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Politik & Gesellschaft

"Die Probleme liegen in der Organisation"

Die Politik will das Transplantationsgesetz ändern, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. Günter Kirste von der Deutschen Stiftung Organtransplantation erklärt, wo derzeit die Probleme liegen.

Portrait von Prof. Dr. Günter Kirste, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Organtransplantation. (Foto:DSO)

Günter Kirste

DW-WORLD.DE: Der Bundesgesundheitsauschuss hat sich am Mittwoch (08.06.2011) mit der Verbesserung der organisatorischen Standards bei Organtransplantationen beschäftigt. Wie ist die momentane gesetzliche Lage für Organspenden in Deutschland?

Günter Kirste: Wir arbeiten mit der erweiterten Zustimmungslösung. Das heißt, entweder hat ein Mensch der Organspende zugestimmt oder die Angehörigen entscheiden im Sinne des Verstorbenen. Wenn sie den Willen des Verstorbenen nicht kennen, dürfen sie nach eigenem Ermessen entscheiden.

Welche Schwachstellen sehen Sie bei dieser Gesetzeslage?

Ich sehe zunächst einmal keine Schwachstellen in der Gesetzeslage. Die Frage, wie die Angehörigen oder ein Organspender zustimmen, ist nicht das Entscheidende. Die entscheidenden Probleme, die wir in Deutschland haben, liegen darin, dass die Organisation für die Organspende nicht ausreichend ist.

Woran hapert es?

Die Probleme liegen darin, dass die Krankenhäuser die geeigneten Spendefälle häufig nicht erkennen. Zum Beispiel wissen viele Intensiv-Ärzte gar nicht, dass es heute keine Altersbegrenzung für Organspenden mehr gibt. Dieses Nichterkennen von möglichen Spendefällen ist ein Problem.

Spielt der Ärztemangel in deutschen Krankenhäusern ebenfalls eine Rolle?

Das ist das zweite Problem, denn es fehlen etwa 6000 Ärzte auf deutschen Intensivstationen. Das heißt, die Ärzte, die da sind, sind völlig überfordert. Sie haben einfach nicht die Zeit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Außerdem erfordern Gespräche mit den Angehörigen eine besondere Schulung und einen sehr sensiblen Umgang. So ein Gespräch dauert ein bis zwei Stunden und genau diese Zeit hat ein Intensivarzt nicht.

Gibt es genügend Transplantationsbeauftragte in den Krankenhäusern?

Nein. Es gibt bei weitem zu wenig. Außerdem muss die Tätigkeit eines Transplantationsbeauftragten definiert und festgelegt werden. Wenn ein Beauftragter nur die Aufgabe hat, atmosphärisch das Thema zu vertreten, dann genügt das nicht. Die Tätigkeit eines Transplantationsbeauftragten muss klar festgelegt werden und vor allen Dingen, er muss wegen dieser Tätigkeit von anderen Tätigkeiten freigestellt und an die DSO angebunden werden.

Krankenhäuser sind Ländersache. Fördert der deutsche Föderalismus die Organtransplantation oder ist er hinderlich?

Er ist zumindest nicht förderlich. Wir haben mit den Vertretern der Gesundheitsministerien im September 2010 gesprochen. Dabei kam heraus, dass einige der Ministerien nicht einmal wussten, dass sie die gesetzliche Verpflichtung der Krankenhäuser, Organspender zu melden, überwachen sollen. Insofern ist das föderale System nicht förderlich.

Halten Sie die Einführung der so genannten Widerspruchslösung in Deutschland für sinnvoll - einer Regelung also, die jeden zum Organspender macht, der nicht ausdrücklich Widerspruch einlegt?

Die Widerspruchslösung ist kein Allheilmittel. Die wesentlichen Probleme liegen auf der organisatorischen Ebene. Die Widerspruchslösung ist außerdem derzeit nicht konsensfähig - weder im Parlament noch in der Bevölkerung. Die entscheidenden Punkte, um die Organspende in Deutschland zu verbessern, liegen im organisatorischen Bereich. Das haben uns viele Länder voraus.

2010 konnten mehr als 4300 Menschen in Deutschland durch eine Organspende gerettet werden. Wie viele Menschen sterben im Jahr, weil nicht genügend Organe gespendet und transplantiert werden können?

Ungefähr drei pro Tag oder Tausend im Jahr. Diesen Menschen könnte man mit Sicherheit helfen. Man muss ja auf der anderen Seite im Blick haben, wie viele potenzielle Spender es in Deutschland geben könnte. Derzeit sind es - statistisch gesehen -15,9 Menschen pro Einwohner. Studien besagen aber, dass es bis zu 40 sein könnten.

Prof. Günter Kirste ist seit 2004 Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Die DSO ist eine gemeinnützige Stiftung, die durch das Transplantationsgesetz vom 20. Juli 2007 ins Leben gerufen wurde. Sie ist die Koordinationsstelle der Transplantationen in Deutschland, arbeitet im Auftrag der Bundesärztekammer und wird von den Krankenkassen getragen.

Das Gespräch führte Matthias von Hellfeld

Redaktion: Dеnnis Stutе

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