Die Russen flüchten aus dem Rubel | Europa | DW | 18.12.2014
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Europa

Die Russen flüchten aus dem Rubel

Seit dem drastischen Sturz des Rubels herrscht in Russland ein Kaufrausch. Es werden deutlich mehr Autos und Haushaltsgeräte gekauft. Die Menschen wollen so ihre Ersparnisse vor dem Kursverlust retten.

Als die Talfahrt des Rubels einsetzte, stürzten sich viele Russen auf alle möglichen Waren. In Moskau standen die Menschen am "Schwarzen Dienstag" abends bis zu zwei Stunden vor Geschäften mit Möbeln und Haushaltsgeräten an. Russische Medien berichten von einer übersteigerten Nachfrage nach Elektronikgeräten und Automobilen. Die Zeitung "Wedomosti" meldet, dass auf dem russischen PKW-Markt eine regelrechte Panik zu beobachten sei. "Es herrscht schon jetzt Mangel. Verkauft werden auch die Autos, deren Preise bereits erhöht wurden", schreibt die Zeitung.

"Eine steigende Nachfrage nach Autos ist aber schon seit November zu beobachten", meint Andrej Rodionow, der in Russland in der Vertretung eines Autohauses arbeitet. Ein Umsatzwachstum gebe es in allen Preissegmenten. "Das ist längst eine Flucht aus dem Rubel. Die Kunden betrachten ein Auto als Anlage", sagt Rodionow. Die Menschen würden während der Krise so ihre Ersparnisse vor einem Wertverlust retten wollen.

Nicht jeder kann sich ein neues Auto leisten

Moskau, Autos im Stau (Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Wer kann, investiert jetzt in Russland in ein neues Auto

Die russische Personalmanagerin Jewegenija Bolgarowa hat sich noch im November ein neues Auto zugelegt. Darüber ist sie nun sehr froh: "Ich hatte großes Glück. Hätte ich den Kauf verschoben, hätte ich jetzt kein Auto!" Denn die Hersteller würden nun entweder die Preise erhöhen oder den Verkauf ganz stoppen.

Doch nicht alle Russen können sich überhaupt ein Auto leisten. Ihre Ersparnisse retten will aber auch die Englischlehrerin Vera Kastrel. Sie hat einen neuen Computer, ein Tablet, einen Drucker sowie Stiefel und Kleidung für ihr Kind gekauft. "Mit einem Lehrergehalt kann man keine großen Sprünge machen. Aber erst vor kurzem habe ich zum Glück einen Forschungsbonus erhalten", sagt sie. Früher gab Vera ihr Geld gerne für Reisen durch Europa aus. Nun wird sie sich diese nicht mehr leisten können. "Das ist traurig. Aber ich werde einfach mehr durch Russland reisen", erzählt sie.

Nur ein vorweihnachtlicher Kaufrausch?

Anton Pantelejew ist Pressesprecher der Fachmarktkette "M.video", Russlands größtem Anbieter von Unterhaltungselektronik. Er ruft dazu auf, keine Panik zu schüren. "In der Tat ist derzeit ein Ansturm der Kunden zu beobachten. Aber das ist nicht sehr außergewöhnlich. Bald ist Neujahr und die Menschen kaufen traditionell viel ein", betont er.

Seiner Ansicht nach gibt es keinen Grund zur Aufregung. "Unsere Preise werden bis Ende Januar nicht steigen", sagt er. Händlerverträge mit Herstellern, darunter auch mit ausländischen, würden wie geplant erst im ersten Quartal des nächsten Jahres überprüft. Pantelejew schließt nicht aus, dass dann die Preise um bis zu 20 Prozent steigen könnten. "Aber ein Großteil der Elektronik- und Haushaltsgeräte wird in Russland hergestellt. 75 Prozent der von uns verkauften Fernseher werden in einheimischen Unternehmen produziert. Diese Waren werden sich nur leicht verteuern", glaubt er.

Es gibt noch größere Probleme

Rentnerin in Russland im Supermarkt (Foto: Vladimir Astapkovich/RIA Novosti)

Die Renten vieler Russen reichen nur noch für das Nötigste

In die Geschäfte laufen will der Pharmamanager Aleksandr Gukow nicht. "Die Menschen kaufen in solchen Situationen vor Aufregung Dinge, die sie gar nicht brauchen", sagt er und betont, er habe ganz andere Sorgen: Sein Gehalt bekomme er in Rubel ausgezahlt - das Studium seiner beiden Söhne in Europa müsse er in Euro bezahlen. "Unsere Rücklagen in Euro reichen nur noch für einige Monate", klagt er.

Die Rentnerin Ljudmila Sergejewa war dagegen noch nie im Ausland. Fremdwährung braucht sie keine. "Früher wäre ich in dieser Situation losgelaufen und hätte einen teuren Pelzmantel oder einen neuen Kühlschrank gekauft. Heute kann ich das nicht. Meine Rente reicht nur für das Nötigste", sagt sie traurig. Ljudmila ist besorgt wegen des Anstiegs der Lebensmittelpreise und der Wohnnebenkosten: "Ich will mich nicht wie im Krieg von Semmelbröseln ernähren, oder wie in der Sowjet-Zeit Buchweizen und Konserven horten."

Der Fotograf Walerij Pachomow versteht, dass die Menschen jetzt noch schnell Dinge zu alten Preisen kaufen wollen. "Dies ist eine gute Möglichkeit, den Wert der Ersparnisse zu retten", sagt er. Im Sommer habe er sich eine neue Kamera zulegen wollen. Doch heute würde er sie sich nicht mehr leisten können. "Damals kostete die Kamera 150.000 Rubel, heute 250.000. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die Ersparnisse in US-Dollar umzutauschen und auf bessere Zeiten zu warten", befürchtet Pachomow.

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