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Kultur

Die Rückkehr der Polaroids

Sie war so gut wie tot: die Polaroid-Kamera. Im Juni 2008 wurde im holländischen Enschede der letzte Polaroid-Film produziert. Doch junge Foto-Rebellen versuchen zu retten, was zu retten ist. Polaroid soll leben!

Simone Frignani verkauft im Sofortbild-Shop in Berlin auch alte und neue Polaroid-Kameras (Foto: Andreas Main)

In den 60er und 70er Jahren durfte sie bei keiner Familienfeier fehlen: die Polaroid-Kamera. Sie machte lustige Geräusche, und vor allem: Die Gäste im Party-Keller konnten sich die Bilder sofort ansehen und mitnehmen. Dann vor einem Jahr, kaum jemand dachte noch an die gute alte Sofortbildkamera, kam das Aus für die letzte Polaroid-Produktion im niederländischen Enschede. Die Grabesreden wurden geschrieben.

Mission Impossible

Auf einer Tafel steht geschrieben: 'Rent a Polaroid' (Foto: Andreas Main)

Polaroid-Kameras zum Mieten im "Sofortbild-Shop"

Doch junge Fotografie-Rebellen wollen die alte Technik retten. "The Impossible Project", so nennt sich die Gruppe ironisch, will Anfang nächsten Jahres die Produktion wieder hochfahren und im ersten Jahr eine Million Filme verkaufen. Florian Kaps ist Kopf jener Foto-Rebellen, die ihr Leben dem Polaroid verschrieben haben. Er reist zur Zeit ständig zwischen Enschede, Wien und Berlin hin und her.

Brunnenstraße 195 in Berlin: Der Laden ist klein, sehr klein. Kaum größer als eine Küche. Er heißt "Sofortbild-Shop". Hier im Grenzbereich zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg, gewissermaßen im Szene-Epizentrum, hat sich die deutsche Keimzelle der Polaroid-Szene kürzlich angesiedelt. Im Laden steht Simone Frignani. Der gebürtige Italiener ist Verkäufer im Sofortbild-Shop. Aber er ist auch Künstler, Fotograf und Polaroid-Jünger.

Bart, Hornbrille - alles passt bei Simone Frignani zusammen. Auch sein braunes T-Shirt. Darauf ein Polaroid. Es ist ein eigenes. Das Motiv: Jesus Christus.

T-Shirt, bedruckt mit dem Polaroid-Foto eines Gemäldes von Jesus mit Dornenkrone (Foto: Andreas Main)

Simone Frignani ist Verkäufer im Sofortbild-Shop in Berlin.

Revival des Sofortbildkults

Simone Frignani fotografiert seit fünf Jahren mit Polaroid. Rund 500 Polaroid-Fotos hat Simone Frignani in seinem Polaroid-Leben bisher geschossen. Also hundert im Jahr. So viele Fotos machen Urlauber mit ihren Digital-Kameras in zwei Wochen. Aber bei Polaroids überlegt man vorher, was man tut. Denn ein Film mit zehn Aufnahmen kostet 17 Euro.

"Ich mag digitale Kameras und digitale Bilder überhaupt nicht", sagt Simone Fragnani. "Für mich ist das nichts. Ich habe mir zwar auch eine digitale Kamera gekauft, sie aber nur zwei Mal benutzt."

Alte Fabriken, neue Filme

Der Sofortbild-Shop in Berlin-Mitte ist ein Anlaufpunkt für Künstler und Liebhaber. Es gäbe ihn nicht, hätte Florian Kaps nicht den weltweiten Altbestand an Polaroid-Filmen aufgekauft - vor einem Jahr, als die Produktion endgültig zu Ende ging. Der 39-jährige Wiener Künstler und Geschäftsmann sicherte sich die letzten 500.000 Filme. Und vor allem: Er kaufte in Enschede die alten Maschinen, stellte rund ein Dutzend der alten Mitarbeiter an und gründete "The Impossible Project".

