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Kultur

Die Regie-Minimalistin Kira Muratova

Sie gilt als die Esoterikerin unter den russischen Regisseuren. Ihre Filme eröffnen surreale Bildwelten. Eine Begegnung mit Kira Muratova am Rande des „go East"– Filmfestivals.

Porträtfoto Kira Muratova

Die Minimalistin

Kira Muratova sitzt auf einem roten Ledersofa im Foyer des Wiesbadener "Caligari"-Filmtheaters. Sie trägt eine dunkle Sonnenbrille. Neben ihr hat Evgenij Golubenko Platz genommen, der in ihren Filmen mitspielt. Es ist schön, hier zu sein, sagt die Regisseurin, das wunderbar restaurierte Jugendstil-Kino gefalle ihr. Und überhaupt habe sie ja in Deutschland schon einen Preis bekommen. Das war 1990 bei der Berlinale, wo sie für "Das asthenische Syndrom" einen Silbernen Bären bekam. Der Film war nach einer langen, erzwungenen Drehpause entstanden.

Bleierne Zeit

Die Muratova hatte schon früh bei den sowjetischen Behörden Missfallen erregt. Sie war zu unkoventionell, zu eigenwillig und stand dem "sozialistischen Realismus" distanziert gegenüber. Die Folge: Drehverbot, Berufsverbot. Erst mit der Perestroika änderte sich das. Trotzdem zeigte sie im "Asthenischen Syndrom" 1989 noch eine Welt voller Elend und Zerfall. Schon ihre ersten Filme in den sechziger Jahren hatten die alltägliche Tristesse, die Monotonie des sowjetischen Systems widergespiegelt.

Interview mit Kira Muratova, russische Filmregisseurin, auf dem goEast-Festival

Im Gespräch mit der Regisseurin

Die 75jährige ist es gewohnt, dass ihr Anerkennung, Aufmerksamkeit, Erfolg nicht in den Schoß fallen. Sie weiß: Ihre Filme – poetische Kunstwerke jenseits aller modischen und politischen Strömungen - sind nichts für ein Massenpublikum. Die Frage nach ihrem persönlichen Stil beantwortet sie jedoch nicht gern. "Ich denke, der Stil ist eine Nebensächlichkeit. Ich habe jedenfalls nicht das Ziel, das Publikum in Erstaunen zu versetzen, zu überraschen oder irgendwie seltsam zu erscheinen. Ich bin aufrichtig – im Inhalt und in der Form."

Keine Wende nach der Wende

Allen, die glaubten, nach der politischen Wende in Osteuropa werde sich auch Kira Muratova in eine politische Filmemacherin, eine kritische Beobachterin der Zeit verwandeln, erteilt sie eine Absage. An ihrer grundsätzlichen Position jenseits der Ideologien hat sich auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nichts geändert. Die Finanzierung künstlerisch anspruchsvoller Filme bleibe ein Problem, mit dem auch andere Regisseure zu kämpfen hätten, meint sie nüchtern. "Was meine Filme betrifft – da ist es nicht schwieriger geworden. Sie werden gleich wahrgenommen. Sie gefallen immer irgendjemandem. Vielen gefallen sie nicht. Und einigen sind sie egal."

Aus dem Film Lange Abschiede von Kira Muratova. Pressefoto des Filmfestivals goEast 2009

Aus dem Film "Lange Abschiede" (1971)

Poesie der Einfachheit

Auch in den späteren Filmen - „Zwei in einem“ von 2007 beispielsweise - ist sich die Regisseurin treu geblieben. Streng strukturiert, aber voller surrealer Bilder und bizarrer Szenen entfalten sie eine ganz eigene Poesie. Muratova arbeitet gerne mit Laiendarstellern. In jedem Menschen steckt doch etwas von einem Schauspieler, sagt sie. Man muss es nur hervorlocken. Und trotzdem: "Ich bin Minimalist. Ich liebe den Minimalismus. Und nicht so etwas - wenn Armeen von rechts nach links marschieren, im Hintergrund lodert ein Feuer, und so weiter, und so weiter. Damit bin ich nicht zufrieden, mit diesem Grandiosen. Das langweilt mich." Und dieser Linie wird Muratova, die Minimalistin, zweifellos auch weiter treu bleiben.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Conny Paul

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