbandszeug. "Humanitäre Hilfe" für die Russen in der Ostukraine, sagt Walerij Kolozej. Er glaubt, es sei ein historischer Fehler, dass der Donbas, also die Region um Donezk und Luhansk, zur Ukraine gehört.

Rekrutierung pro russische Rebellen Interbrigaden (Foto: DW/Liza Tatarinova)

Rekrutiert pro-russische Rebellen: Walerij Kolozej

Ein paar Dutzend Freiwillige habe er schon in den Krieg geschickt. Leider würden sich nur selten Afghanistan- oder Tschetschenien-Veteranen melden, beklagt Walerij Kolozej: "Wichtig sind Kriegsspezialisten - und ebenso Mediziner. Das sind die, die wir am dringendsten brauchen. Aber wir nehmen alle. Wir haben inzwischen genug Bekannte dort, die unseren Leuten helfen." Es gebe Tausende in Russland, die in der Ostukraine kämpfen wollen.

Von dort, aus der Millionenstadt Donezk, berichtet seit April die britische Korrespondentin Harriet Salem. Die Stadt ist inzwischen umkämpft. Aus Sandsäcken, Holzstämmen und Betonblöcken haben die prorussischen Millizionäre überall Checkpoints eingerichtet. Jedes Auto, das in die Stadt rein oder raus will, wird streng kontrolliert. Das macht die Arbeit schwer für Harriet Salem.

Russen unter den Rebellen

Ihr sei früh klar gewesen, dass Russen unter den Rebellen sind, und nicht nur unter den Anführern. Doch Beweise hatte sie keine. Ende Mai dann geschah etwas Merkwürdiges: Die Rebellen in Donezk baten sie und zwei Kollegen einen Konvoi zu begleiten. Man müsse mehr als 30 Tote zurück in ihre russische Heimat bringen. Durch Gebiet, das aber wieder von der ukrainischen Armee kontrolliert werde. Die Journalisten sollten deshalb als "menschliche Schutzschilde" mitfahren. "Das war ein Wendepunkt. Plötzlich kam ans Licht, dass es hier russische Kämpfer gibt", sagt Harriet Salem. Jetzt sei die wichtigste Frage: Wer sind diese Leute? Sind sie Söldner? Sind sie Patrioten, die für die Sache kämpfen? Und wie viele sind es eigentlich? "Die Rebellenführer spielen die Zahlen herunter. 20 bis 30 Prozent Russen seien unter den Kämpfern. Einige Beobachter vermuten aber, es könnten gar 70 bis 80 Prozent sein", erzählt Harriet Salem.

Slowjansk Ostukraine Ruinen (Foto: DW/Liza Tatarinova)

Nach den Kämpfen: Verlassener Rebellenstützpunkt bei Slowjansk



Für die ukrainische Staatsführung in Kiew sind diese Kämpfer Terroristen. Russland habe den Konflikt von Beginn an geschürt. Da ist sich auch der ukrainische Militärexperte Walentin Badrak ganz sicher. Selbst nach dem Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs versorge Moskau die Kämpfer weiter mit teils schweren Waffen, mit Panzern und Raketen. Die Rebellen würden zwar behaupten, sie hätten solches Gerät russischer Bauart von besiegten ukrainischen Einheiten erbeutet. Doch Walentin Badrak bezweifelt das: Es handele sich um Waffentypen, die von Russland gar nicht mehr an die Ukraine geliefert wurden. "Es geht vor allem um die Effektivität. Wir sehen, dass diese Waffen um ein Vielfaches wirksamer sind als ihre Vorgängermodelle. Und das bedeutet, dass es Russland ist, das diese Waffen direkt an die Terrorgruppen liefert", erläutert Walentin Badrak.

In Slowjansk ist es der ukrainischen Armee gelungen, die Rebellen zu vertreiben. Die Behörden rechnen damit, dass sie hier noch weitere Massengräber finden werden. Viele vermissen ihre Angehörigen. Die Behörden wollen helfen, sie zu finden. Auch den russischen Familien, die vermuten, dass ihre Söhne in der Ost-Ukraine gefallen sein könnten.

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