Ein Mann rettet die Polaroid-Fotografie

Fassade der Polaroid-Fabrik in Enschede (Foto: Andreas Main)

In der Fabrik in Enschede sollen die Maschinen bald wieder anlaufen.

"Unmöglich ist an diesem Projekt eigentlich nichts", sagt Kaps. Schon bald soll die Produktion neuer Filme wieder anlaufen. Er meint es ernst, will nicht als gemeinnütziger Spinner abgetan werden. Er will mit seinem Projekt Geld verdienen. Und Arbeitsplätze schaffen. Geschäftsleute, Kamerahändler, Freunde und Angehörige haben drei Millionen Euro Risikokapital investiert. Im Business-Plan von Florian Kaps heißt es, die Ikonen der Analog-Medien seien unsterblich - und das Verkaufspotential in Nischenmärkten erstaunlich. Analog-Fotos hätten einen ganz eigenartigen Retro-Charme.

Simone Frignani kann das bestätigen: "Es kann sein, dass da eine Retro-Haltung eine Rolle spielt. Für mich und für alte Leute sind Polaroid-Fotos etwas ganz Altes und Retro-Style." Aber es kämen vor allem auch junge Leute in den Laden: "Für die ist das ganz neu und überraschend."

Jedes Bild ein Unikat

Die Käufer der neuen Sofortbildfilme beschreibt Kaps in seinem Businessplan so: "24 bis 47 Jahre alt, 55 Prozent männlich, hohes Bildungsniveau, kreativ, hohes verfügbares Einkommen, mehr als 52 Prozent Apple-Anwender." Eine Zielgruppe, die allem Digitalen gar nicht so feindlich gegenübersteht. Ganz im Gegenteil. Sonst wäre polanoid.net nicht so erfolgreich. "Das ist wie die Internetbilderseite Flickr, aber nur für Polaroid-Benutzer", erklärt Simone Frignani.

Polaroid-Fotos von Bäumen und Häusern als großformatige Prints im Sofortbildshop (Foto: Andreas Main)

Polaroid als Großformat: Prints im Berliner Sofortbildshop

Polanoid.net - das ist Social Media vom Feinsten: 16.000 Mitglieder hat die Plattform. Rund 220.000 Polaroids wurden bisher hochgeladen. Es ist schlichtweg anrührend, was es da zu sehen gibt: so viel Liebe zur Fotografie. Und doch geraten die Polaroid-Anhänger spätestens hier in einen unauflösbaren Widerspruch: Sie treten an, um die Reproduzierbarkeit des digitalen Fotos zu unterlaufen. Sie kämpfen für Polaroid, für das Unikat, für Individualität in der Kunst. Und doch präsentieren sie diese Bilder im Netz, unmittelbar verfügbar für alle und jeden.

"Retro - und zutiefst modern."

Doch selbst im Internet haben Polaroids etwas Magisches. Es ist zu spüren, dass diese Fotos etwas erlebt haben: "Wie die Farben aussehen, hängt von so vielen Umwelteinflüssen ab", sagt Florian Kaps. Die Temperatur nach dem Auslösen, die Lichtverhältnisse - all dies entscheidet darüber, ob das Polaroid einen eher rötlichen oder eher bläulichen Schimmer bekommt.

Auf jeden Fall müssen sich auch die heutigen Polaroid-Jünger gedulden. "Es dauert zwei oder drei Minuten, bis etwas auf dem Bild zu erkennen ist. Nach zehn Minuten ist das Bild ist fertig", sagt der italienische Szene-Mann. Eine Geduldsprobe in schnellen Zeiten. Auf der Digitalkamera könne man sich die Bilder viel schneller anschauen, aber: "eben nicht anfassen". Und was Simone Frignani über alle Maßen an Polaroid fasziniert, das ist "das Geräusch einer Polaroid-Kamera."

Autor: Andreas Main
Redaktion: Sabine Oelze / Ba

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