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Politik

Die Roten werden hungern

Wenn Menschen mit Bomben getötet werden, muss eine Regierung alles dafür tun, dass es sich nicht wiederholt. Doch Thailands Premierminister hat nur Geld im Kopf. Radikal geht er gegen seine Kritiker vor.

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In den Kinos Thailands steht das Publikum nach der Werbung auf und singt. Vor dem Film erweist man hier dem König so Respekt; während die schöne königliche Hymne läuft, zeigt ein adretter Spot ergreifende Bilder, meistens von Seiner Majestät und seinen glücklichen Untertanen. Neuerdings endet solch ein Film in den meisten der hiesigen Multiplexe mit Bildern aus dem Süden des Landes. Da laufen bekopftuchte Frauen harmonisch eine Landstraße entlang, und offensichtlich muslimische Kinder halten lachend ein Schild in die Kamera: "Wir sind eins." Die Wirklichkeit ist davon natürlich weit entfernt.

Blutiger Boden

Im tiefen Süden Thailands, in Yala, Pattani und Narathiwat, muss man bei jedem Schritt aufpassen, sich von parkenden Autos und Motorrädern fernhalten, unter seinen Wagen schauen, bevor man einsteigt. Es könnte eine Bombe in der Gegend sein. Seitdem vor fast 14 Monaten Separatisten aus einem Waffenlager der Armee Hunderte von Gewehre stahlen, brennt der muslimische Süden. 500 Opfer sind bisher zu beklagen, die meisten davon – natürlich – unschuldige Zivilisten.

Thailands erste Autobombe tötete letzte Woche sechs Menschen. Man kann dieses tragische Attentat nur als Reaktion auf das neueste Hirngespinst Thaksin Shinawatras deuten. Der Premierminister, dessen Partei am 6. Februar die absolute Mehrheit im Parlament errang, ist bekannt und gefürchtet für deftige Sprüche und fixe Ideen. Nur einen Tag vor der Autobombe führte er – noch nicht im Amt bestätigt – eine drastische politische Maßnahme ein: Die Regierung wird Gemeinden, deren Oberhäupter im Verdacht stehen, muslimischen Separatisten nahezustehen, den öffentlichen Geldhahn abdrehen. Alle Gemeinden in den drei südlichsten Provinzen des Landes – in denen ein Zustand herrscht, der mit seinen Militärpatrouillen und ausgebombten Häusern an den besetzten Irak erinnert – werden in Zonen eingeteilt. Die mehr als 300 "roten" Gemeinden, die nicht mit der Armee kooperieren und im Verdacht stehen, Militaristen zu unterstützen, verdienen, "in Unterwerfung gehungert zu werden", so Thaksin. Dagegen werden die "grünen" Zonen, loyal der Regierung gegenüber, mit Geld überschüttet werden. Die "gelben" Gemeinden bleiben unter Beobachtung. Das alles, so der Premier, um den "die Separatisten unterstützenden Abtrünnigen" kein Geld zu liefern für weitere Bomben und Gewehre – als ob Terroristen je Waffen niederlegen würden, weil eine Regierung ihnen dafür Geld bietet; als ob durch diese Entscheidung Menschen und ganze Gemeinden einfach abgeschrieben werden könnten, weil sie sich nicht bewähren in den Augen des Premiers.

Ein Mann und sein Wort

Thaksins Sprache und Philosophie sind durchsetzt mit fatalen Aussetzern. "Ich werde keinem Zentimeter Thailands erlauben, sich abzuspalten, selbst wenn Blut das Land bedecken sollte", sagte er letzte Woche. Sensibilität ist ein Fremdwort für den Geschäftsführer Thailands, das hatte er auch schon in seinem Krieg gegen Drogen bewiesen, der 2003/4 mehr als 3000 Opfer forderte, getötet von Polizisten und Soldaten. "Wir müssen dieses Problem in den nächsten vier Jahren lösen. Ich bin nicht sehr tolerant. Ich kann nicht allzulange warten." Die Frage, ob ein Regierungsoberhaupt solch etwas überhaupt öffentlich sagen darf, hat Thaksin sich noch nie gestellt.

Ob eine solche Politik verfasungswidrig ist, ob sie Menschenrechte verletzt, ganze Bevölkerungsteile diskriminiert, ob sie noch mehr Opfer fordern wird – das ist Thaksin egal. Er hat gesprochen. Natürlich hat der Mann hierzulande viele Kritiker, die dann auch sagen, dessen neueste Idee sei nicht nur fatal – sie könnte den Krisenherd in ein südostasiatisches Tschetschenien verwandeln –, aber auch ein bloßer politischer Rachefeldzug: Immerhin hatte der Süden sich in den Parlamentswahlen deutlich gegen Thaksins Partei ausgesprochen. Doch auch hier hat der Premier schnell einen Spruch auf den Lippen: "Die Kritiker beginnen über alles zu reden, sobald jemand ein Mikrofon in die Nähe ihrer Münder hält. Sie kritisieren, ohne irgendetwas über die Situation zu wissen. Ich weiβ Bescheid. Wieso sollte ich nicht wissen, was passiert?“