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Wirtschaft

Die Quelle versiegt

Ein letztes Mal sprudelt sie noch, die Quelle. Der große Ausverkauf von rund 18 Millionen Artikeln beschert dem insolventen Versandhaus einen beispiellosen Ansturm. Bei den Mitarbeitern herrscht dagegen Endzeitstimmung.

Eine Quelle-Mitarbeiterin verklebt ein Quelle-Paket (Foto: AP)

Deckel drauf: Versender Quelle stellt den Betrieb ein

Mario Wildner hat dieser Tage weit mehr zu tun als bloß Waren zu verkaufen. Der Marktleiter des kleinen Quelle-Technik-Zentrum im rheinischen Sankt Augustin muss Trost spenden. Er nimmt eine Verkäuferin in den Arm, die bitter weint um ihren Arbeitsplatz, den sie bald verlieren wird. "Das was hier abgeht, ist absolut unmenschlich", sagt Wildner, der gerade einen Anruf von der Insolvenzverwaltung erhalten hat. In zwei Wochen soll Schluss sein im von ihm geleiteten Quelle-Technik-Zentrum im rheinischen Sankt Augustin. Möglicherweise auch schon früher. Endzeitstimmung bei Quelle.

Mario Wildner (m.) mit zwei Verkäuferinnen vor leeren Regalen (Foto: DW)

Mario Wildner (m.) mit Verkäuferinnen vor leeren Regalen

Die Kündigungen haben seine elf Mitarbeiter längst erhalten. Keiner von ihnen hat bisher einen neuen Job gefunden. Wut über die Fehler der Geschäftsführung ist hier zu hören, aber auch Verzweiflung und Ratlosigkeit. "Ich werde damit mein Baby verlieren", sagt Wildner wehmütig. "Ich habe diesen Laden vor 15 Jahren eröffnet und werde ihn jetzt schließen. Irgendwie bin ich noch bei der Quelle, aber je näher der letzte Tag rückt, desto schlimmer wird es." Was für Mario Wildner ein beruflicher und persönlicher Schicksalsschlag ist, klingt aus dem Mund von Thomas Schulz, Sprecher der Insolvenzverwaltung, nach kühler ökonomischer Logik. "Die Quelle-Technik-Center waren ja ohnehin zur Schließung vorgesehen. Sie werden jetzt noch mal genutzt für den Ausverkauf der Ware."

Alles muss raus, auch die Mitarbeiter

Letztes Geleit: Quelle Filiale in Sankt Augustin vor der Schließung (Foto: DW)

Letztes Geleit: Quelle Filiale in Sankt Augustin

Abverkauf. Alles muss raus. Die Abwicklung eines Traditionsunternehmens. Für Quelle-Verkäuferin Linda Teewes ein schmerzhafter Vorgang. Die leeren Regale im Quelle-Shop sind ein schrecklicher Anblick für sie: "Ein ganz beschissenes Gefühl ist das gerade. Es ist sehr viel schief gelaufen im Unternehmen. Aber wir Angestellten können es ja leider nicht ändern." Drei Jahrzehnte arbeitete sie für Quelle, verkaufte Mäntel, Waschmaschinen und Reisen. Wer sein ganzes Berufsleben lang bei einem Arbeitgeber beschäftigt war, wird es schwer haben, sich schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Was des einen Leid ist, ist des anderen Freud: Die drastisch reduzierte Ware lockt seit Tagen viele Schnäppchenjäger in die Shops. Noch stärker besucht ist die Quelle-Internetseite, die mehrfach unter dem Ansturm zusammenbrach. Kurz bevor der Vorhang fällt, wird beim Fürther Versandhandel gekauft wie nie zuvor. Dabei scheint auch nicht abzuschrecken, dass es auf Elektrogeräte keine Garantie mehr gibt. Marktleiter Mario Wildner wurde völlig überrascht vom Ansturm der Menschen auf sein Technik-Center. "Die Leute haben uns fast umgerannt. Man musste hier ein bisschen auf sein Leben achten, hier war alles schwarz vor Menschen. Man hatte das Gefühl, da kommen die Leichenfledderer, so haben sie gewütet und gewühlt."

Keiner weiß, ob noch einmal Ware kommt

Restbestände: Die meisten Waren sind bereits verkauft (Foto: DW)

Restbestände: Die meisten Waren sind bereits verkauft

Man sieht es dem kleinen Ladenlokal an. Einige Regale gähnen vor Leere, daneben stehen leere Kartons. Insgesamt 18 Millionen Artikel sollen aus den Lagerbeständen unters Volk gebracht werden. Im kleinen Technik-Zentrum der Quelle in Sankt Augustin hoffen die Verkäufer, dass noch einmal Ware kommt. Viele Kunden sind enttäuscht, weil sie nichts mehr gefunden haben. Andere zeigen Verständnis für die Situation der Belegschaft. "Mir tut es sehr leid, dass Quelle pleite gegangen ist", sagt eine Kundin. "Ich wollte noch ein letztes Mal bei Quelle einkaufen, aber es ist ja schon fast nichts mehr da."

Obwohl von der Marke Quelle nicht mehr viel übrig ist, hat sich Konkurrent Otto aus Hamburg die Rechte gesichert. Für die vor der Arbeitslosigkeit stehenden Quelle-Beschäftigten in Deutschland bringt das Geschäft offenbar nichts. Sie sollen nicht übernommen werden.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Andreas Becker

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