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Deutschlandtour

Die Reste der heuchlerischen Olympia-Idylle

Ein paar Kilometer außerhalb von Berlin liegt das Olympische Dorf von 1936. Lange Zeit verfiel das Vorzeigestück der nationalsozialistischen Olympia-Inszenierung – nun soll daraus ein Freilichtmuseum werden.

Die Nazis wollten etwas bieten, was die Welt noch nicht gesehen hatte. Auch für die Athleten. In zwei Jahren Bauzeit wuchs das Olympische Dorf in der Döberitzer Heide, 14 Kilometer westlich von Berlin. Unter der Leitung des Architekten Werner March, der auch Olympia-Gelände und -Stadion gebaut hatte, entstand eine Mischung aus kaum gekanntem Komfort, scheinbar heiler Welt - und politischer Inszenierung.

Model des Olmypischen Dorfes

Modell des Olmypischen Dorfes

Spazierwege führten unter dichtem Blätterdach zu einem künstlichen See, für den eigens Wasservögel aus dem Berliner Zoo herbeigeschafft wurden. Auf einem ebenfalls künstlichen Hügel nebenan stand ein Terrassen-Café. Die beheizbare Schwimmhalle hatte eine elektrisch versenkbare Glasfront, eine absolute Sensation zur damaligen Zeit. Es gab 140 einstöckige und fünf zweistöckige Wohngebäude, ein Speisehaus mit 40 Sälen, ein Empfangsgebäude mit Bank und Post und ein Gemeinschaftshaus für Kultur, Tanz und das Vorführen von Propaganda-Filmen - unter einem riesengroßen Relief marschierender Wehrmachtssoldaten.

Von Ruinen zum Denkmal

Siegfried Schreiner führt durch das Olympische Dorf

Siegfried Schreiner betreut Führungen

"Der betriebene Aufwand war enorm", sagt Siegfried Schreiner. "Es wurden beispielsweise hunderte von alten Bäumen hierher verpflanzt – und auf Wunsch Finnlands sogar ein Sauna-Haus gebaut." Schreiner kennt sie alle, die Zahlen und die Geschichten rund um das Olympische Dorf: Wie viel Kubikmeter Erde bewegt wurden oder welches Essen es gab. Seit drei Jahren führt Schreiner Besucher durch das, was vom Olympischen Dorf übrig blieb. Und das waren bis vor kurzem nur Ruinen. Zu DDR-Zeiten wurde das Gelände von der sowjetischen Besatzungsarmee genutzt. Später richteten Randalierer enorme Schäden an.

Es gab diverse Investorenpläne, die sich alle zerschlugen. Seit eine Stiftung das Gelände 2006 übernommen hat, wurde der Verfall gestoppt. Ein Freilichtmuseum soll nun entstehen, 540 Hektar groß. Auf dem historischen Trainingsplatz wühlen nun nicht mehr die Wildschweine, Informationstafeln wurden aufgestellt, einige der erhaltenen Gebäude haben wieder Dächer und Fenster, das Gelände wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.  

Es ist nach wie vor malerisch schön hier, auch wenn der See längst verlandet ist, von Sauna und Café nur noch Reste zu erahnen sind. Spechte hämmern, die Bäume rauschen. Noch sind die Besucher auf dem Gelände spärlich, noch gehört das Olympische Dorf nicht zum Standardprogramm des Berlin-Touristen. Man könnte sich verlaufen. Doch es gibt ja Siegfried Schreiner und seine Kollegen. Sie führen nach Anmeldung von April bis Ende Oktober gegen einen geringen Betrag über das Gelände, auch auf Englisch. Sie erzählen, erklären und schließen die Gebäude auf. Der Rundgang dauert 90 Minuten. Ohne die Führung fühlt es sich an wie ein Heidespaziergang mit Ruinen – dank der Führung lernt man viel über die bis ins Detail durchdachte Inszenierung der olympischen Nazi-Spiele.

Das "Dorf des Friedens" – eine Lüge

Zimmer im Olympischen Dorf von 1936

So wohnten die Athleten

Bei den Spielen von 1936 wollte Adolf Hitler der Welt ein friedliebendes Deutschland vorgaukeln. Auch das Olympische Dorf gehörte zu dieser Inszenierung: "Dorf des Friedens" nannte es die Nazi-Propaganda – eine Lüge. "Es stand schließlich schon bei Beginn der Planungen fest, dass nach den Spielen die Wehrmacht die Anlagen nutzen sollte", sagt Schreiner. Gleich nebenan lag der Truppenübungsplatz – das „Dorf des Friedens“ war eigentlich ein Aufrüstungsprojekt.

Die 4000 Sportler aus 49 Nationen wussten davon wenig. Sie genossen den erstaunlichen Komfort. Jedes der Athleten-Häuser hatte eine Terrasse, sogar ein Telefon. Es gab warmes Wasser und Zentralheizung. Täglich spielte eine Militärkapelle, aber auch die Berliner Philharmoniker und das Ballett der Staatsoper traten auf. Aus dem Gemeinschaftshaus "Hindenburg" gab es die weltweit erste Live-TV-Übertragung.

Wo Jesse Owens wohnte

Bild von Jesse Owens als Absperrung im Olympischen Dorf

Der US-Amerikaner Jesse Owens war 1936 ein Sportstar

Höhepunkt der Führung ist das einstöckige Haus des absoluten Stars der Spiele von 1936, Jesse Owens. Auf einem kleinen Holzschreibtisch im originalgetreu renovierten Zimmer steht sein Foto, um den Rahmen hängt ein goldener Lorbeerkranz. Eine kleine Ausstellung erzählt das Leben des amerikanischen Leichtathleten, der in Berlin vier Mal Gold gewann, zum größten Sporthelden seiner Zeit wurde – und den die Nazis wegen seiner Hauptfarbe verachteten.

Etwas oberhalb thront das ellipsenförmige "Speisehaus der Nationen“, trotz seiner Größe harmonisch in die Landschaft gesetzt. Später diente es als Lazarett für die Wehrmacht. Noch immer sind viele Fenster versperrt, Putz und Farbe bröckeln von den Wänden. Es gibt noch viel zu tun, bis die denkmalgeschützten Häuser auch wirklich wie Denkmäler aussehen.

Nebenan stehen, in Reih und Glied, entkernte Plattenbauten der sechziger Jahre, Wohnungen für sowjetische Offiziere. Sie wirken wie ein Mahnmal für die wohl ungewöhnlichste Idee einer Nutzung des Areals: Beim Hauptstadtumzug nach Berlin sollten hier Beamte aus Bonn einziehen. Was nun aus den Ruinen werden soll? Dieses eine Mal hat auch Siegfried Schreiner keine Antwort.