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Amerika

"Die Regierung lügt!"

Mit Hungerstreiks trotzte er der brasilianischen Regierung einen vorübergehenden Stopp eines ökologisch fragwürdigen Wasserbauprojekts ab. Bischof Luiz Cappio ist einer der bekanntesten Umweltaktivisten seines Landes.

Bischof Luiz Flavio Cappio (Foto: ap)

Bischof Luiz Flavio Cappio

Manche nennen ihn einen "Verrückten Gottes" oder "Störenfried", denn Bischof Luiz Flavio Cappio hat sich mit den Mächtigen seines Landes angelegt: Längst ist er in Brasilien zum inoffiziellen Volkshelden geworden; zumindest für die Armen und die Bewohner der Diözese Barra im Nordosten Brasiliens, eine der ärmsten Gegenden am Mittellauf des Rio São Francisco.

Der Streit entzündet sich an einem milliardenschweren Flussumleitungsprojekt der brasilianischen Regierung: Zwölf Millionen Menschen will sie mit dem Wasser im Nordosten versorgen, das über zwei Kanäle von 720 Kilometer Länge vom Rio São Francisco abgezweigt würde.

Für Dom Luiz alles "irreführende, verlogene Propaganda". Er habe die zuständigen Minister und Senator Ciro Gomes selbst sagen hören, dass dieses Projekt rein wirtschaftliche Gründe habe. In Wirklichkeit seien über 90 Prozent des Wassers für Küstenstädte und Exportwirtschaft gedacht: für Obstplantagen oder auch die enorme Mengen Wasser verbrauchende Garnelenzucht. "Es geht nicht um die Wasserversorgung der Gemeinden", sagt er anklagend.

Wie ein Aderlass

Cappio in der Kirche (Foto: ap)

Der Rio São Franciso, den Armen auch liebevoll "Velho Chico" – "Alter Junge" nennen, ist der drittgrößte Fluss Brasiliens und die Lebensader Nordostbrasiliens. Luiz Inácio da Silva hatte sich noch 2001 als damaliger Präsidentschaftskandidat gegen das Vorhaben ausgesprochen. Seit 2004 treibt er es allerdings mit höchster Priorität voran.

Kleinbauern, Fischer und Indigene an den Ufern des Rio São Francisco sind die Leidtragenden. In den vergangenen Jahrzehnten mussten bereits riesige Flächen Urwalds den Stauseen weichen, Abwässer wurden in die Flüsse geleitet, die Fischbestände schrumpfen. Jetzt Wasser aus dem Fluss abzuleiten, sei wie einen Kranken zum Blut Spenden zu zwingen, sagte Dom Luiz.

Die Regierung stellt sich taub

Cappio zwischen Schülern (Foto: ap)

Bereits im Jahr 2005 hatte er mit einem Hungerstreik gegen das Projekt protestiert. Damals lenkte er nach elf Tagen ein, als die Regierung eine öffentliche Diskussion über das Vorhaben versprochen hatte. Im November 2007 verweigerte er erneut 24 Tage die Nahrungsaufnahme und brach den Hungerstreik erst ab, als sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechterte und er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Radikalität seines Protests verteidigt er: "Wir hatten alle Möglichkeiten des Dialogs ausgeschöpft. Die Regierung hat sich taub und stumm gestellt. Das war wie ein Schrei der Verzweiflung, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Und um zu zeigen, wie absurd dieses Megaprojekt ist!"

Am Rio São Franciso dröhnen und baggern die Baumaschinen derweil weiter. Dennoch sei nicht alles umsonst gewesen, sagt Dom Luiz: Es habe die Aufmerksamkeit auf ihr Problem gelenkt, sagt er: "Nicht nur in Brasilien, sondern in der ganzen Welt! Und es hat viele zusammengeführt: indigene Gruppen, Studenten, Fischer, politische Parteien, die Kirche: sie alle ziehen jetzt an einem Strang!"

Umdenken auch in Deutschland

Cappio am Fluss (Foto: ap)

Dass er in diesem Jahr in Freiburg den Kant-Weltbürgerpreis für sein "mutiges Eintreten zugunsten der Menschenrechte von politisch und

sozial marginalisierten Bevölkerungsgruppen" erhalten hat, stimmt ihn hoffnungsvoll, dass die Aufmerksamkeit im Ausland auch den Druck auf die eigene Regierung erhöht. Und dass auch in den reichen Ländern ein Umdenken stattfindet: Die Auswirkungen des dortigen Biosprit-Boom sind in Brasilien direkt zu spüren: Statt Grundnahrungsmitteln werden auf immer mehr Flächen Pflanzen für die Agrotreibstoff-Produktion angepflanzt. Das gefährdet die Nahrungsmittelversorgung der Menschen vor Ort. Darum fordert der fromme Umweltaktivist, dass auch die Konsumenten, wie Deutschland, genau hinschauen sollten, unter welchen Bedingungen Bioethanol erzeugt wird: „Deutschland muss sicherstellen, dass wegen des importierten Biotreibstoffs für Autos in Brasilien keine Menschen hungern!“

Autorin: Ina Rottscheidt

Redaktion: Anna Kuhn-Osius