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Asien

"Die Rothemden sollen verschwinden!"

Seit kurzem patrouillieren Soldaten durch Bangkoks Banken- und Büromeile Silom. Die protestierenden Rothemden hatten zuvor angedroht, dorthin zu marschieren. Es haben sich aber auch Gegendemonstrationen gebildet.

Die Rothemden haben sich immer mehr verbarrikadiert (Foto:Holger Grafen)

Die Rothemden haben sich in Bangkok immer mehr verbarrikadiert

Bangkok, gegen neun Uhr abends: Die Demonstranten, die sich im Eingangsbereich der Silom versammelt haben, sind schon von weitem zu hören. Sie tragen gelbe, rosa oder andersfarbige T-Shirts - kurz, alles außer rot. Sie unterstützen die Regierung unter Premier Abhisit Vejjajiva, schwenken Thailands Nationalfahne und brüllen gegen die Lautsprecher-Wagen der Rothemden an. Die Roten haben sich indes hinter der Kreuzung gegenüber der Silom verbarrikadiert. Die Atmosphäre ist spürbar aufgeheizt.

"Die Monarchie beschützen"

In Silom haben viele Menschen genug von den Protesten der Rothemden(Foto:Holger Grafen)

In Silom haben viele Menschen genug von den Protesten der Rothemden

Eine junge Frau in gelbem T-Shirt ist besonders wütend: "Die Rothemden sollen endlich verschwinden, damit in unsere Stadt wieder Ruhe einkehrt." Sie nennt sich Rose und erzählt, sie habe einen Laden für T-Shirts und andere Souvenirs an der Ratchaprasong-Kreuzung - nahe jenes Einkaufsviertels, welches die Rothemden seit Anfang April besetzen. "Die Roten sind alles dumme Leute aus dem Isaan", meint sie verächtlich, in Anspielung auf die Einwohner des armen Nordostens. "Die sind doch nur da, weil sie dafür bezahlt werden".

Und Rose sagt noch etwas: "Die Rothemden wollen, dass Ex-Premier Thaksin Shinawatra zurück kommt. Sie wollen aus Thailand eine Republik machen, was wir aber auf keinen Fall wollen." Und sie kommt richtig in Fahrt: "Wir wollen nicht so werden wie die USA oder Deutschland, denn wir haben unseren König, und so soll es auch bleiben." Ihre Mitstreiter denken genau so: "Wir sind hier, um unsere Monarchie und unser Land zu schützen", sagen sie. Einer der Demonstranten in rosafarbenem T-Shirt, der an der Chulalongkorn-Universität studiert, fügt noch hinzu, dass die Rothemden auf keinen Fall in die Silom marschieren dürften. "Wir haben das Recht, uns zu wehren."

Eine Stadt sieht rot

Eine Menschenmenge attackiert ein rotes Auto (Foto: Holger Grafen)

Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass die Menschenmenge sogar ein rotes Auto attackiert

Was dann wenig später passiert, schockiert alle, die hierher gekommen sind, um friedlich zu protestieren: Ein altes, rotes Auto bewegt sich durch die Silom, bis es die Demonstranten kurz vor dem Kreuzungsbereich erreicht. Plötzlich ist es umringt von einem Mob. Zu wem diese Männer gehören, ist nicht klar. Aber sie versuchen, die explosive Situation auszunutzen. Mit Stöcken beginnen diese Männer, gegen die Scheiben des Wagens zu schlagen. Der Fahrer weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Er entkommt mit seinem Fahrzeug nur knapp - und auch nur deswegen, weil einige aus dem Demonstrationszug eingreifen. Sie hängen sich an das Auto und wehren die Angreifer ab.

Dies wird nicht die letzte Gewalt in jener Nacht zum Donnerstag bleiben: Irgendwann sieht es so aus, als ob die Lage eskaliert und beide Lager aufeinander losgehen wollen. Wasserflaschen und Steine fliegen, dann kracht es. "Feuerwerkskörper!", ruft einer. Die Polizei schreitet lange Zeit nicht ein; die Armee hat sich weiter nach hinten in die Silom verzogen.

Thais kämpfen gegen Thais

Soldaten schützen einen angeblichen Spion der Roten vor einer wütenden Menge (Foto: Holger Grafen)

Soldaten schützen einen angeblichen Spion der Roten vor einer wütenden Menge

Plötzlich rennt eine Menschengruppe in die entgegengesetzte Richtung, weg von den Rothemden. Es heißt, ein Spion der Roten sei aufgegriffen worden. Das aber stimme nicht, sagt einer der Umstehenden. Es sei ein Soldat in Zivil gewesen, der hinter die Barrikaden der Rothemden gegangen sei, um sich ein Bild von deren Lage zu machen. Armeeangehörige müssen den jungen Mann schützen – sie lassen diesen wenig später in einem Polizeifahrzeug wegbringen.

Nicht wenige sind entsetzt über das, was sich vor ihren Augen abspielt. "Thais kämpfen gegen Thais", sagt ein junger Mann mit Brille und Pferdeschwanz bitter. Auch der Besitzer eines kleinen Restaurants in der Silom ist fassungslos. Er stellt sich mit seinem Spitznamen "Hai" vor und betont, dass er zu keinem der rivalisierenden Lager gehöre. Aber er verstehe die Anliegen der Rothemden, die Demokratie wollen. "Alles, was wir heute sehen, kommt durch den Putsch", sagt Hai in Anspielung auf den Militärcoup vom September 2006, durch den Thaksin Shinawatra gestürzt worden war. Und er deutet auf die in der Nähe stehenden Soldaten: "Die kommen aus dem Nordosten", weiß Hai. Und die würden bestimmt nicht auf die Rothemden schießen.

Versöhnung ist nicht in Sicht

Gegen ein Uhr morgens hat sich die Lage beruhigt. Auch am Tag danach bleibt zunächst alles friedlich. Gegen Mittag gibt es eine neue Demo: Bei etwa 38 Grad Hitze demonstrieren Büroangestellte, Banker und andere gegen die Rothemden: "Wir verstehen euch, aber wir stimmen nicht mit euch überein", ist auf Schildern zu lesen. Und eine der Aufforderungen an die Roten lautet: "Wartet doch demokratische Wahlen im nächsten Jahr ab."

Foto:ap

Die Anspannung zwischen den oppositionellen Demonstranten und aufmarschierten Armeeeinheiten wächst. Die Armee hat den Rothemden ein Ultimatum gestellt, das Geschäftsviertel unverzüglich zu räumen.

Eine Versöhnung beider Lager scheint fraglicher denn je. Hinzu kommt, dass zunehmend Gerüchte über eine bevorstehende Niederschlagung der Roten kursieren. In Khon Kaen im Nordosten des Landes hatten Rothemden am Mittwoch einen Zug der Armee gestoppt; offenbar gingen sie davon aus, dass die in dem Zug transportierte Ausrüstung für Bangkok vorgesehen war. Tatsächlich aber soll diese in den tiefen Süden gehen. Indes forderte ein Sprecher der Armee die Rothemden am Donnerstag eindringlich auf, das von ihnen besetzte Touristen- und Geschäftsviertel so schnell wie möglich zu verlassen. Für Freitag haben die Anhänger der "vielfarbigen T-Shirts" zu einer Massendemonstration gegen die Rothemden aufgerufen.

Autorin: Nicola Glass
Redaktion: Thomas Latschan

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