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Europa

Die Rettung der Rente

Immer weniger Junge müssen die Renten für immer mehr Alte zahlen: Wissenschaftler rechnen vor, wie man die Sozialsysteme in Europa stärken kann. Doch umsetzen lassen sich die Vorschläge nicht ohne Weiteres.

Mehr als zwei Dutzend EU-Länder haben die Wissenschaftler

unter die Lupe genommen

, und wie so oft steht Schweden an der Spitze. Dieses Mal geht es um die Alterung der Gesellschaft - und darum, dass das skandinavische Land sie besonders gut bewältigt: "Das hängt mit einer sehr guten Arbeitsmarktpolitik zusammen, mit einer niedrigen Arbeitslosigkeit. Es liegt aber auch am Umgang mit Älteren: In Schweden sind Ältere sehr gut ins Erwerbsleben eingebunden. Das ist sicher eine der großen Herausforderungen für die anderen europäischen Staaten", sagt Michael Bräuninger vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (

HWWI

). Die anderen europäischen Staaten, damit meint der Wissenschaftler zum Beispiel Deutschland und Italien, die sich gerade an einer Schwelle befinden: Die geburtenstarken Jahrgänge der "Babyboomer" in den 1960er Jahren gehen in den Ruhestand - und ihre Renten müssen finanziert werden von den jüngeren, deutlich geburtenschwächeren Jahrgängen.

Reformen in Deutschland und Italien - Abwarten in Osteuropa

Werbeplakat zum Rentenpaket der Bundesregierung am Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin (Foto: Jens Kalaene)

Werbung für das "Rentenpaket" der Bundesregierung, u.a. für die Rente mit 63

Sowohl Deutschland als auch Italien hätten in den vergangenen Jahren einige wirksame Reformen angepackt, damit das System der gesetzlichen Altersvorsorge tragbar bleibe, meint Bräuninger. Er bezieht sich damit auf die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters, außerdem auf Anreize für die Bürger, privat vorzusorgen. In Deutschland geschieht dies mit Hilfe der so genannten "Riester-Rente": Wer eine bestimmte private Rentenversicherung abschließt, bekommt dafür einen Zuschuss vom Staat. Vor allem auf die östlichen EU-Länder sieht Bräuninger aber große Schwierigkeiten zukommen: "Sie haben noch eine gewisse Zeit, bis das Problem der gesellschaftlichen Alterung massiv eintritt. Was sie dann zusätzlich schaffen müssen, ist die Abwanderung von ihren jungen und besonders produktiven Erwerbstätigen zu stoppen."

Je höher der Anteil der Erwerbstätigen ist, die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung zahlen müssen, desto besser kann ein Land sein Sozialsystem aufrechterhalten - so lautet ein zentrales Argument in einer Studie, die Michael Bräuninger und seine HWWI-Kollegin Christina Benita Wilke am Mittwoch (09.04.2012) veröffentlicht haben. Demzufolge gibt es aber auch in Deutschland noch einigen Handlungsbedarf: "Insbesondere die Erwerbsbeteiligung von Frauen müsste sich verbessern. Deutschland wird mit Sicherheit noch mehr als bisher auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern müssen", sagt Christian Bäumler, der Vorsitzende des Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA). In Schweden stehen fast 80 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren im Arbeitsleben, in Deutschland sind es knapp über 70 Prozent - wenngleich die deutschen Frauen in den vergangenen Jahren aufgeholt haben.

"Gesellschaft, die mit 50 mental die Rente ins Auge fasst"

Arbeiter montiert Auto in einer Werkhalle von Daimler in Sindelfinden (Foto: dpa)

"Viele sind mit Ende 50 im Vorruhestand" - Arbeiter in der Werkhalle eines Autobauers

Einen weiteren Ansatzpunkt, um die europäischen Sozialsysteme langfristig zu stärken, sehen die HWWI-Wissenschaftler Bräuninger und Wilke im Alter für den Ruhestand. Sie beziehen sich dabei auf einen Vorschlag der EU-Kommission aus dem Jahr 2012. Dieser sieht vor, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. In den meisten europäischen Ländern liegt die gesetzliche Schwelle zum Ruhestand bei 65 Jahren. In Deutschland wurde 2006 beschlossen, sie schrittweise auf 67 Jahre anzuheben - die aktuelle Bundesregierung plant jedoch, dass Arbeitnehmer schon mit 63 Jahren in Rente gehen können, sofern sie 45 Jahre lang Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Ein "fatales Signal", urteilen die Autoren der HWWI-Studie und mahnen einen "Perspektivwechsel" an: "Die zahlreichen Frühverrentungsmöglichkeiten und generösen Rentenregelungen der 70er- und 80er Jahre haben gerade in Deutschland eine Gesellschaft geprägt, die im Alter von 50 Jahren mental bereits die Rente ins Auge fasst."

Der CDA-Vorsitzende Christian Bäumler hält dem entgegen: "Der Gesinnungswandel müsste vor allem auch von den Arbeitgebern ausgehen. Meine Beobachtung ist, dass die Bereitschaft der Arbeitgeber, geraden in großen Unternehmen, Arbeitnehmer über 60 zu beschäftigen, relativ gering ist. Die meisten Arbeitnehmer, etwa an den Werkbänken der großen Automobilkonzerne, sind Ende 50 im Vorruhestand." Für das Ziel, mehr Erwerbstätige und damit Beitragszahler für die gesetzliche Rentenversicherung zu gewinnen, sieht Bäumler auch noch andere Wege: etwa den Zugang für Zuwanderer zum deutschen Arbeitsmarkt zu verbessern.

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