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Deutschland

Die Revolution in Echtzeit

In Syrien gibt es praktisch keine unabhängigen Medien mehr. Der Aufstand der Regimegegner im Land zeigt umso deutlicher, wie wichtig Amateurvideos aus dem Internet geworden sind.

Eine Frau fotografiert mit einem Handy am Montag (31.01.2011) in der ägyptischen Hauptstadt Kairo andere Demonstranten auf der Straße. Die ägyptische Regierung lässt den Datenverkehr wieder blockieren, um den Widerstand gegen das Mubarak-Regime im Netz unsichtbar zu machen. Dabei hat der Protest auf der Straße die Katalysator-Funktion des Internets inzwischen gar nicht mehr nötig. Foto: Richard Gutjahr dpa (Achtung: Nutzung nur mit der Quellenangabe «http://gutjahr.biz/blog») +++(c) dpa - Bildfunk+++ dpa 22802758

Symbolbild Bürgerjournalismus

Die Macht der Bilder erkannte Gil Scott-Heron schon vor Jahrzehnten: In "The Revolution will not be televised", seinem Text-Klassiker von 1971, erzählte der US-amerikanische Dichter und Musiker davon, wie schwer es Afroamerikanern wie ihm fällt, einen Platz in der weißen Mehrheitsgesellschaft der USA zu finden.

Seine Kritik zielte auf das amerikanische Massenmedium schlechthin: das Fernsehen. Für Scott-Heron war klar: Das Fernsehen, das nonstop das Leben aus der Sicht der weißen Mehrheit ausstrahlte und deren Sichtweise damit noch bekräftigte, ließ die gänzlich andere Realität der Afroamerikaner außer Acht  -  und trug damit zu einem entscheidenden Problem Amerikas bei.

Neues Konzept

Syrien Bürgerkrieg Panzer in Homs

Handyaufnahme aus Syrien von einem Panzer in Homs

Drei Jahrzehnte später ist die Syrische Revolution das wohl beste Beispiel dafür, wie sich das Medium Fernsehen verändert hat. Natürlich werden offizielle syrische Sender nach wie vor staatlich kontrolliert und berichten regierungstreu. Aber man muss nur an der Oberfläche kratzen, um zu erkennen, dass die Syrische Revolution doch gesendet wird - wenn auch anders, als manch einer vor Jahren gedacht hätte.

Das Regime von Machthaber Baschar al-Assad hat praktisch alle ausländischen Journalisten des Landes verwiesen. Was die Welt aus Syrien erfährt, stützt sich auf Berichte von Einheimischen. Es sind deren Amateurvideos, die in ihrer Direktheit wohl am deutlichsten die Gräueltaten des Regimes zeigten; sie haben die zögerliche Weltöffentlichkeit auf den syrischen Kampf aufmerksam gemacht.

Allein auf dem Internet-Videoportal YouTube finden sich an die 100.000 Videos über den Aufstand in Syrien. Es gibt spezielle Websites, wie die Facebook-Seite der Syrischen Revolution mit fast 400.000 Unterstützern, Dutzende Videos aus Syrien und etliche Links zu anderen Portalen, die ebenfalls fast alle Videos enthalten.

Live um die Welt

Das hat man sicherlich auch dem 30-jährigen Schweden Måns Adler zu verdanken, der 2007 den interaktiven Handy-Streaming-Dienst Bambuser gründete. Das schwedische Start-Up hat heute mehr als eine Million aktive User, die Videos in Echtzeit vom Handy oder der Webcam ins Netz streamen, auf Facebook, Twitter oder die Bambuser Homepage.

Seitdem die Gewalt in Syrien eskaliert, verzeichnet Bambuser eine deutliche Zunahme an Videos. Momentan gehen mehr als 1000 auf Syrien bezogene Videos bei Bambuser ein, so Adler – pro Tag. Das breite Publikum erreichen die Amateurvideos ebenfalls, da sie führenden Presseagenturen wie Associated Press, Press, Reuters, CNN und Al Jazeera zur Verfügung gestellt werden.

Demokratische Technologie

Dass Bambuser für junge Araber ein wichtiges Instrument im Kampf gegen das Regime werden würde, hätte sich Adler bei der Gründung des Dienstes vor fünf Jahren nicht träumen lassen. Es ging zunächst nur um eine schicke neue Art der direkten Kommunikation. Aber, so Adler, eigentlich war schon damals der Grundstein für die heutige Nutzung gelegt. "Es war eine Mission zur Demokratisierung der Technologie von Live-Übertragungen", erinnert sich Adler.

