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Politik

Die Rache des Journalisten

Im Jahresend-Schmuddelwetter von Brüssel tut man am besten geschäftig, auch wenn man mental bereits in den Ferien ist - und die allgegenwärtigen Weihnachtsfeiern entsprechend auswählt.

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Adventszeit in Brüssel. Hier wie in anderen europäischen Hauptstädten fehlt auf jeden Fall der Schnee, um sich winterlich zu fühlen. Kalt ist es auch nicht, sondern trübe, regnerisch, windig. Schmuddelwetter halt, aber eigentlich nicht untypisch für Brüssel. Denn hier - in der Metropole Europas - regnet es mehr als in London, was kaum jemand weiß.

Die politische Maschinerie wiederum arbeitet auf Hochtouren. Das Jahr geht zu Ende - und es gilt, das eine oder andere Problem zu lösen oder ins nächste Jahr zu verschieben, auf jeden Fall aber den Eindruck zu erwecken, man tue und bewege etwas, statt nur Weihnachtsfeiern zu absolvieren. Obwohl das durchaus die gängige Abendbeschäftigung ist - und manchmal hat der geplagte Korrespondent drei Einladungen für einen vorweihnachtlichen Abend - und entscheidet natürlich nur nach der Qualität des Essens, des Restaurants, des Weins - und nie nach politischer Opportunität.

Das ist dann die Rache des Journalisten an den Entscheidungsträgern (und selbstverständlich den Trägerinnen). Einmal im Jahr geht es nicht nach Rang, Hierarchie und hoher Bedeutung, sondern nur nach Genuss. Dabei wuselts durchaus geschäftig in Brüssel. Die Verhandlungen mit der Türkei - sie befinden sich in einer Sackgasse - und mancher glaubt, sie stünden vor dem vorläufigen Aus. Entscheiden werden es offiziell die Außenminister, in Wirklichkeit natürlich der europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs auf ihrem traditionellen Wintergipfel kurz vor Weihnachten.

Immerhin: Kurz vor dem Eklat hat die Türkei sich bewegt. Wie weit, in welche Richtung - da gibt es erst mal nur Schulterzucken in Brüssel. Aber eifrig beugt man sich über das angebliche Angebot Ankaras - vielleicht doch einen Hafen und einen Flughafen zu öffnen - wenn, ja wenn. Die große Türkei-Lösung wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Formelkompromiss sein. Getreu dem Eu-Motto schlechthin: Es gibt zwar keine reale Lösung, aber immer das Prinzip Hoffnung. Es wird schon gut werden. Wie auch immer.

So ist die gute EU eben: eindeutig zweideutig, weich wie flüssiges Kerzenwachs auf dem Adventskranz. Und im Hintergrund wetzen bereits die Staats- und Regierungschefs die rhetorischen Messer. Die einen wollen mit der Türkei so weiter machen als sei nichts geschehen, die anderen am liebsten den ganzen Kram platzen lassen - und so eine Entscheidung revidieren, die ihnen nicht passt, an die sie aber völkerrechtlich gebunden sind. Das wird ein amüsanter Schlagabtausch - leider nicht öffentlich - und das Ergebnis - siehe oben. Aber bis dahin sind es noch ein paar Tage - und bis dahin kann man auf den verschiedenen Weihnachtsfeiern bereits besinnlich ins Glas schauen. Und nachdenken, wie die EU 2007 aussehen wird - dann mit 27 Mitgliedern und im ersten halben Jahr deutscher Geschäftsführung.