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Fokus Osteuropa

Die russische Schule der Demokratie

Seit 20 Jahren bietet die Moskauer Schule für politische Studien jungen Menschen aus Russland die Chance, offen über politische Probleme zu diskutieren. Aus der kleinen NGO ist inzwischen ein starkes Netzwerk geworden.

"Warum haben wir immer einen Zaren in unserem Bewusstsein?" Während Elena Nemirovskaja diese Frage in den Raum stellt, hängen 150 junge Menschen gebannt an ihren Lippen. Die anfängliche Müdigkeit nach der Mittagspause scheint wie weggeblasen. Die Worte der Schulgründerin wirken Wunder. An einem großen runden Tisch sitzen Teilnehmer des sechstätigen Seminars der Moskauer Schule für politische Studien (MSPS). Ihr Ziel: mehr über die Funktionsweise von Staat und Gesellschaft zu erfahren.

Wir sind in dem kleinen Ort Golitsyno, eine Stunde Bahnfahrt von Moskau entfernt. Hier treffen sich gesellschaftlich engagierte Menschen aus allen Regionen Russlands und den post-sowjetischen Ländern. Von Politik und Kultur bis zu Wirtschaft und Recht reichen ihre Interessensgebiete, über die sie hier angeregt diskutieren – von Angesicht zu Angesicht. Im Alltag liegen teilweise mehr als 5000 Kilometer zwischen den Wohnorten der einzelnen Teilnehmer. Ein Austausch würde nur über Internet oder Telefon funktionieren.

Offener Austausch über politische Probleme

"Es ist eine einzigartige Gelegenheit für die Menschen aus den verschiedenen Regionen sich im wirklichen Leben zu treffen. Gerade in einem so großen Land wie Russland ist es wichtig, miteinander zu reden", erzählt Evgenia Sayko "denn wann sitzen schon Menschen aus dem Kaukasus und Sibirien miteinander an einem Tisch?" Die aus Tomsk stammende Journalistin nimmt an dem Seminar teil, um besser zu verstehen, was in ihrem Land vor sich geht. In der russischen Gesellschaft sei es noch sehr stark verbreitet, sich nicht in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. "Die Schule hier ist die einzige mir bekannte Plattform in meiner Heimat, um offen und kompetent über politische und gesellschaftliche Probleme zu sprechen", sagt Sayko.

Vor 20 Jahren gründete Elena Nemirovskaja die Moskauer Schule für politischen Studien (Foto: DW)

Nur Profis: Schulgründerin Elena Nemirovskaja

Die Seminare der MSPS werden von internationalen Referenten geleitet und unterstützt. Wie die Teilnehmer sind sie in den verschiedensten Bereichen tätig. "Wir laden nur Profis ein, die in der Lage sein sollten, 150 verschiedene Antworten zu geben", verrät Elena Nemirovskaja. "Zudem ist es uns wichtig, dass unsere Experten ein breites politisches Spektrum repräsentieren, sodass ein reger Austausch stattfinden kann."

"Diese Schule bedeutet uns viel"

Auch Elina Pechonova, die 2009 ihren Schulabschluss machte, erinnert sich noch lebhaft an ihr Seminar in der MSPS: "Es war total faszinierend für mich, all diesen berühmten und wichtigen Personen aus den Medien meine Fragen stellen zu können", sagt die Alumna. "Viele wissen überhaupt nicht, was die Schule für uns bedeutet, besonders auch für uns Frauen."

Pechonova kommt aus Naltschick, einer Stadt im Nordkaukasus. Die Geschlechterrolle in dieser muslimisch geprägten Region ist sehr traditionell. Viele Frauen dort würden ein Leben als Hausfrau und Mutter führen, für Gedanken über Politik und Gesellschaft sei kein Platz. "Aber dann sitzen diese Frauen mit mir im Seminar, kopftuchtragend und stellen Fragen zu demokratischen Prozessen."

Am Anfang war die Küche

An der MSPS sind auch die Proteste gegen die Regierung unter Präsident Putin ein Thema (Foto: EPA)

Thema an der MSPS: Die Proteste gegen Putin

Ende der 80er Jahre galt zunächst Elena Nemirovskajas Küche als Anlaufstelle für Intellektuelle, Politiker, Studenten und Künstler, um über die zukünftige Entwicklung Russlands und einer modernen Gesellschaft zu diskutieren. Das Netzwerk wuchs. Mit finanzieller Hilfe des Europarates gelang es ihr, 1992 die Moskauer Schule für politische Studien als Nichtregierungsorganisation zu gründen. Im ersten Seminar saßen 25 Teilnehmer.

Zu Beginn war die Schule nur für politische Führungskräfte gedacht. Aber dieses Konzept änderte sich schnell. “Immer mehr politisch interessierte Personen nahmen an den Seminaren teil, denn in Russland gab es keine Institutionen für politische Bildung”, sagt die studierte Kunsthistorikerin Nemirovskaja. Mittlerweile zählt die Schule über 20.000 Absolventen, die in einem Alumni-Netzwerk tätig sind und weitere Projekte in den unterschiedlichen Regionen in Gang setzen. Die Seminare hingegen finden längst nicht mehr nur in Moskau statt, auch in Europa und den USA stellen die Studenten ihre Fragen.

Obwohl der Zerfall der Sowjetunion Jahrzehnte zurückliegt, wächst das Vertrauen der Bevölkerung in die staatlichen Organe in Russland nur langsam. "Aber wenn wir in Freiheit leben wollen", sagt Nemirovskaja, "dann müssen wir unsere Regierung erneuern. Präsident und Parlament müssen kontrollierbare Institutionen sein und keine unantastbaren Autoritäten." Für die Menschen sei es wichtig zu begreifen, dass sie nicht warten können, bis sich die Regierung verändert. Ihr eigenes Denkmodell müsse den Anfang machen. Und tatsächlich - die jüngsten Massenproteste gegen die Regierung unter Präsident Putin zeigen: Die Zivilgesellschaft erwacht allmählich.