Der Schwede erklärt, er habe als Student drei mögliche Szenarien für sein Start-Up erarbeitet. In einem benutzte ein Iraker namens Mohamed den Dienst zum Versenden von Live-Videos über Soldaten, die unschuldige Zivilisten während des Irak Krieges erschossen. "Also gab es von Anfang an ein ähnliches Szenario in dem Konzept", stellt Adler fest. Indem er dem Handynutzer die Möglichkeit gibt, Videos umsonst ins Netz zu streamen, rissen Adler und andere Entwickler eine entscheidende technische Hürde ein, die es bisher autokratischen Regierungen erlaubte, Videoinhalte zu monopolisieren und ihre Verbreitung zu kontrollieren.

Der Kampf für Menschenrechte übers Video

Der universelle Einsatz von Videos zur Dokumentation von Menschenrechtsverstößen geht allerdings auf Peter Gabriel zurück. Vor 20 Jahren gründete der britische Sänger in New York mit anderen Aktivisten die Menschenrechtsorganisation Witness, die sich dem Ziel verschrieben hat, Menschenrechtsverstöße mit der Hilfe von Videoaufnahmen nachzuweisen und anzuprangern. "Man kann nicht deutlich genug betonen, wie drastisch sich die Nutzung von Videos  in den letzten 20 Jahren verändert hat", so Chris Michael von Witness.

Als die ersten Handycams auf den Markt kamen, beschränkte sich die Organisation wegen der hohen Kosten für die Kameras und der Probleme beim Transfer des Filmmaterials primär darauf, das Equipment zur Verfügung zu stellen und Aktivisten beizubringen, wie man es benutzt. Heute, 20 Jahre später, haben viele Menschen wie selbstverständlich eine Videokamera in der Hosentasche – und mit Diensten wie Bambuser ist es kinderleicht, Aufnahmen in Echtzeit weiterzugeben. Witness stellt heute kein Equipment mehr zur Verfügung oder erklärt seine Handhabung. Der Dienst beschreibt heute, wie gerichtlich relevante Aufnahmen aussehen sollten und gibt praktische Tipps, um Strafen für die Dokumentation von Menschrechtsverstößen zu umgehen.

"Wir weisen die Leute auf die Sicherheitsrisiken hin -  für den Fall, dass der schlimmste Feind die Aufnahmen sieht", erklärt Michael: "Wir arbeiten auch an neuen Tools mit denen man Gesichter unkenntlich machen kann". Mit dem App 'Obscuracam' könne man nicht nur Gesichter unkenntlich machen und damit Identitäten live schützen, so der Manager, der Dienst arbeite auch an Möglichkeiten zum Verschlüsseln des gesamten Inhalts. Witness bietet zudem seinen über 325.000 Followern auf Twitter Zugang zu einer Reihe syrischer Videos.

Die Katze ist aus dem Sack

Protestierende Menschen in Syrien (Foto: reuters)

Journalisten hat Assad schon längst des Landes verwiesen

Das Regime Assad sieht sich mittlerweile mit Dutzenden von Videos konfrontiert, die das brutale Vorgehen der Regierung dokumentieren. Es ist so gut wie unmöglich, die Berichterstattung der Bürger zu stoppen. Das Regime versuche, die Internetkapazität in Syrien herunterzufahren, damit die Opposition es nicht benutzen könne, vermutet Måns Adler – aber den Autokraten sei klar geworden, dass die Katze aus dem Sack ist.

"Nachdem man uns letztes Jahr in Ägypten blockiert hat, ist diesen Ländern klar geworden: Wenn sie bestimmte westliche Organisationen blockieren, sind sie massivem Druck von der internationalen Gemeinschaft ausgesetzt", ist sich der Gründer von Bambuser sicher.

Die Anzahl der persönlichen Videoberichte habe während der vergangenen Wochen mit der Gewalt in Syrien zugenommen, ergänzt der Menschenrechtler Chris Michael. Und berichtet von einem Video, das ihn besonders berührt: Ein neunjähriger Junge mit einem Verband über dem Herzen liegt auf einem Tisch mitten in einem Zimmer. Während man im Hintergrund lautes Klagen hört, berichtet der ebenfalls weinende Vater von seinem Kind. Plötzlich reißt er den Verband ab und man sieht, dass eine Kugel den Jungen mitten ins Herz getroffen hat. Der Mann richtet einen direkten Appell an die russische Regierung, das Blutvergießen in Syrien zu beenden. "Was Menschenrechtsarbeit im Video angeht, ist das eine noch nie dagewesene Erfahrung", sagt Michael. "Und die Syrer sind dabei führend."

Autor: Michael Knigge/db
Redaktion: Rob Mudge/Rolf Breuch

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