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Sport

"Die Prothese läuft nicht von alleine"

Heinrich Popow ist einer von 34 deutschen Startern bei der bevorstehenden Leichtathletik-WM der Behinderten. Der 27-Jährige kann dank seiner Beinprothese fast so schnell rennen wie Läufer mit gesunden Gliedmaßen.

Der deutsche Leichtathlet Heinrich Popow gewinnt am Sonntag (14.09.2008) bei den 13. Paralympischen Spielen in Peking im 100-Meter-Finale (T42) die Silbermedaille. Foto: Rolf Vennenbernd dpa

Erfolgreicher Sprinter: Popow

Heinrich Popow hat zwei linke Beine. Eines für den Alltag und eines für den Sport. Die Prothese für den Sport zieht Popow, der seit einer Krebserkrankung mit neun Jahren vom linken Oberschenkel abwärts amputiert ist, erst kurz vor dem Training oder dem Wettbewerb an. "Wenn ich mich reinstelle und merke, dass funktioniert nicht, dann gehe ich an meine Werkzeugtüte, hole meinen Inbusschlüssel heraus und verstelle hier und da noch etwas."

Für seine beiden Disziplinen Sprinten und Weitsprung benutzt Popow dasselbe Karbon-Kunstbein. Nur die Feder ist eine andere. "Die fürs Springen ist härter, da ich viel schneller vom Brett wegkommen, also reaktiver sein muss." Zu glauben, dass eine solche Sportprothese ein High-Tech-Instrument sei und somit fast von alleine laufe, sei aber falsch. "Im Gegensatz zu meiner Alltagsprothese, die Mikroprozessoren und Mess-Sensoren enthält, besteht meine Sportprothese aus einer Null-Acht-Fünfzehn-Mechanik." Das wichtigste dabei sei, dass sie genau auf den Sportler zugeschnitten sei.

Viel Tüftelei

Sportprothese für Unterschenkelamputierte Links: der deutsche Sprinter Heinrich Popow bei den Paralympics 2008 in Peking. Quelle: Otto Bock HealthCare GmbH

Links: Popow (r.) sprintet bei den Paralympics 2008 in Peking zu Silber. Rechts: Karbon-Feder.

Das betrifft sowohl die Anbindung zum gesunden Bein als auch die Berücksichtigung von Gewicht und Athletik. Bei einem kleinen Läufer, der viele kleine Schritte macht, muss beispielsweise die Hydraulik, die die Schwungphase nach vorne und hinten steuert, geringer sein, als bei einem großen Läufer mit langen Schritten. "Es ist sehr hilfreich, dass ich selbst so technikbegeistert bin. Ich sitze oft mit meinem Orthopädietechniker zusammen und wir tüfteln, wie wir die Prothese verbessern können."

Bisher waren sie dabei schon sehr erfolgreich. Popow hat bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen Bronze und 2008 in Peking Silber über die 100 Meter gewonnen. Bei der bevorstehenden WM in Christchurch in Neuseeland (22.-30.1.2011) tritt er zudem als Titelverteidiger über 200 Meter an. Im Sprinten ist Popow, der in Kasachstan geboren wurde und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland zog, erfolgreicher als im Weitsprung. Und das, obwohl er in der Lauf-Disziplin einen entscheidenden Nachteil gegenüber vielen anderen Konkurrenten hat.

Hohe Belastung

Germany's Heinrich Popow competes in the men's long jump in the F42 category at the National Stadium, known as the Birds' Nest during the Beijing 2008 Paralympic Games, China, 16 September 2008. EPA/DIEGO AZUBEL +++(c) dpa - Report+++

Popow beim Weitsprung

"Mir fehlt das Kniegelenk und damit die Verbindung vom Unter- zum Oberschenkel. Deswegen kann ich nicht gebeugt aufsetzen, sondern nur gestreckt. Das heißt, dass ich aus dem Startblock fast aufstehen muss, um die Prothese unter den Körper zu bekommen." Aus der tiefen Phase das Rennen zu starten, wie das die nichtbehinderten Sportler machen, ist also nicht möglich. "Ich muss mich direkt beim Start aufrichten und das bremst mich aus."

Warum läuft er dann nicht die längeren Distanzen? "Da ist die Belastung zu hart." Popows Sportprothese hat zwischen Oberschenkelstumpf und Prothese kein Silikon oder Gummi. "Bei meiner Behinderung muss ich die Kräfte aus meinem Körper direkt auf die Prothese bringen. Silikon oder Gummi würden diese Kräfte mindern und ich wäre langsamer."

12-Sekunden-Grenze

Der deutsche Leichtathlet Heinrich Popow gewinnt am Sonntag (14.09.2008) bei den 13. Paralympischen Spielen in Peking im 100-Meter-Finale (T42) die Silbermedaille. Foto: Rolf Vennenbernd dpa +++(c) dpa - Report+++

Nur die Goldmedaille fehlt noch

Die Belastung durch das viele Training und die Wettkämpfe ist sowieso immens hoch – für den Sportler, aber auch für die Prothese. Sie geht öfter mal kaputt. "Das ist normal. Ich gehe ja anders damit um als der 'klassisch Amputierte'. Im Prinzip sind die Prothesen ja normale Medizinprodukte für den Alltag. Und Alltag heißt ja nicht 100 Meter in zwölf Sekunden zu laufen." Eine nicht ganz preiswerte Angelegenheit, denn eine Alltagsprothese kostet rund 20.000 bis 30.000 Euro. "Aber wie teuer ist Lebensqualität?", hält Popow, der von einem Orthopädieunternehmen gesponsert wird, dagegen. "Durch diese Prothese kann ich alles machen, was ich möchte. Ich fühle mich nicht behindert."

Die Kunstbeine ermöglichen ihm, seine Grenzen auszutesten. Das sei es, was ihn jeden Tag aufs Neue beim Training motiviere. "Ich möchte die 12-Sekunden-Grenze knacken." Das hat noch kein oberschenkelamputierter Athlet geschafft. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 12,28 Sekunden. Vielleicht schafft es Popow, der halbtags als IT-Systemadministrator in der Fußball-Abteilung von Bayer Leverkusen arbeitet, ja jetzt bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Neuseeland, diese Zeit zu unterbieten. Spätestens aber bei den Paralympischen Spielen 2012 in London will er es schaffen.

Autorin: Sarah Faupel

Redaktion: Arnulf Boettcher