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Welt

Die Rentner der Revolution

Kuba ergraut. Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor immense Probleme und überfordert das Gesundheitssystem. In wenigen Jahren wird es mehr Rentner als Kinder auf der Insel geben.

Rentner in Kuba beim Domino-Spiel (Foto: Knut Henkel)

Rentner in Kuba

Conchita Brando lässt sich einen halben Liter Speiseöl in eine Plastikflasche abfüllen. Lächelnd verlässt sie das Lebensmittelgeschäft und verstaut die Flasche zusammen mit einer Portion Zucker und Reis im Einkaufsnetz. Die rüstige Rentnerin, einst erfolgreiche Schauspielerin, wohnt nicht weit vom Platz der Revolution in Kubas Hauptstadt Havanna entfernt. Zweimal pro Woche geht sie morgens in den Park an der Ecke zum Altensport. "Ich muss schon etwas tun, um elastisch zu bleiben", erklärt die 81-jährige und lächelt verschmitzt.

Sportkurse für Ältere werden in vielen Stadtvierteln Havannas angeboten. Die Initiative geht auf den legendären "Club der 120-Jährigen" zurück. Der Club, 2003 gegründet und mit zuletzt dreizehn Mitgliedern, steht für eine erfolgreiche Gesundheitspolitik, die auf Prävention setzt und die Phänomene einer alternden Gesellschaft erforscht.

Altensport in einer Baulücke in Havannas Altstadt (Foto: DW/Knut Henkel)

"Immer elastisch bleiben": Altensport in einer Baulücke in der Altstadt von Havanna

Bereits 1992 wurde auf Kuba von der Regierung das Ibero-lateinamerikanische Forschungszentrum für Senioren gegründet, kurz CITED (Centro Iberoamericano para la Tercera Idad). Die Institution bietet regelmäßig Seminare zu altersspezifischer Ernährung an und gibt Tipps für ein aktives Leben im Alter.

Mehr Rentner als Kinder

Doch die vorbildlichen Initiativen für Senioren stoßen an ihre Grenzen. "Auf den demografischen Wandel sind weder die Wirtschaft noch die Sozialsysteme vorbereitet", so der Direktor des Studienzentrums der kubanischen Ökonomie, Omar Everleny Pérez Villanueva. "Wer in Zukunft für uns Alte arbeiten soll, darauf haben wir keine Antwort“, erklärt der 52-jährige Sozialwissenschaftler.

Schon heute stellt die Insel mit einem Seniorenanteil von 17 Prozent nach Uruguay (18,5 Prozent) die älteste Bevölkerung in Lateinamerika. 2020 wird es nach der offiziellen kubanischen Statistik mehr Rentner als Kinder auf der Insel geben. 2025 wird dann jeder vierte Kubaner älter als 60 Jahre alt sein.

Das nationale Gesundheits- und Sozialsystem scheint auf die Anforderungen einer alternden Gesellschaft nur bedingt eingestellt. Bereits 2008 wurde das Renteneintrittsalter in Kuba für Männer von 60 auf 65 Jahre und für Frauen von 55 auf 60 Jahre hochgesetzt. Seit Oktober 2010 müssen zudem auch alle Selbständigen in die Rentenkasse einzahlen.

Pflegerin Aurora Valestero García gemeinsam mit Irma und Orestes Muñiz in deren Wohnung (Foto: Knut Henkel)

Rentner Orestes Muñiz (r.) und seine Schwester Irma mit ihrer Pflegerin Aurora

Schlange stehen für ein paar Pesos

"Doch die latente Wirtschaftskrise sorgt für chronisch leere Kassen und extrem magere Renten. So erhält der emeritierte Universitätsprofessor Orestes Muñiz 368 Peso nacional, umgerechnet knapp zwölf Euro, aus der Rentenkasse. Für kubanische Verhältnisse eine gute Rente, doch für den Lebensunterhalt ist dies nicht ausreichend.

Um zu überleben, verkaufen Rentner deshalb die offizielle Tageszeitung "Granma" in den Straßen oder stellen sich für ein kleines Taschengeld für andere in die Schlange, um Brot, Seife oder Zucker auf Libreta, die kubanische Rationierungskarte, zu besorgen. "In Wirklichkeit gibt es weniger staatliche Hilfen, und den Familien wird mehr Verantwortung aufgebürdet", meint Raimundo García Franco, Direktor des protestantischen Zentrums für Reflexion und Dialog in der Hafenstadt Cárdenas. Von den ambulanten Pflegeteams des Zentrums werden rund 120 Senioren in der Umgebung betreut.

In Cárdenas gibt es kaum Altenhilfe von Seiten des Staates", erklärt Orestes Muñiz. Der 66-Jährige lebt mit seiner Schwester zusammen und ist auf die Hilfe der Kirche angewiesen. Im gesamten Verwaltungsbezirk Matanzas gebe es gerade einmal drei Einrichtungen für alte Menschen, zwei Altenheime und einen Seniorentreff.

Kirchen helfen aus

Zu wenig Altenheime, zu wenig Seniorentreffs und zu wenig Sozialarbeiter seien im Einsatz, kritisiert Raimundo García Franco, der auch aus Deutschland Hilfsgelder erhält. Ähnliches ist von anderen kirchlichen Organisationen zu hören wie der kubanischen Caritas, die zahlreiche Suppenküchen unterhält und sich auf die Hilfe von über 3000 Ehrenamtlichen stützen kann.

Conchita Brando vor der Conchita Brando und ihr Mann (Foto: DW/Knut Henkel)

Privilegiert: Conchita Brando und ihr Mann auf dem Weg zum Einkauf

"In unseren Organisationen stellt Seniorenarbeit noch keine Priorität dar", räumte Migdalia Dopico Paz vom kubanischen Caritasverband bei einer Konferenz in Costa Rica im vergangenen Jahr ein. "Es reicht nicht aus, die Regierung auf ihre Verantwortung hinzuweisen", meint sie, auch die Zivilgesellschaft sei zum Engagement aufgefordert.

Angewiesen auf Unterstützung ist auch die Rentnerin Conchita Brando. Regelmäßig bekommt sie Devisen von einem ihrer Kinder aus Panama geschickt. Die Zuwendungen sorgen dafür, dass sie sich mit ihrem Mann die Ernährung leisten kann, die von den Spezialisten des Forschungszentrums für Senioren empfohlen wird. Ein Privileg, dass sich längst nicht alle Rentner in Kuba leisten können.

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